Andrew Gilbert: „Shaka Zulu – The Musical – directed by and starring Andrew“ @ SPERLING

Andrew Gilbert: „Shaka Zulu – The Musical – directed by and starring Andrew“ @ SPERLING

I thought my collection of stolen artifacts and looted treasure was vast,
until I saw the Royal Collection of Emperor Andrew
Her Majesty Queen Elisabeth III

Manchmal erlangen Gedanken auch Jahrzehnte später eine überraschende Aktualität. „Great Britain has lost an empire and has not yet found a role“ befand der damalige amerikanische Außenminister Dean Acheson 1962 in einer Rede. Und dieses verlorene Empire, die Sehnsüchte nach einer globalen Wirkung und Position fanden sich auch in den Kampagnen der Brexit Befürworter wieder. England solle sich von den Fesseln Europas lösen und sich der Welt zuwenden – „become a truly global nation once again.“ Mit dem problematischen Erbe des britisches Empire, der britischen Militär- und Kolonialgeschichte und deren Wirkung bis in die Gegenwart setzt sich der gebürtige Schotte Andrew Gilbert in seiner Arbeit intensiv, kritisch und mehrbödig auseinander. In unterschiedlichen Werkzyklen präsentiert er absurde Heldenmythen und Erzählungen von fiktiven Protagonisten wie der indischen Mogul-Rebellin Lady Rajbaj und dem mythologischen Baby Afghan Squirrel, die er in Gebieten des ehemaligen Empire verortet. In der Galerie Sperling in München zeigt er unter dem Titel „Shaka Zulu – the Musical“ neben neuen Zeichnungen eine Installation, sowie erstmals ein Diorama. Gilbert schafft eine individuelle Mythologie, einen bis ins Detail konstruierten individuellen Kosmos aus geschichtlichen Fakten, überspitzten Fiktionen und klug gesetzten Referenzen. Eurozentrismus, afrikanischer Fetisch, Propaganda, verklärte Romantik und falsche koloniale Bilder – unterschiedliche Zeitebenen verschwimmen, unterschiedliche Bedeutungsebenen werden miteinander Verwoben.
Nach Arbeiten zu fiktiven Filmen, Büchern und Theaterstücken widmet Andrew Gilbert nun eine ganze Ausstellung einer surrealen Vision: „Shaka Zulu – the Musical“, ein fiktives Theaterstück, dessen Protagonist die historische Figur des afrikanischen Königs Shaka ist. Unter ihm kam es durch innovative Strategien und das neu strukturierte Militär im 19. Jahrhundert zu einer starken Expansion des Stammes der Zulu im Süden Afrikas. Er gilt daher bis heute als der schwarze Napoleon. Shaka Zulu war zwar nie selbst im Krieg gegen Großbritannien, es war jedoch seine Kriegstaktik, die 1879 einen historischen Sieg der Zulu gegen England ermöglichte. Die Briten schlugen den Stamm der Zulu dennoch im selben Jahr in der Schlacht bei Ulundi vernichtend. Gilbert eignet sich diese historischen Ereignisse und Figuren mit einem post-kolonialen, europäischen Blick an, spielt bewusst mit Klischees, Vorurteilen und Exotismus. Er vermengt religiöse Bilder mit archaischen Fetischen, stellt abstrahierte britische Uniformen vermeintlichen Kultgegenständen gegenüber, ein trockener Humor unterläuft die tatsächliche Tragik. Fakten werden mit bizarren Figuren und makaberen Gewaltszenarien vermischt. Die Funktion einer Geschichtsschreibung, die durch die Sieger geprägt und deren Motive bestimmt ist wird so geschickt ausgehebelt. Die erschreckende Brutalität und die Exzesse hingegen müssen nicht erfunden werden. Gilbert versteht es, Tatsachen, Figuren, Historie und Erdachtes so zu vermischen, dass sich Bekanntes neben Unbekanntem einfindet und die Skurrilität und die haarsträubenden Vorurteile klar ersichtlich werden. Der Künstler tritt auch selbst als Figur in seinem enigmatischen Kosmos auf. Meist als sein Alter Ego „Andrew, Emperor of Africa“ integriert er sich in Bildern und Installationen. Mal als Maler in Paradeuniform, mal als die Peitsche schwingender Musical-Regisseur und „colonial overlord“. Die so geschaffene Welt ist eine höchst ambivalente. Gilbert begeht nicht den Fehler, einfache Schlussfolgerungen zu ziehen oder Schuldzuweisungen zu treffen. Sein Kosmos bleibt offen, enigmatisch, gleichzeitig spielerisch und verstörend. Das vermeintlich Fremde schließt sich mit dem Bekannten kurz, Stereotype vermischen sich auf unterschiedlichen Ebenen und ein bildlicher Feedback-Loop zwischen Europa und Afrika illustriert den kulturellen Kannibalismus, der alles aufsaugt und substanziell verändert wieder ausscheidet. Im Keller der Galerie hat der Künstler sein „Cabinet of the Royal Collection of Emperor Andrew“ eingerichtet, seine private Wunderkammer, die Objekte, Bücher, einen Thron und andere Artefakte mit einschließt und auch die Bilder anderer Künstler. Es ist das private Archiv eines größenwahnsinnigen Herrschers in der Haut eines sammelnden und arrangierenden Künstlers: „Europe lies broken and naked at the feet of Emeperor Andrew“

Text: Quirin Brunnmeier

Andrew Gilbert, 'Shaka Zulu - the Musical', 2016, mixed media, dimensions variable, Photo by Leonie Felle

Andrew Gilbert, ‚Shaka Zulu – the Musical‘, 2016, mixed media, dimensions variable, Photo by Leonie Felle

Installation view 'Shaka Zulu - The Musical - directed by and starring Andrew', Photo by Leonie Felle

Installation view ‚Shaka Zulu – The Musical – directed by and starring Andrew‘, Photo by Leonie Felle

Andrew Gilbert, 'Shaka Zulu - the Musical (model)(detail), 2016, mixed media, 86 x 74 x 55 cm, Photo by Leonie Felle

Andrew Gilbert, ‚Shaka Zulu – the Musical (model)(detail), 2016, mixed media, 86 x 74 x 55 cm, Photo by Leonie Felle

Andrew Gilbert, 'Shaka Zulu - the Musical' (detail), 2016, mixed media, dimensions variable, Photo by Leonie Felle

Andrew Gilbert, ‚Shaka Zulu – the Musical‘ (detail), 2016, mixed media, dimensions variable, Photo by Leonie Felle

Andrew Gilbert, "I demand more Make - up and the extras must be more brown and muscular" Shaka Zulu assasination scene rehearsal', 2016, acrylic, watercolor and fineliner on paper, 47,5 x 62,5 cm

Andrew Gilbert, „I demand more Make – up and the extras must be more brown and muscular“ Shaka Zulu assasination scene rehearsal‘, 2016, acrylic, watercolor and fineliner on paper, 47,5 x 62,5 cm

Installation view 'Shaka Zulu - The Musical - directed by and starring Andrew', Photo by Leonie Felle

Installation view ‚Shaka Zulu – The Musical – directed by and starring Andrew‘, Photo by Leonie Felle

SPERLING
Regerplatz 9
81541 München
June 02 – July 16, 2016