Simon Denny „New Management”

Für die Ausstellung „New Management” nimmt Simon Denny ein Schlüsselmoment aus der unternehmerischen Geschichte der Samsung-Gruppe als Ausgangspunkt, nämlich die als Frankfurt Declaration bezeichnete dreitägige Rede des CEO Lee Kun-hee, in der er im Jahr 1993 seine neue, visionäre Markt- und Managementstrategie verkündete. Dieses äußerst wirkungsmächtige, interne Ereignis prägt bis heute die Strategie, Ethik und Rhetorik des seitdem zum Global Player aufgestiegenen Unternehmens. Denny, der 1982 in Auckland geboren wurde und an der Städelschule in Frankfurt studiert hat, zeigt im Portikus die damit zusammenhängenden Ereignisse, Geschichten und Ökonomien. Indes beabsichtigt er weder die Wirklichkeit nachzubilden, noch eine solche zu phantasieren. Die Ausstellung bezeichnet Denny vielmehr als „nicht autorisierte Dokumentation“. Seine Strategie ist es, vorhandenes und imaginiertes Material zu präsentieren und dabei die Rolle des Außenbetrachters gegen diejenige eines Samplers auszutauschen, der die in kulturellen Vorstellungen vorhandene Perspektiven austestet. Das Zentrum der Installation bildet ein schwarzes, glänzendes Podest, darauf ein längerer Podiumstisch, ein Bürostuhl sowie im Hintergrund eine Canaletto-Reproduktion. Das exponierte Interieur ist nicht nur Dennys imaginäre Wiederherstellung des Kongressraumes in Kempinski Hotel Gravenbruch, wo sich das Management und die Investoren von Samsung im Jahr 1993 versammelten. Sie reflektiert auch eine zweite aktuelle Raumordnung in Seoul, die kurz nach dem Kongress entstanden ist: Lee Kun-hee ordnete nämlich an, dass gesamte Interieur nach Seoul zu transportieren und dort aufzustellen. So bezieht sich Simon Denny nicht nur auf das historische Ereignis, sondern auch auf den Mythos, der sich um diese in der Folgezeit bildete. Das Podest wird vorn und hinten durch in Stahlkonstruktionen eingelassene, mit grauer Spiegelfolie bezogene Glaswände abgeschirmt, so dass ein mehrfach geframtes Ensemble entsteht. Die Trennwände erinnern an die Architektur von Großraumbüros und den seit den 90er Jahren verbreiteten Stil der Glas-Stahl-Fassade, der korporative Offenheit und Transparenz suggerieren soll. Der Tisch ist mit einer rosafarbenen Tischdecke mit dem Schriftzug „New Management“ bedeckt und mit einer für Konferenztische typischen Dekoration aus künstlichen Rosen geschmückt. Diese etwas altmodischen anmutenden Details und weichen Farben verleihen dem Arrangement einen Soft-Touch und dadurch einen Hauch von Sentimentalität, passend zu einer Rückbesinnung auf die Anfänge einer unternehmerischen Erfolgsgeschichte.

 

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Simon Denny, „New Management“, Installationsansichten Portikus, Frankfurt, 2014. Cortesy & copyright: Portikus, Frankfurt. Foto: Helena Schlichting

 

Stilles Meer, heiterer Himmel, klare Sicht: Das Plakat zur Ausstellung verwendet das Cover des Samsung Summer Annual Report aus dem Jahr 2003, der unter dem Titel „The Next Phase“ erschien. Für Samsung bedeutet die Frankfurt Declaration einen signifikanten Bruch mit der Vergangenheit und markiert den Zeitpunkt, in dem sich das Unternehmen für eine neue kulturelle Ethik auf der Grundlage von wirtschaftlicher und politischer Hegemonie sowie Nationalismus entschied. Vor allem aber unterstreicht Lee Kun-hees „New Management“ die Notwendigkeit der Globalisierung und zeichnete die Wege einer unternehmerischen Umstrukturierung vor, die Samsung von einem regionalen Produzenten zweitklassiger Fernsehgeräte zum Marktführer in der Elektronikindustrie umwandeln sollte. Das verwendete Bild ist visuell hoch effektvoll. In Postproduktion entstanden prägt es in seiner Makellosigkeit und Glattheit die Corporate-Ästhetik. Das Motiv erinnert aber auch an das Buchcover und Symbolik der „Blue Ocean Strategy“, die 2005 vom Koreaner W. Chan Kim und Renee Mauborgne entwickelt wurde. Dieser Ansatz propagiert die Öffnung neuer Märkte durch Werte- und Produktinnovation durch die Vermeidung destruktiven Wettbewerbs – im Unterschied zu der „Red Ocean Strategy“, die „blutige“ Marktkämpfe legitimiert. Samsung gilt als Paradebeispiel für die erfolgreiche Adoption der Blue Ocean Strategy. In die Management-Philosophie des Unternehmens ist ferner die viel beschwörte Strategie der disruptiven Innovation integriert, die der Harvard-Professor Clayton Christinsen 1997 in seinem Buch „Innovator’s Dilemma“ entwickelte; ein Ansatz, der inzwischen zunehmend auf Kritik stößt. Erst kürzlich beschrieb die Ökonomin Jill Lepore im New Yorker die „disruptive innovation“ als gut vermarktete, leere Formel, die sich vor allem für Polemik und Abschreckung eigne: „Disruption is a theory of change founded on panic, anxiety, and shaky evidence.“

 

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Simon Denny, New Management. 3D rendered image by freelancer.com user filipos181 (Belgrade), 2014. Courtesy of the artist and Galerie Buchholz, Petzel Gallery, T293, Michael Lett.

 

Was diese Business-Strategien vereint, ist der Versuch, die Zukunft des eigenen Unternehmens zu beherrschen. Dabei ist Zukunft ein stets kulturelles Konstrukt. Eindrucksvoll zeigt die Ausstellung das komplexe Zusammenspiel, wie Zukunft geschaffen und welchen visuellen Regimen sie dabei unterworfen wird. Hier setzt Denny an: So ist die Rücklehne des Bürostuhls mit einem Fotoprint von Lee Kun-hee während der historischen Rede bedruckt, so dass sein Gesicht ins Zentrum der Installation rückt und gleichzeitig ein Teil des Designs wird. Die historische Essenz verwandelt sich in eine Oberfläche. In der Ausstellung hängt ferner eine Box mit Kosmetikartikeln, Briefpapier, Hotelkarten und Rechnungen aus einem zum Samsung-Konzern zählenden Luxushotel, in dem Denny übernachtet hat. In einer weiteren Box liegen mehrere Handy-Modelle, Vorgänger des Erfolgsprodukts „Samsung Galaxy“. Es sind Displays von Produkten, die im Ausstellungskontext gleichsam archäologisch die Materialität als untrennbare Dimension der Rhetorik aufzeigen. Schließlich verwandelt Denny Sprache in materialisierte Textualität: Die historische Rede wurde zwar nie veröffentlicht, doch kursierte sie innerhalb des Unternehmens als die Unternehmensbibel für die Angestellten; für die Analphabeten gab es sie in einer Comic-Variante. Denny ließ sie für den Ausstellungskatalog über freelancer.com zweimal übersetzen. Durch diese typisch dekonstruktive Geste wird nicht nur die symbolische Wirkung der Rede sublimiert, sondern das Augenmerk auf das Medium gelenkt. Auf die vier an die Glaswände installierte Klimaanlagen sind ferner Slogans des damaligen Chairman zu lesen: „Change begins with me.“ „Change everything but your spouse and kids.“ Die Klimaanlagen, selbst Samsung-Produkte, laufen permanent und wälzen die Luft im Raum um, als suchten sie ein atmosphärisches Gesamterlebnis von Text und Design, Mythos und Material zu erzeugen. Der Bürostuhl mit dem Bild des Kun-hee bildet dennoch keinen visuellen Höhepunkt; der gesamten Installation sind spektakuläre Momente fremd. Nüchtern verweist das in die Höhe des Raums gehängte Datum der Frankfurt Declaration auf den zeitlichen Dreh- und Angelpunkt. An den Ausstellungswänden entwickelt sich auf mehreren Zeittafeln die Geschichte der Samsung-Gruppe seit 1938. Mit wissenschaftlicher Objektivität werden den Jahresdaten Ereignisse zugeordnet, vor allem Gründungen von Subunternehmen. Die Chronologie wird durch Leitsätze aus den jeweiligen unternehmerischen Epochen unterbrochen, die Fortschritt und Wachstum markieren. Von den Plexiglas-Flächen dieser „History Halls“ sind indes die Folien des Herstellers nur teilweise abgezogen. Denny berichtet in seinem eigenen Katalogtext, wie er weltweit über Onlineplattformen Übersetzer, Illustratoren und Produzenten rekrutierte. Indem er die Ausstellungproduktion global anlegt, probt er im Rahmen der Ausstellung selbst das Verhalten des Unternehmens aus, um damit erneut einen quasi indexikalischen Bezug herzustellen. Wie Simon Denny zum Konzern steht, bleibt dem Betrachter verschlossen. Die Ausstellung beeindruckt am meisten dadurch, dass sie die Komplexität des inneren Blickes auf die Regeln, nach denen Geschichte und Management, Technologie und Zukunft verhandelt werden, beibehält, ohne sich in klischeehafte Positionen der Wirtschaftskritik zu begeben oder manieristisch die unternehmerische Ästhetik zu spiegeln.

Text: Viktoria Draganova

http://www.portikus.de

 

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Simon Denny, „New Management“, Installationsansichten Portikus, Frankfurt, 2014. Cortesy & copyright: Portikus, Frankfurt. Foto: Helena Schlichting

 

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Simon Denny, „New Management“, Installationsansichten Portikus, Frankfurt, 2014. Cortesy & copyright: Portikus, Frankfurt. Foto: Helena Schlichting

 

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Simon Denny, „New Management“, Installationsansichten Portikus, Frankfurt, 2014. Cortesy & copyright: Portikus, Frankfurt. Foto: Helena Schlichting

 

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Simon Denny, „New Management“, Installationsansichten Portikus, Frankfurt, 2014. Cortesy & copyright: Portikus, Frankfurt. Foto: Helena Schlichting