WILHELM KLOTZEK – GUTER ÜBERBLICK AUF PASSANTEN UND TROTTOIR

Da liegt sie und qualmt genießerisch eine, die namenlose Fluppe. Nicht achtlos im Rinnstein, sondern elegant und selbstbewusst, larger than life. Ein makellos glänzender Körper. Erstmal die spritzgusslackierten Beine ausstrecken und einen tiefen Zug nehmen, dann sehen wir weiter. Guter Überblick auf Passanten und Trottoir, die Bühne des Alltags. 

Wer schaut hier eigentlich wen an?

Vielleicht träumt die Liegende, die Wilhelm Klotzek in dem rundum verglasten Schaukasten in lässiger Haltung installiert hat, oder wartet auf etwas. Ruhe strahlt sie aus und scheint sich wenig darum zu scheren, dass zunehmend Wind um ihre Präsenz in öffentlichen Räumen gemacht wird.

Mit der Zigarette greift der Bildhauer ein Element der Konsumkultur auf, das sich in zahlreichen Varianten durch seine Arbeit zieht. Ob als Schreitende, Sitzende oder Liegende – die Glimmstängel fungieren als Stellvertreterobjekte, an denen sich skulpturale Fragestellungen und Haltungen durchdeklinieren und aktualisieren lassen. Klotzeks Arbeit rekurriert dabei spielerisch auf traditionelle Darstellungen der weiblichen Liegefigur als einem im Stadtraum vielfach präsenten Bildhauersujet. Dem asymmetrischen Geschlechter- und Blickverhältnis begegnet seine „Liegende“ mit einer Verschiebung – weder lässt sich der produktgewordene Körper eindeutig einem Geschlecht zuordnen, noch fügt er sich in die eher passive, schutzlose Rolle einer Schlafenden.

Klotzeks Stahlplastik, die wie ein skulpturales Plädoyer für reduzierte Aktivität anmutet, ist aus simplen geometrischen Formen aufgebaut. Ein zylinderförmiger, sanft gebogener Oberkörper kontrastiert mit spitzwinkligen Gliedmaßen, die das Gewicht der Figur tragen und ihr trotz aller Statik ein dynamisch-schwebendes Moment verleihen. In der Verbindung von Gegenstand und Gestalt hallt entfernt die Pop Art nach, ebenso wie sie Assoziationen zu Comics aufruft, in denen sich solche Metamorphosen ereignen. Scheinbar sorglos eine Miniaturversion ihrer selbst im luftdichten Raum aufrauchend, lässt sich die „Liegende“ in ihrer lässigen Gestik nicht zuletzt auch als ironischer Bezug auf die affektiven Strategien der Werbung lesen. Der Künstler widerspricht, aber wir lassen das jetzt mal so stehen.

Andreas Prinzing

Wilhelm Klotzek (*1980 in Ost-Berlin, lebt und arbeitet in Berlin) studierte Bildhauerei an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und freie Kunst an der UdK Berlin.

Vitrine Rathaus Tiergarten
Mathilde-Jacob-Platz 1
10551 Berlin-Moabit
(U9 Turmstraße)

Eröffnung / Opening Sonntag, 3. Juni 2018, 18–21 Uhr
Ausstellung / Exhibition 03.06.–30.06.2018, Tag & Nacht