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2020
KubaParis
OM.OM.2












Location
Marzahner Promenade 40, BerlinDate
19.08 –25.09.2020Photography
Thomas KrügerSubheadline
Ole Meergans, Olga MoninaText
„Die Lage mag objektiv unübersichtlich sein. Unübersichtlichkeit ist indessen auch eine Funktion
der Handlungsbereitschaft, die sich eine Gesellschaft zutraut.“1
Ein Wintergarten ist ein überschaubares Bezugsystem. Eine Grammatik, offen genug, um nicht klaustrophobisch zu sein und privat genug, um noch verbindlich zu sein. Das Draußen setzt sich hinter den Fenstern fort, wo es intim wird. Die Isoliertheit lenkt die Aufmerksamkeit.
So viele Momente in unseren Alltagsleben sind eigenartig. Man kann sie nicht eindeutig hinnehmen. Den Hund können wir sehr gut ertragen. Er gleicht uns. Wir haben ihn domestiziert. Auch die Libelle im Schlafzimmer freut uns, auch wenn sie da nicht hingehört. Wir fangen sie vorsichtig ein und leiten sie sanft in die Freiheit. Die Mücke im selben Raum muss leider sterben. Die Spinne? Das halten wir so und so. Das Licht einer Taschenlampe, im Herbst in einen Busch gerichtet,
wird von zahllosen grünen Punkten reflektiert, die je eins aus einem Paar Spinnenaugen sind. Sollen sie doch da im Busch sitzen. Ich kann ja auch in eine Kneipe gehen. Aber dasselbe Tier in eben benanntem Schlafzimmer-Szenario? Schon der indirekte Kontakt durch die Pappe, die das Glas verschließt, mit welchem ich das Insekt hinausbefördern möchte, ist riskant. Dabei haben wir doch so viel Macht über die Viecher. Nie würden sie nachts in unsere Münder kriechen oder
ein Glas über uns stülpen, dieses mit einem Bierdeckel unter uns schließen und uns aus dem Fenster werfen.
In die Treppe, die zum Ausstellungsraum führt, drücken sich drei Brunnen. Ihre Gegenwart ist so selbstverständlich, dass man kaum nach ihrer Geschichte fragt. Und man meint sie ohnehin zu kennen. Man schaut nicht so genau hin. Das Vergangene kann nicht kontrolliert werden. Es ist bereits geschehen und entzieht sich unserem Möglichkeitsraum der Handlung. Handeln können wir nur noch in der Erzählung. Die Geschichte hat jedoch Relikte hinterlassen. Sie stehen überall
rum. Wie gut können wir diese Zeugnisse aushalten? Das hängt wohl davon ab, wovon sie zeugen und wie stark wir uns deren Zeugenschaft bewusst machen. Grünbelag breitet sich auf ihren Körpern aus. Das Grün drängt sich durch ihre Betonporen. Dem dritten Brunnen auf der Treppe folgt ein vierter im Ausstellungsraum. Er folgt den Treppenbrunnen in der Zeit, im Raum und in der Form. Aber es ist keine gerade Achse von Kontinuität. Geschichte ist keine Perlenkette von
Ereignissen. Auch diese nicht. Im Brunnen stehen zwei Köpfe voreinander. In ihrer Körperlosigkeit sind sie absolut menschlich. Das Wasser verbindet sie in einem gelenkten Kreislauf. Indem sie ihn anspuckt, ist er bereits Antwort. Die verspielt-kindliche Handlung suggeriert eine Intimität, die sich nicht aus ihren Gesichtern lesen lässt.
Das Befremden kann man aushalten. Wenn ich meinen Blick in den Haselbusch richte und die Spinne anblicke, sollte ich mir bewusst sein, dass die Spinne vor mir da ist. Ich sehe, dass die Spinne zurückblickt, sie sieht also so auch mich. In ihrem Antlitz zeigt sich eine unendliche Fremdheit, aus der mich die ganze Welt anblickt und sagt: „Du wirst keine Vernichtung begehen.“ Ich habe eine strikte Verantwortung für diese Spinne. Allein weil die Spur des Unendlichen in ihrem Anblick unendlich kostbar ist. Ich weiß, die Spinne denkt genauso. Sie wird nicht aus dem Busch springen und mich beißen. In unserer jeweiligen Verantwortung erteilen wir uns gegenseitig unsere Würde.2
Zitate:
1 Ein Zitat von Jürgen Habermas aus dem gleichnamigen Essay, das gerne – so wie hier – aus dem Kontext gegriffen wird. (Die neue Unübersichtlichkeit. Kleine Politische Schriften V. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1985)
2 Kann Emmanuel Lévinas‘ Ethik auf alle Lebensformen ausgedehnt werden? Kann man das „Antlitz des Anderen“ vielleicht sogar mit Blick auf eine Hügelkette empfinden?
Clara Hofmann