Stefan Vogel – Notiz von Leonie Pfennig

Brutstätten und andere Schwärmereien

Eine Ausstellung in der Galerie Gisela Clement, Bonn

kuratiert von Johanna Adam
20. Januar – 2. März 2017

“Haben Sie Höhenangst?” fragt die Galeristin beim Betreten der Ausstellung, in einem Vorraum zum imposanten Architektenhaus am westlichen Ende von Bonn. Noch nicht, denke ich, und nehme die Stufen zum ersten Teil der Ausstellung von Stefan Vogel, auf alles gefasst. Der Bruch mit der edlen Architektur, dem polierten Holzboden und der massiven Steintreppe wartet gleich auf der ersten Zwischenebene, die mit verblichenen Europaletten ausgelegt ist. Ein Kühlschrank, der mir seine Rückseite zuwendet, die Tür zur Wand hin geöffnet, und ein Ventilator, der mit dem Gesicht nach unten liegt und sich hin und her bewegt wie ein Käfer, der auf dem Rücken gelandet ist und sich nicht mehr umdrehen kann. Dabei bringt er einen kleinen Fetzen Stoff an der Wand zum flattern. Im Kühlschrank gähnende Leere, bis auf eine Neonschrift: Tremolino. Das kleine Gezitter, erklärt Stefan Vogel, der das vergangene Jahr als Stipendiat der Villa Romana in Florenz verbracht hat. Eigentlich falsch geschrieben, denn es fehlt ein r, aber das Wort hört sich so richtig an. Das Wort, dass für das letzte Jahr, das Villa-Jahr steht. “Brutstätten und andere Schwärmereien” ist die erste Ausstellung seit Italien, und vieles von dort ist in die Ausstellung eingeflossen, nicht nur die Bilder, an denen er dort gearbeitet hat, auch der Kühlschrank, der in seinem Atelier stand und jetzt das Tremolino beherbergt. Eigentlich ist die Villa auch wie ein gemeinsamer Kühlschrank, ein Gehäuse, in das jeder seine Sachen packt, bemerkt Stefan Vogel. Für eine Zeit lang sammelt sich dort drin alles mögliche an, jeder hat sein Fach, manches wird gemischt und geteilt und am Ende kommt das große Abtauen, das nie Spaß macht, aber sein muss.

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Tremolino(Kühlschrank)

tremolino

Ein ziemlich großes Stück Villa Romana findet sich auch im ersten Raum der Ausstellung, dessen Boden ebenfalls mit Holzpaletten ausgekleidet ist. Auf dünnen, sehr wackelig aussehenden Stahlkonstruktionen, die wie Insektenbeine auf dem Boden stehen und mit kleinen Stahlfüßchen in ihm verankert sind, befinden sich Arrangements aus Pflanzentöpfen und aufgeschütteten Erdhaufen, beleuchtet durch von der Decke baumelnden Glühbirnen – kleine Brutstätten. Das Licht ist gedämmt, es soll sich anfühlen wie am Abend. In der Dämmerung, wenn die Mücken aufwachen. Die Mücken, die fast schon liebgewonnenen Mitbewohner im florentiner Atelier, die wie er um seine Arbeiten immer im Kreis fliegen und ihre Schleifen ziehen, unermüdlich.
Für sie oder in Erinnerung an sie hat Stefan Vogel die kleinen Brutstätten gebaut, um zu sehen, was passiert, wenn man sie sich selbst überlässt. Ein Biotop so wie das Atelier, dieser Ort zwischen Arbeits- und Lebensraum, der bei ihm immer irgendwie beides ist. Eigentlich dienen die Pflanzen aber nur dem Zweck, als Schablonen in Verbindung mit den spinnerigen Stahlbeinen Schattenzeichnungen an die Wand zu werfen und sich in den weißen gerahmten Zeichnungen zu spiegeln. Immer ganz leicht in Bewegung, weil der Palettenboden beim Betreten nachgibt, werden sie zu einem Film, der sich in den Bilderrahmen abspielt. Hinter den Schatten der Pflanzen ist die Wand übersät mit Linien, flüchtigen Strichen und tiefen Furchen, Kratzern, Rissen. Was wie eine filigrane Cy Twomblyige All-Over-Wandzeichnung aussieht ist das Ergebnis eines brutalen Eingriffs in die Architektur mit der Flex. Ein wackeliger Moment auf der Leiter, der auf Anhieb sitzen muss, abrutschen geht nicht.
Diese Momente, die Stefan Vogel immer wieder erzeugt, sind stark. Das Umschwenken von schön und delikat zu einem Gefühl von Gänsehaut wie bei Fingernägeln, die über eine Schultafel kratzen. Eine klare, leichte Zeichnung mit eckigen abstrakten Zeichen, die sich beim näheren Betrachten als fiese Tackernadeln entpuppen. Die minimalistische Strenge der Papierarbeiten, die durch mit hausfräulicher Akribie genähte Linien aus Nähgarn gebrochen wird. Der makellose Ausstellungsraum, der komplett mit alten Europaletten ausgelegt ist. Und nicht nur das – und dann kommt der Höhenangst-Moment – Stefan Vogel baut aus ihnen gleich eine ganze Architektur mit Treppe und einem eingezogenen Stockwerk, das er in den hohen Ausstellungsraum hineinsetzt. Zwischen den Latten kann man nach unten blicken in die temporäre Werkstatt, das Atelier, das er sich hier eingerichtet hat, um die Ausstellung zu bauen. Einfach nur Bilder an eine Wand zu hängen kommt nicht in Frage, auch wenn diese durchweg auch ohne ihr aufwendiges Environment bestehen können.

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Brutstätten und andere Schwärmereien_Detail2

Brutstätten und andere Schwärmereien_Detail1

Und dann ist da noch dieser unbekümmerte Humor, der in allen Arbeiten steckt, aber nie zu viel ist. Der in Titeln, wie “Trümmer können nicht winken” mitschwingt. Der unweigerlich an die Nonchalance von Sigmar Polke denken lässt (dessen Höhere Wesen er auch in einer genähten Papiercollage mit dem Titel “Sigmar befiehlt: Lustige Abweichung!” zitiert).
Neben dem Türdurchgang hängt eine kleine Zeichnung: “181 cm” steht dort auf einem mit Schreibmaschine geschriebenen Zettel, der auf das weiße Blatt Papier im Hintergrund geklebt ist. Ein paar Zentimeter darüber eine von Hand gezeichnete Linie und der Vermerk, “Klare 181” Die Zeichnung basiert auf dem Versuch, eine bestimmte Höhe zu schätzen, und war von Anfang an zum scheitern verurteilt. Um dieses Verschätzen und die Dinge am Ende anders werden lassen, als geplant, geht es Stefan Vogel in vielen Arbeiten. Und um das Ausprobieren von Bildformen und -formaten. Zeichnungen, die eben nur aus diesen beiden Phrasen und Schnipseln bestehen. Oder, um das ganze noch eine Stufe weiter zu drehen, die eigentlich aus nichts bestehen, außer einem leeren Blatt mit einer waagrechten Linie, die aber nur der Schatten der gebrochenen Glasplatte des Rahmens ist. Nimmt man den Rahmen weg, um die Zeichnung zu isolieren, verschwindet sie.
Genauso funktionieren – oder besser nicht-funktionieren – auch die großformatigen Bilder. Möchte man sie als ganzen Bildraum betrachten und von der Komposition der sich spiralig über die Fläche windenden Linien, die an Flugbahnen von Fliegen erinnern, auf ein Motiv schließen, scheitert man an der Größe. Geht man näher heran, angelockt von den getippten Bandwurmsätzen, als die sich geschwungenen Linien entpuppen, scheitert man erneut an ihrer Unlesbarkeit und ihrem Un-Sinn.
Bei zwei Bildern ist die Leinwand vollständig mit senkrechten Linien aus schwarzem Garn überspannt, von Weitem ein nach rechts hin dunkler werdender Farbverlauf, von Nahem betrachtet eine zweite Bildoberfläche, ein Vorhang, hinter den man blicken muss, um etwas zu sehen. Darunter kleben miniaturhafte Bilder-im-Bild, die mit dadaistisch-poetischen Textschnipseln versehen sind. “Und sie schälen schälen schälen traurig Pellkartoffeln” steht da getippt, die Worte schälen senkrecht übereinander getippt in immer enger und kleiner werdenden Abständen, bis sie zu einem schwarzen Ornament verwachsen. Sie tun einem fast leid, diese “sies”, die traurig in ihre Kartoffeln weinen, man möchte sie in den Arm nehmen. Stefan Vogels Arbeiten haben ein Eigenleben, sind eigene Persönlichkeiten, weil so viel von seinem Leben in ihnen steckt.

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StefanVogel_o.T.a.d.h.j.n.v.

StefanVogel_Treppenhaus

Und_sie_schälen_traurig_Pellkartoffeln

 

Text: Leonie Pfennig

Fotos: Martin Meiser, Christoph Jaschke

16. Februar 2017, 19.00 Uhr:
Midissage mit Performance und Buchvorstellung

Galerie Gisela Clement
GALERIEHAUS
Lotharstraße 104
D-53115 Bonn