Schirin Kretschmann in der Galerie Gisela Clement

  

Fotografie Neven Allgeier

Toter Winkel

„We have now reached a point where we see not the art but the space first“, schrieb Brian O’Doherty 1976 in seinem zum Klassiker gewordenen Essay Inside the White Cube, mit dem eben dieser „Weiße Würfel“ zum Schlüsselbegriff für das Nachdenken über postmoderne Kunstbetrachtung und -präsentation wurde. 

Wenn man die Räume der Galerie Clement in Bonn betritt, um die Ausstellung Toter Winkel von Schirin Kretschmann zu sehen, wird diese Behauptung problematisch. Denn der Ausstellungsraum und das Kunstwerk sind hier so untrennbar miteinander verbunden, aufeinander bezogen und trotz der großen Leere, die beide zusammen bieten, so voll von Gedankenspielen, Ideen und Prozessen, dass sich das unbeschriebene Blatt Papier, als das sich die „weiße Zelle“ präsentiert, ganz schnell füllt. 

Im Treppenhaus auf dem Weg in die oberen Ausstellungsräume nimmt man vielleicht im Vorbeigehen die silbernen Nägel wahr, die scheinbar ohne Zweck in die Wand geschlagen sind, und denkt sich dabei erstmal nichts. Oben angelangt öffnen sich zu beiden Seiten zwei große, hohe Räume, der Inbegriff von White Cube. Und hier beginnt das Spiel zwischen der Wahrnehmung von Raum und Werk: Die Böden sind fast komplett weiß und lassen nur einen schmalen Winkel an der Wand zum Betreten frei. Die weiße Fläche, die den Boden in beiden Räumen bedeckt, ein gedrehtes Quadrat, dessen Ecken an die Wände des Raumes stoßen, als würden sie sich hinter der Wand im Raum fortsetzen, bestehen aus feinem Gipspulver, und die exakt gezogenen Kanten suggerieren sofort: Nicht betreten!

Bei Schirin Kretschmanns ortsspezifischer Arbeit ist der Boden die Leinwand, die gerahmt wird von den für das Galeriehaus typischen und auffallend hohen hölzernen Fußleisten. Diese Fußleisten waren auch der Auslöser für das Konzept der Ausstellung. Sie sind so unübersehbar und immer Teil des Raumes, egal wie dieser von Künstler_innen bespielt wird. Schirin Kretschmann behandelt sie wie ein Ready Made, das durch ihren künstlerischen Eingriff extra betont wird. „Mir geht es darum, Dinge sichtbar zu machen, die schon da sind“, erklärt sie ihre Herangehensweise, die immer ortsspezifisch ist. Jeden Raum seziert und analysiert sie in seinen Einzelheiten, bevor sie eine Arbeit dafür entwickelt. Die Leere, die weiße Fläche ist genauso wichtig wie das, was sie neu hinzufügt. Und jeder Raum bringt andere materielle Voraussetzungen mit, auf die sie reagiert. Das Material der Arbeit auf dem Boden ist dasselbe wie auf den Wänden – Gips. Das Feld aus Gipspulver entspricht genau dem Grundriss jeden Raumes, nur leicht gedreht und in sich selbst hineingesetzt. 

Über die Zeit wird die Gipsfläche Spuren tragen, von Besucher_innen, die vielleicht doch der Versuchung nicht widerstehen, die Fläche zu berühren und ihre Fingerabdrücke hinterlassen, von äußeren Einflüssen wie Wind, Staub oder Insekten, die sich in die Räume verirren, von unvorhersehbaren Zufällen oder gar Unfällen. Mit dem Moment der Ausstellungseröffnung ist das Werk nicht abgeschlossen und unveränderlich, sondern lebendig und temporal. Allein die Kanten werden immer wieder begradigt und nachgezogen. Der Rahmen bleibt, der Rest ist Teil eines Prozesses. 

Auf dem Weg zurück nach unten fällt der Blick erneut auf die in unregelmäßigen Abständen in die Wand des Treppenhauses geschlagenen Nägel. Ausgangspunkt waren die Überbleibsel der Vorgänger-Ausstellung in der Galerie von Martin Pfeifle. Die Arbeit ist längst abgebaut und verpackt, nur die Nägel zeugen noch davon. Und auch hier kommt der Gedanke der Spur wieder ins Spiel, denn die Nägel sitzen genau an den Stellen, an denen bei früheren Ausstellungen im Galeriehaus Arbeiten hingen, deren Spuren aber durch das Verputzen der Wand fast unsichtbar geworden sind. Schirin Kretschmann hat diese „Narben“ in einer performativen Aktion während der Ausstellungseröffnung wieder aufgedeckt, die Wände abgetastet und die Nägel an den Stellen, wo Unebenheiten im Putz eine gekittete Stelle verrieten, wieder eingeschlagen. Das Auge verbindet sie zu Linien und Mustern, sie ergeben ein Relief, wo eigentlich nichts ist, und wie bei den weißen Gipsfeldern entsteht aus einem negativen Volumen ein Bild im Raum. 

Die besondere Architektur des Galeriehaus von Gisela Clement stellt die Künstler_innen, die dort ausstellen, immer wieder vor Herausforderungen. So museal, imposant, groß wirken die Räume, dass die Kunst sich behaupten und dagegen halten muss. In Schirin Kretschmanns Ausstellung wird die Architektur nicht verdeckt, die Wände nicht verhangen, sondern sie tritt ganz ins Zentrum der Beobachtung und spiegelt sich in der raumfüllenden Bodenarbeit wider. Im Toten Winkel können Räume oder Personen nicht eingesehen werden, ob mit Spiegeln oder Kameras als Hilfsmittel. In Schirin Kretschmanns gleichnamiger Ausstellung werden Raumteile oder Details sichtbar, die sonst übersehen würden. Das einzige Hilfsmittel hierbei ist die Intervention durch die Künstlerin.

Leonie Pfennig

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