Swiss Art Awards 2015 und die Schweizer Kulturförderung

Wir haben uns mit Gioia dal Molin, die die diesjährigen Führungen während der Ausstellung der Swiss Art Awards 2015 begleitet, getroffen und über Schweizer Kulturförderung, Wettbewerb, Selbstvermarktung der Künstler und Künstlerinnen und dessen Auswirkungen auf künstlerische Prozesse gesprochen. Ein Interview.

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Gioia Dal Molin, Foto: Jonas Schnyder

Amelie gr. Darrelmann (Team KubaParis)
Du hast Geschichte und Kunstgeschichte studiert. Im Rahmen deiner Dissertation hast du dich mit der öffentlichen und privaten Kunstförderung in der Schweiz beschäftigt. Du bist Mitbegründerin des Ausstellungs- und Gesprächsformats Le Foyer. Dieses Jahr begleitest du die Führungen innerhalb der Ausstellung der Swiss Art Awards 2015. Wie bist du zu diesem Engagement gekommen?

Gioia Dal Molin
Die Schweizer Kunstwelt ist nicht riesig und mehr oder weniger überschaubar. Durch meine wissenschaftliche Arbeit einerseits und meine freien kuratorischen Tätigkeiten andererseits kannte ich Léa Fluck und Manuela Schlumpf vom BAK bereits. Mein Engagement für das Vermittlungsprogramm bei den Swiss Art Awards ist über diese Verbindungen zustande gekommen.

Amelie
In deinen wissenschaftlichen Ausführungen zur staatlichen Kulturförderung sprichst du von einer verstärkten Bemühung um Sichtbarkeit und Markttauglichkeit, von einer Wettbewerbsgesellschaft und dem Künstler als singulären und genialen Kunstschaffenden, der als autonomer Unternehmer seiner selbst agiert. Wie ist es dazu gekommen und was haben diese Entwicklungen für Konsequenzen?

Gioia
Diese Verschiebungen und Veränderung im Feld der Kunst sind meiner Meinung nach durch tiefgreifende gesamtgesellschaftliche Transformationsprozesse bestimmt, die mit der Herausbildung postmoderner und spätkapitalistischer Gesellschaftsordnungen einhergehen. Die Kunstwelt an sich hat sich seit den 1960er Jahren in zweierlei Hinsicht ausgedehnt. Einerseits nahm das kunstinteressierte, mitunter auch kaufkräftige Publikum zu. Andererseits stieg die Zahl an Biennalen, Kunstmessen oder Ausstellungsinstitutionen an. Die Vervielfältigung dieser Strukturen erhöht wohl die Möglichkeiten für die einzelne Künstlerin, den einzelnen Künstler, etabliert aber auch die Aufmerksamkeit als ein rares Gut. Dementsprechend kompetitiv gestaltet sich der Wettbewerb um Sichtbarkeit. Der Kunstschaffende, der in diesem System erfolgreich sein will, der an internationalen Ausstellungen teilnehmen und seine Karriere vorantreiben will, muss als geschickter, auch strategischer Spieler in diesem Feld agieren und dabei nicht nur künstlerische Fähigkeiten, sondern beispielsweise auch organisatorische Fertigkeiten mit sich bringen. Die Konsequenzen solcher Entwicklungen können beispielsweise darin bestehen, dass künstlerische Arbeit sehr zielgerichtet und resultatfokussiert geschieht und die Freiräume für alternative Arbeitsstrategien, die beispielsweise in anderen Zeiträumen passieren, verloren gehen.

Amelie
Wer kein guter Stratege ist, schaut vom Spielfeldrand zu? Oder hat er trotzdem noch Chancen mitzumischen und aufzufallen?

Gioia
Nun, die beobachtende Position am Spielfeldrand hat auch ihren Reiz. Ist es doch mitunter auch diese Außenperspektive, die einen kritischen Blick ermöglicht und es erlaubt, Aussagen über das Spiel zu machen, das da gespielt wird.

Amelie
Du hast bereits letzte Woche mit den Teilnehmern und Teilnehmerinnen der Swiss Art Awards 2015 gesprochen. Welche Strategien der Selbstinszenierung nutzen die Künstlerinnen und Künstler, um ihre Arbeit gegenüber den Instanzen der Förderung zu bewerben?

Gioia
Mein Eindruck ist, dass die Künstlerinnen und Künstler heute oft recht genau wissen, wie das Kunstsystem funktioniert und wie darin zu agieren ist. Dieses Wissen gibt ihnen die Möglichkeit, sich leicht, auch spielerisch zu bewegen und sich in den Strukturen der Kunstwelt auch Freiräume zu schaffen, in denen es Platz gibt für Ironie oder Subversion. Diese Haltungen legen sie auch gegenüber den Instanzen der Förderung offen.

Amelie
Wie äußert sich die Ironie von der du sprichst?

Gioia
Ich denke da beispielsweise an künstlerische Arbeitsstrategien, die im weitesten Sinne einen Institutionskritischen Ansatz verfolgen und die Funktionsweisen der Kunstwelt oder der Kunstförderung thematisieren, vielleicht auch umdeuten oder in die Irre führen.

Amelie
Welchen Einfluss hat die finanzielle Förderung deiner Meinung nach, auf die Arbeitsstrategien der Künstler und Künstlerinnen?

Gioia
Die finanzielle Förderung ermöglicht die Realisierung von Projekten, schafft Denk- und Arbeitsräume, gibt Zeit und generiert gewisse Unabhängigkeiten. Zugleich gibt sie aber auch spezifische Zeitrahmen und Normen vor. Deadlines müssen eingehalten, Dossiers erstellt oder Ziele von künstlerischen Projekten definiert werden. Künstlerische Arbeiten, die diesen Normen nicht entsprechen wollen, die beispielsweise eine Planungsoffenheit behaupten oder ohne portfoliogerechte Dokumentationen auskommen, laufen Gefahr, außen vor zu bleiben. Dementsprechend wichtig ist es, im Austausch mit Künstlerinnen und Künstler über weitere, alternative Förderformate nachzudenken.

Amelie
Der Titel der Tours lautet: „Does Switzerland make the better Art? – Swiss Art Awards 2015 im Blick der Kunstförderung“. Hast du diesen Titel gewählt? Welche Anspielung steckt dahinter? Entsteht durch Bereitstellung von Fördergeldern gar die bessere Kunst?

Gioia
Den Titel haben wir im Austausch mit Léa und Manuela sowie mit Julia und Stefanie vom Bureau N gesetzt. Er soll natürlich auch Fragen oder Entgegnungen provozieren. Grundsätzlich spielen wir damit mit der Annahme, dass die Kunstförderung in der Schweiz sehr gut ist. Inwieweit dies aber auch eine bessere Kunst entstehen lässt, haben wir bewusst als Frage formuliert. Die Definition von ‚guter‘ Kunst ist letztlich Gegenstand von stetigen Aushandlungen im Kunstsystem. Tatsache ist aber, dass die Schweizer Kunstwelt lebendig und innovativ ist und dass sich Schweizer Künstlerinnen und Künstler auch in der internationalen Konkurrenz zu behaupten wissen. Vielleicht liegt dies auch an den guten Strukturen der Förderung.

Amelie
Von der Vielfältigkeit des künstlerischen Schaffens und der Anerkennung auf internationaler Ebene konnten wir uns bei der Auseinandersetzung mit bestimmten Biografien und Inhalten der Teilnehmer und Teilnehmerinnen überzeugen.

Wie siehst du die Entwicklung der Swiss Art Awards und der Kulturpolitik vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, der Individualisierung, der Globalisierung und der Medialisierung?

Gioia
Das sind große Begriffe, auf die einzeln einzugehen allein schon Seiten füllen würde. Wenn ich mir denjenigen der Globalisierung herauspicken darf, ist hinsichtlich der kulturpolitischen Entwicklungen und der Kunstförderung anzumerken, dass Förderstrategien den Künstlerinnen und Künstler ermöglichen sollten, an einer globalisierten Kunstwelt teilzuhaben – wenn sie das wollen. Das heißt, die Förderung sollte auch künftig beispielsweise auf die Unterstützung durch Reise- oder Atelierstipendien setzen, die es den Kunstschaffenden erlaubt, international Kontakte zu knüpfen.

Amelie
Ja, da hast du Recht, das ist ein weites Feld. Danke jedoch für deinen Ansatz, der ja ganz wichtig ist. Und nun folgt schon die nächste komplexe Frage. Alle vier Jahre genehmigt das Parlament die Kulturbotschaft und damit die Kredite für die Kulturförderung. Dein Ausblick auf 2016-2019?

Gioia
Aus der Perspektive der Historikerin fallen mir bei der zweiten Kulturbotschaft als erstens die Kontinuitäten auf. In ihrer Betonung, möglichst vielen Menschen eine passive und aktive Teilhabe am Kulturleben zu ermöglichen, knüpft sie bei dem in den 1970er Jahren skizzierten Konzept einer ‚demokratischen Kulturpolitik‘ an, die ebendiese Ziele betonte. Dies scheint mir auch für die Zukunft ein vielversprechender Ansatz. Weiter pocht die Kulturbotschaft für 2016–2019 auf die wirtschaftliche Verwertung gewisser kultureller Arbeitsbereiche wie Design, Film oder digitale Medien und definiert Modelle der Zusammenarbeit zwischen Kultur und Wirtschaft. Dies mag in spezifischen Fällen sinnvoll sein allerdings dürfen dabei die Freiräume für eine Kunst- und Kulturproduktion jenseits der ökonomischen Messbarkeit nicht beschnitten werden.

Amelie
Während deinen Führungen gewährst du neben der Geschichte der Swiss Art Awards 2015 und der Abläufe der Schweizer Kunstförderung auch einen interessanten Einblick in das Schaffen und in die Arbeitsweise Schweizer Künstlerinnen und Künstlern der Gegenwart. Welche Teilnehmer, welche Teilnehmerinnen dürfen wir auf keinen Fall verpassen? Welche Position hat dich nachhaltig beeindruckt?

Gioia
Ich habe an den Swiss Art Awards viele eindrückliche künstlerische Positionen gesehen. Eine Arbeit, die ich seit längerem verfolge und die mich persönlich sehr fasziniert ist die Video- und Rauminstallation „It depends entirely upon the hue of the lighting“ von Petra Köhle und Nicola Vermont Petit-Outhenin. Das Künstlerduo arbeitet seit einigen Jahren an diesem Werkkomplex. Im Rahmen der Swiss Art Awards ergänzen sie die Arbeit um einen weiteren Film, der vor Ort gedreht wird. Ebenfalls sehr beeindruckt hat mich die Arbeit von Garrett Neslon. Garrett versteht es, komplexe Themen und ausgedehnte theoretische Recherchen in konzisen, vielschichten Installationen zu verdichten, denen immer auch ein poetisches Element immanent ist.

Amelie
Vielen Dank für das Gespräch und den Einblick in die Schweizer Förderpolitik. Wir freuen uns ebenfalls auf eine spannende Woche und wünschen dir und allen Teilnehmern sowie Teilnehmerinnen viel Glück und Spaß.

Titelfotos: Nici Jost