Shaun Motsi – Notiz von Vivien Trommer

Wo gehören wir hin?

Ein edler Flügel wird in seine Einzelteile zerlegt. Entblößt geben sich die Stahlsaiten und die rohe Holzkonstruktion den Blicken frei. Im Blaumann liegt ein Automechaniker unter dem aufgebockten Korpus und schraubt am Resonanzboden. Neben ihm steht seine Werkzeugkiste, hinter ihm befindet sich sein gut sortiertes Werkzeugregal. Den schwarzen Deckel, die Lyra und die Beine hat er vom Gehäuse getrennt und an einen unweit entfernten Pfeiler gelehnt, daneben steht ein Pappkarton mit riesigen Kalebasse-Kürbissen. An die Wand wurde der Unterbau der Klaviatur montiert, unter dessen Hammerköpfen ein weiterer Kürbis in leichtem Beige klemmt. Der Schriftzug „Sweet, Sweet Chariot“ ziert als Feuerspur-Gravur den prächtig geschwungenen Flügelkorpus. Es scheint so, als wolle der Mechaniker das Klavier in einen Streitwagen umbauen, der wie der Refrain des titelgebenden Gospelsongs die Hoffnung darauf verkörpert, nach Hause gebracht zu werden – die Hoffnung darauf, an einem gerechteren Ort als auf unserem Planeten zu leben.

In Shaun Motsis Einzelausstellung in der PSM Gallery kreuzen sich unterschiedliche Narrative aus der Afrikanischen und Afroamerikanischen Diaspora, dem Gospelgesang und der Science-Fiction Kultur mit Westlichem, traditionellem Handwerk. Motsis Werke, die von Malerei über Skulptur bis hin zum Environment reichen, referieren unter anderem auf den berühmten Jazzmusiker Sun Ra und seine Lebensgeschichte, die z. B. auch im Blaxploitationfilm Space Is the Place (1974) beschrieben wird. In den 1960er Jahren landete Ra für seine Konzerte mit einem Raumschiff auf der Erde und feierte in seinen spacigen Outfits mit jungen Afroamerikaner den „Cosmic Jazz“, eine wilde Musik, die entführte und als Transportmittel in den Weltraum, zurück auf Ras Heimatplaneten Saturn, galt. Auch die Kalabasse-Kürbisse haben ihren Ursprung in der Musik. Der Folklore Song „Follow the Drinkin’ Gourd“ (1928) war das Befreiungslied der US-amerikanischen Sklaven auf den Plantagen des Südens und wurde gesungen, um der Hoffnung auf Unabhängigkeit Ausdruck zu verleihen. Drinking Gourd ist allerdings nicht nur der englische Begriff für Kalabasse, die von mittellosen Sklaven aufgrund ihrer geschwungenen Form als Wasserschöpfkellen verwendet wurden, sondern auch ihr Codename für das Sternzeichen des Großen Bären, das ihnen den Weg nach Norden – in Richtung Freiheit – weisen sollte.

Doch wie sieht dieser Weg in die Freiheit aus? Welche Formen der Befreiung kann es geben? Wie real kann Hoffnung sein? Motsis Ausstellung überprüft und verknüpft unterschiedliche Erzählstränge, die von der Suche nach einer neuen, vielleicht aufrichtigen Welt berichten. Reflektiert setzt er sein neues Ausstellungsnarrativ aus tradierter Geschichte, den Ideen des Afrofuturismus und Versatzstücken des Fantasyfilms zu einem vielschichtigen, aber fragilen Konstrukt zusammen, das die Möglichkeit bietet, unsere Gesellschaft und ihre paradoxen Mechanismen mit einem Nicht-Weißen Blick zu betrachten. Dabei öffnen Motsis Durchbrüche durch die Wände des Ausstellungsraums, hinein in das Lager und das Büro die Galerie und können gleichzeitig als eine Erweiterung des Bewusstseins und als ein Überwinden der gängigen Konventionen gelesen werden. Es gibt immer noch ein Dahinter und die Wege dahin sind endlos, scheint die Ausstellung zu zeigen. Sweet, Sweet Chariot ist Magie, eine Situation voller Wunder, und fühlt sich dabei sehr real an.

Text: Vivien Trommer

 

 

 

Shaun Motsi
„Sweet, Sweet Chariot“
kuratiert von Aaron Bogart
PSM Gallery, Berlin
18. März – 15. April 2017