Johanna Hoth – Arrangement. Positionen zur Haager Konvention in Heidelberg @ Heidelberger Kunstverein

Skulpturen der Vergänglichkeit

Betritt man den unteren Ausstellungsteil des Heidelberger Kunstvereins ergibt sich das Bild einer geheimnisvoll-feierlichen Szenerie, die allem Anschein nach vor einiger Zeit überraschend verlassen wurde. Fein arrangierte Blumengestecke stehen dort sorgsam platziert im Studio und Lichthof und verwelken. In der Ausstellung „Arrangement. Positionen zur Haager Konvention in Heidelberg“ der Karlsruher Künstlerin Johanna Hoth kann man ihnen dabei über die Ausstellungsdauer hinweg zusehen. Es entsteht der Eindruck eines Ensembles flüchtiger Skulpturen. Monumental anmutende Vasen, ein den Kriegsopfern gedenkendes Kranzband oder der braune Plastikblumenkasten mit zarten rosafarbenen Begonien sind auf unterschiedlich großen weißen Sockeln platziert und stellen sich diesem Übergangszustand entgegen und täuschen so etwas wie die Normalität einer Ausstellungssituation vor.

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Johanna Hoth, Ausstellung ›Arrangement‹ im Heidelberger Kunstverein, 2016, Lichthof, Foto: Harald Bogdan, (1. März 2016)

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Johanna Hoth, Ausstellung ›Arrangement‹ im Heidelberger Kunstverein, 2016, Studio, Foto: Harald Bogdan, (1. März 2016)

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Johanna Hoth, Ausstellung ›Arrangement‹ im Heidelberger Kunstverein, 2016, Studio, Foto: Harald Bogdan, (1. März 2016)

In einer umfassenden Recherche kontaktierte die Künstlerin die unterschiedlichen Blumengeschäfte, mit denen die repräsentierten Gebäude für ihre florale Gestaltung zusammenarbeiten. In der Ausstellung sehen wir jeweils ein ‚typisches‘ Gesteck für die unter dem Schutz der Haager Konvention stehenden Heidelberger Gebäude. Beim Hotel „Haus zum Ritter“ ein Blumengesteck für einen Geburtstag, die Kirschblütenzweige (im Bierkrug) stammen von dem Blumenbeauftragten einer studentischen Wohngemeinschaft und die Peterskirche ist mit ihrem Blumengesteck zum Volkstrauertag präsent. Einige leere Sockel verweisen auf Gebäude die keine florale Gestaltung haben.

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„Palais Rischer“, Blumengesteck für einen Veranstaltungsabend, Gestaltung: Blumenbeauftragter der WG, Foto: Harald Bogdan, (1. März 2016)

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„Ehemaliges Jesuitengymnasium“, Sitz des Philosophischen Seminars, Blumenstrauß zur Verabschiedung von Prof. Dr. Hans Friedrich Fulda, Nachstellung, Gestaltung: Blumen Elfner, Foto: Harald Bogdan, (1. März 2016)

Blumen als kritisches Medium – das irritiert zunächst, schliesslich strahlen die bunten Farben Leichtigkeit und Zuversicht aus. Doch auch die deutsche Künstlerin Annette Wehrmann griff in ihrer Fotoserie Blumensprengungen (1991–95) die festgefahren-gemütliche Bundesrepublik mit ihrer gleichförmigen floralen Innenstadtgestaltung an. Diese strahlte für sie Leere und Stillstand aus, wo Rebellion und Leben sein sollte. Eindrücklich beschäftigte sich die US-amerikanische Künstlerin Taryn Simon für ihre Arbeit „Paperwork, and the Will of Capital“ (2015) auf der 56. Venedig Biennale mit der zeremoniellen Funktion von Blumen. Sie rekonstruierte die Blumengestecke wichtiger Vertragsunterzeichnungen, beispielsweise zur Zukunft der Atomenergie, fotografierte sie und trocknete die Blumen anschließend.
Die hier ausgestellten Blumengestecke werden, ebenso wie die Architektur zu der sie gehören, aus repräsentativen Gründen geschaffen – sie sind Zeichen und Ausdruck unserer Kultur. Dabei betont das eine die Momenthaftigkeit, während das andere auf die Dauer hin konstruiert wird. Letztere Vorstellung problematisiert Hoth und kritisiert ein Kulturverständnis, das auf (undurchsichtiger) Auswahl und Unveränderlichkeit basiert. Inwiefern ist die nach dem Zweiten Weltkrieg von der UNESCO entwickelte und seit 1954 weltweit Kulturgüter schützende Haager Konvention heute noch aktuell? Wie hat sich das Kulturverständnis bspw. vor dem Hintergrund der fortschreitenden Globalisierung und Digitalisierung verändert? Das Auswahlverfahren verdeutlicht die identitätsstiftende Funktion bestimmter repräsentativer Architekturen für die Einzelstaaten. So rückt auch die aktuelle Situation ins Blickfeld, in welcher bspw. der sogenannte Islamische Staat medienwirksam Kulturgüter zerstört.
Die parallel im Kunstverein gezeigte Ausstellung „Land ohne Land“ bezieht sich umfassend auf Kulturgüter in Schrift und Bild von Anfang/Mitte des 20. Jahrhunderts. Hier wird die Frage aufgeworfen, inwiefern sich gerade die Kunst zum interkulturellen Dialog eignet, da sie die identitätsstiftende Funktion stärker an das Individuum bindet und so von der zuweilen abstrakten Größe das Nationalstaats entfernt. Auch wenn dieses so entstehende subjektive Beziehungsgeflecht ebenso undurchsichtig ist, scheint es doch aufgrund seiner Dezentralisierung eine Chance der Demokratisierung im Zugriff auf Kultur zu bieten.

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Installation der Künsterlin Hera Büyüktaşçıyan ›The book of all songs, the song of all books‹, 2016 Foto: Jasper Kettner

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Ausstellungsansicht der Installation ›Heimweh‹ der Künstlerin Michaela Melián, Foto: Jasper Kettner

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Installation der Künstlerin İz Öztat auf der Empore des Heidelberger Kunstverein, 2016 , Foto: Jasper Kettner

Der Impuls, bestimmte Gebäude bewahren zu wollen ist zwar grundsätzlich verständlich. Kultur ist jedoch in ständiger Bewegung, ihre Ausdrücke verändern sich. Am 03. April werden die Professorin Sophie Lenski (Universität Konstanz; Schwerpunkt Kunst- und Kulturrecht), der Architekt und kuratorischer Leiter der Internationalen Bauaustellung Heidelberg, Carl Zillich sowie die Künstlerin selbst über die hier angesprochenen Themenkomplexe ausführlich diskutieren.

Text: Isabel Mehl

 

 

HALLE / EMPORE:
›LAND OHNE LAND‹
Michael Baers, Hera Büyüktaşçıyan, Cevdet Erek, Michaela Melián, Bassam Ramlawi und Mounira Al Solh, Zişan, İz Öztat und Mustafa Erdem Özler mit Baçoy Koop
kuratiert von Öykü Özsoy und Susanne Weiß

STUDIO:
›ARRANGEMENT
POSITIONEN ZUR HAAGER KONVENTION IN HEIDELBERG‹
Johanna Hoth

Heidelberger Kunstverein
Hauptstraße 97
69117 Heidelberg