When Yelling is a Pattern by Muriel Meyer

When Yelling is a Pattern
Lars Karl Becker – A Few Days Off From Yelling

Ein paar Tage Auszeit vom Schreien nehmen. Auszeit von etwas kann nur genommen werden, wenn es ansonsten zeitbestimmend ist. Schreien ist eine Form der Kommunikation als ein Ausdruck von Hilflosigkeit und Überforderung. Eine bestimmte Situation lässt dem Menschen scheinbar keine Wahl, anders zu reagieren. Ein schreiender Mensch zeigt, dass er im Augenblick des Schreiens seine Gefühle nicht anders auszudrücken weiß. Er verliert die Kontrolle, fühlt sich von seinen Gefühlen überwältigt, bestimmt und sich ihnen machtlos ausgeliefert. Durch den Schrei fühlt sich die schreiende Person ein Stück weit befreit, sie hat ihren angestauten Gefühlen einen machtvollen Ausdruck verliehen. A Few Days Off From Yelling ist der Titel der Ausstellung von Lars Karl Becker in der Schleuse der Opelvillen in Rüsselsheim (7. September bis 2. Oktober 2016). Er zeigt Malereien und skulpturale Arbeiten, die in dem tunnelförmigen Raum durch die Verwendung klassischer Formate wie unkonventioneller Eingriffe in Bezug zur Raumarchitektur funktionieren. Im Zentrum der Aufmerksamkeit der Ausstellung steht ein Triptychon. Weiter hinten im Raum hängen rechts und links in den beiden sich gegenüberliegenden Fenstern zwei fast identische Skulpturen. Weitere räumliche Interventionen nehmen die erste Arbeit des Raums, eine auf dem Boden liegende Kette, sowie weiter hinten das, an der Decke angebrachte, kleinformatige, abstrakte Gemälde vor. Am Schluss der Ausstellung deckt neben einer Tür des Museums mit der Aufschrift „Privat“ ein Gemälde eine Heizung ab.

Der Titel der Ausstellung suggeriert, dass der Zustand des Schreiens zum Normalfall geworden ist. Becker kreiert ein Ausstellungsszenario – zumindest laut Titel –, indem sich von diesem Status quo nun fiktiv eine kurze Ruhepause gegönnt wird. Dies geschieht real im Museum – dem Ausstellungsort, indem die Kunst als letztes Refugium, als Ruhe- und Absolutionsstätte unserer abgehetzten Gesellschaft fungiert. Das Triptychon lässt schnell erahnen, was die Reaktion des Dauerschreis auslöst. Drei Gehirne in Clipartmanier mit Füßen und Händen heben jeweils Hanteln, dabei spießt sich in sie eine Mistgabel, sodass sich ein roter Farbspritzer über die Bildfläche zieht. Am oberen Bildrahmen sind blaue Wülste geschmiert, die einen Art Himmel oder wolkenähnliche Gebilde erzeugen. Die Gehirne stehen auf gelbflächigen Podesten, die unterschiedlich hoch sind. Heute schuften größtenteils nur noch die Gehirne und die Muskelkraft wird im Fitnessstudio trainiert. Die Mistgabel als Insignie des Bauers ist nicht mehr wie früher ein gegenwärtiges Alltagswerkzeug. Als Fremdkörper, den wir aus unserem Alltag ausgeschlossen haben, rächt sich die Mistgabel an uns. Die Interpretation mag ein Kurzschluss sein, eindeutig ist jedoch, dass ein sich selbst sabotierendes Abhängigkeitsverhältnis gezeigt wird. Die Gemälde bilden sich aus einer Kombination unterschiedlicher Stile. Hierbei trifft die comicartige Bildsprache auf die des Zombieformalismus, die sich im Freilassen der weiß grundierten Leinwand und dem Erzielen von Tiefe durch eine gekippte geometrische Form zeigt. Die Partien hingegen, die eine „männlich-gestische Malerei“ in Farbspritzern und eine Manier der Pastose in ordentlicher Schichtung und Spachtelung feiern, weichen die erzeugte Coolness gekonnt auf. Der Titel des Triptychons Over the Counter bestätigt die kapitalismuskritische Lesart und weist auf den außerbörslichen Handel der noch schnelllebiger ist.

Die Kette mit Schloss, die um die architektonisch integrierte Sitzbank gelegt ist, inszeniert sich wie eine gescheiterte Machogeste aus einem Hiphop-Video, ohne Funktion, haltbar und billig, so ihr Titel (Durable and Cheap, 2016). ‚Setze in die obere linke Hälfte der Raumdecke eine Abstraktion in Blau!’ (Actuality, 2016). Die Geste des Künstlers, einen abstrakten Becker an der Raumdecke zu zeigen, gibt sich ebenfalls ironisch: Abstrakte Bilder gehen immer, besonders an die Decke. Ob der Künstler ‚beim besten Willen kein abstraktes Gemälde entdecken kann’ bleibt offen. Nachdenklicher wirkt das Skulpturenpaar, eine Readymade-Assemblage aus Müllgreifer, Mini-Globus, Druckluftschlauch, Saugnapf und Kabelbinder. Die Materialangaben zeigen hier bereits die inhaltliche Tiefe auf, dem der Titel Power und Strength keine neue Dimension hinzufügt. Die neue Heizungsbekleidung schließt die Ausstellung zuversichtlich ab: Frauen wie Männer als Strichmännchen halten einander an den Händen und bilden einen Kreis. Sie stehen auf einer grünen Wiese aus selbstgemachten Handabdrücken und über ihnen erstreckt sich die Unendlichkeit des Himmels in Form einer blauen Möbiusschleife. Die Arbeit auf grauem Grund wirkt wie ein Spendenaufruf oder eine Versicherungswerbung, die in einer Bank hängt. Wenn das Museum als eine Manifestation der Trennung zwischen Kunst und Leben dient, gibt es grob ausgedrückt zwei Wege damit umzugehen: Entweder die Ausstellung bietet eine Alltagsflucht, indem sie eine Illusion vorspielt oder sie zeigt Kritik an der Realität. Diese letzte Arbeit der Ausstellung tarnt sich als erstere, wäre da nicht der Titel – Controversy Concering the Safety –, der den Wunsch, sich einfach ein paar Tage frei zu nehmen, endgültig zerstört. Vielleicht am Strand von Nizza – Schrei.

Text: Muriel Meyer

 

1

Lars Karl Becker, A Few Days Off From Yelling, 2016

2

Lars Karl Becker, Over the Counter, 2016, Triptychon, jeweils 120 x 150 cm, Acryl und Kohle auf Leinwand

3

Lars Karl Becker, A Few Days Off From Yelling, 2016

4

Lars Karl Becker, Durable and Cheap, 2016, Detail

5

Lars Karl Becker, A Few Days Off From Yelling, 2016

6

Lars Karl Becker, Actuality, 2016, 50 x 40cm, Acryl auf Leinwand

7

Lars Karl Becker, Strength, 2016, 30 x 50 cm, Müllgreifer, Globus, Druckluftschlauch, Saugnapf und Kabelbinder

8

Lars Karl Becker, Strength, 2016, Außenansicht

9

Lars Karl Becker, Controversy Concerning the Safety, 2016, 120 x 150 cm, Acryl und Kohle auf Leinwand

 

Alle Fotos: © Lars Karl Becker

Kunst- und Kulturstiftung
Opelvillen Rüsselsheim
Lars Karl Becker
A Few Days Off From Yelling
7. September bis 2. Oktober 2016
Ludwig-Dörfler-Allee 9
65428 Rüsselsheim