Tell me about your fortune, Rose.

Kathrin Mayer

Eröffnung am 13. September 2014, Ludlow 38, NYC; „Rose Fortune“ von Kathrin Mayer, Foto: Isabel Mehl

 

Die Ausstellungsräume des Ludlow 38 sind in rosa-Licht getaucht und versprechen den BesucherInnen der Eröffnung eine Ausflucht aus dem trüb-dunkel dieses New Yorker Frühabends. Eine Art rosa Schleier legt sich auf alle Anwesenden, die sich in dieser Ausstellung auf eine Spurensuche der Ludlow Street begeben, deren Umgebung heute vor allem von den Neonschildern der vielen kleinen Chinaimbisse atmosphärisch ausgeleuchtet wird.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Ludlow Street ein Zentrum der Textilproduktion. Und es war vor allem Treffpunkt der Frauen aus den unterschiedlichsten Kontexten, die sich hier zusammenfanden und nicht nur ihre Arbeitsbedingungen aktiv mitgestalteten (es gründete sich die International Ladies‘ Garments Workers‘ Union). Neben den neuesten Groschenromanen konnten Billigkopien der Haute Couture erworben werden und es bildete sich eine Parallelwelt in der sich die „American Ladies“ gegenseitig vornehm klingende Namen wie eben den Ausstellungstitel „Rose Fortune“ gaben. Von ihrer Arbeit in der Textilindustrie ausgehend bildeten diese Frauen ein neues Selbstbewusstsein. Sie entwickelten einen Lebensstil, der ein Gemeinschaftsgefühl entstehen ließ und eine Utopie von einer Gesellschaft ermöglichte, in der Geschlecht, Klasse und ethnische Herkunft keine dominierenden Kategorien mehr bilden würden.

Die Villa Aurora Stipendiatin Katrin Mayer, die Kunstwissenschaft und Kunst an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und der Hochschule für bildende Künste in Hamburg studierte, arbeitet ortsspezifisch und übersetzt ihre historische Recherche in eine raumgreifende Installation. Während der Ausstellungstext einen Blick auf die Hinterbühne eröffnet – Textilproduktion, Rolle der Frau, das Verhältnis von Arbeit und Leben – wendet sich Mayer mit ihrer Ästhetik gegen nostalgisch didaktische Brückenschläge. An der Wand des hinteren Raumes sind Schwarzweiss-Ausdrucke befestigt; eine Schneiderin auf dem Boden kniend mit Schnittmustern in ihre Arbeit vertieft. Woran denkt sie? Was ist ihre Abendplanung? Versteckt sich in ihrer Handtasche der neueste Groschenroman oder das Kleid für die dunkle Nacht? Mayer setzt auf das Auslösen von Assoziationsketten. Daneben ein Ausdruck der Definition von ‚pink‘: „1a. to perforate in an ornamental pattern / 1b. to cut a saw-toothed edge on“, und eine Auflistung der unterschiedliche Bedeutungen des Verbs ‚to pink‘ von der leodictionary-Website. Im Durchgang zwischen Vorder- und Hinterraum strahlt eine rosa-Neonröhre, deren Farbschein die ihn durchschreitenden Wesen zu imprägnieren scheint, sie sensibilisiert für den urbanen Raum, den wir täglich durchwandern und dessen Oberfläche seine Geschichten im Verborgenen bewahrt. In der Mitte des Raumes hängen zwei mit Blusen bestückte Kleiderstangen von der Decke.

Die Bluse, ein frühes industriell massengefertigtes Produkt, ist auch ein Klassenübergreifendes, das sowohl von der Upper Class, als auch von der ArbeiterInnenklasse getragen wurde. Die von Mayer in Berliner Secondhand-Läden gesammelten und importierten, partiell rosa eingefärbten Ein-Euro-Blusen, zeigen ein Panorama der unterschiedlichsten Blusenvarianten auf und transformieren Fragen nach den heutigen Arbeitsbedingungen von EinwandererInnen, die immer noch aktuelle Frage der geschlechtsspezifischen Arbeitsbedingungen und des Verhältnisses zwischen Leben und Arbeit in die Gegenwart.

Mayer lässt in den Räumen des Ludlow 38 ein temporäres Fragenkostüm entstehen. Die Ausstellungsräume wurden 2011 durch den New Yorker Künstler Martin Beck in Zusammenarbeit mit dem Architekten Ken Saylor neu gestaltet. Das Schnittmuster auf der Rückseite des Ausstellungsflyers erinnert an deren Grundrisszeichnungen – temporäre und permanente Gestaltung im Wechselspiel. Die schräge Kante im vorderen Raum wird durch die Bespannung mit Schnittmusterpapier, das industriell standardmäßig in der Farbe rosa gefertigt wird, betont. Und diese rosa Kante findet sich dann wiederum in den von Mayer eingefärbten Blusen.

Das besondere Interesse Mayers für das Zusammenspiel von Textilien und Architektur zeigte sich bereits in früheren Arbeiten. So ging sie für die Ausstellung TEXTILES: OPEN LETTER im Museum Abteiberg 2013 diesem Verhältnis mittels der Schriften der Bauhaus-Künstlerin Anni Albers nach. Auch während ihres im Oktober beginnenden Aufenthaltes an der Villa Aurora plant sie diese Ansatz weiter zu verfolgen und erforscht das 1973 gegründete Woman’s Building in Los Angeles. Hier interessiert sie vor allem die thematische Nutzung von Ausstellungsdisplays und Materialität, sowie die künstlerische Praxis der Künstlerinnen des Feminist Art Programs, das Judy Chicago etablierte. Vor allem möchte Mayer viel Architektur ansehen. Es wird spannend sein zu entdecken aus welchen Texturen sich ihre Arbeiten dort entspinnen werden.

Text: Isabel Mehl

 

Katrin Mayer I

Katrin Mayer „Rose Fortune“, Installationsansicht, MINI/Goethe-Institut Curatorial Residencies Ludlow 38, 2014, Foto: Marc Tatti

 

Katrin Mayer II

Katrin Mayer „Rose Fortune“, Installationsansicht, MINI/Goethe-Institut Curatorial Residencies Ludlow 38, 2014, Foto: Marc Tatti

 

Katrin Mayer III

Katrin Mayer „Rose Fortune“, Installationsansicht, MINI/Goethe-Institut Curatorial Residencies Ludlow 38, 2014, Foto: Marc Tatti

 

Katrin Mayer IV

Katrin Mayer „Rose Fortune“, Installationsansicht, MINI/Goethe-Institut Curatorial Residencies Ludlow 38, 2014, Foto: Marc Tatti

 

Katrin Mayer

Katrin Mayer „Rose Fortune“, Installationsansicht, MINI/Goethe-Institut Curatorial Residencies Ludlow 38, 2014, Foto: Marc Tatti

 

Katrin Mayer V

Katrin Mayer „Rose Fortune“, Installationsansicht, MINI/Goethe-Institut Curatorial Residencies Ludlow 38, 2014, Foto: Marc Tatti

 

Kathrin Mayer, Rose Fortune, Ludlow 38, 14. September – 2. November 2014, http://www.ludlow38.org