Art Basel 2015 – Erfahrungsbericht #1

Blick aus Berlin. Die Art Basel 14.06.2015.

Fahrt nach Basel.
Wir wollten sowieso nach Basel, nicht um zu arbeiten, eigentlich eher um Urlaub zu machen, Freunde zu sehen und ein bisschen die Art Basel anzuschauen. Als KubaParis anfragte, ob wir unsere Reise nicht für das Onlinemagazin dokumentieren wollen, sagten wir spontan zu. Wie ein cooler, intellektuell-aufwendiger Kunstreisebericht geschrieben wird, wüsste ich eigentlich nicht. Das Prinzip ist jetzt simpel geworden. Ich schreibe am nächsten Tag über den davor.

Wir sitzen aus Berlin kommend, insgesamt 11 Stunden, in einem silbernen Volvo mit Ledersitzen und fahren durchschnittlich 180km/h Richtung Schweiz zur Art Basel. Erst zu Dritt, Adriana Quaiser, Julius Lehniger und ich. Auf einer Raststätte vor Frankfurt steigt Julian-Jakob Kneer dazu. Alles ging sehr schnell und wir hören Spotify optimal mit 3G, trinken Wasser und benutzen die Klimaanlage. Den Abend zuvor haben wir Julius Lehnigers hängende Plattform in einem Wohnatelier in der Leipziger Straße eingeweiht. Als eine Mischung aus Spielparadies und erwachsener Architektur-Überbrückung hängt diese an Spanngurten auf drei Metern Höhe im Raum. Jetzt sind wir im „quasi“ Urlaub in der Schweiz und werden eine Woche Basel, Messe und Rhein erleben. Was erwartet man davon: Kunst und ihre Nebenwirkungen. Julian-Jakob Kneer wird in unserem silbernen Düsenjet eine Ausstellung machen, direkt vor oder neben der Art Basel. Auf der Fahrt hat er schon mal ein paar Gimmicks ausgepackt und gesagt, dass Duftbäume in hohen Dosen krebserregend sind. Sick. Er sprach davon, ein Parkhaus gefunden zu haben, da sollte es gut drauf aussehen. Das können sich alle vorstellen.

Tag 0 - hinfahrt

Adriana Quaiser, Julian-Jakob Kneer, Julius Lehniger

 

Tag 1: Jetzt geht die Post ab.

Im etwas verregneten Basel finden wir uns wieder. Über Nacht verstreut, treffen wir uns am „Warteck“- Gebäude, eine alte Brauerei, in der sich heute Studios und Werkstätten befinden. Hier ist die LISTE Art Fair Basel zu sehen. Im Katalog werden 79 „vielversprechende“ Galerien aus 60 Ländern angepriesen. Das insgesamt siebenstöckige Gebäude hat eine interessante Außentreppe. Die Räume für die einzelnen Stände sind allerdings knapp bemessen und teilweise lässt man durch das labyrinth-artige Wegesystem automatisch Stände weg. Aber die Messe ist seit 20 Jahren dabei und für dieses stolze Alter gibt sie sich enorm frisch und innovativ. Unsere Gruppe wächst, so wie sie später wieder schrumpfen wird. Der „Reality Check“ in der Crew zeigt durchschnittlich zufriedene Menschen, nur die Parkplatzsituation wird bemängelt. Das muss demnächst geklärt werden. Wir gehen rein. Wir freuen uns gleich, auf Sandy Brown zu stoßen und einige gefräste Aluminiumplatten von Ilja Karilampi zu sehen. Das war doch schon mal gut. Der nächste Stopp ist bei Limoncello, einer Londoner Galerie. Hier gefallen eigentlich allen die beiden Videoinstallationen von Bedwyr Williams. Reduziert und intelligent, verbaut er die Bildschirme hinter Holzleisten und schafft mit dem gleichen Material eine minimale Figur, die ebenso als Kopfhörerhalterung fungiert. Spätestens bei Mother’s Tankstation aus Dublin bemerken wir, dass wir das eigentlich viel zu gut finden und fangen beinahe an uns Sorgen zu machen. Cool ist der Booth von KOW, der neben anderen in den Räumen eines Clubs angesiedelt ist. Hito Steyerl’s Arbeit Strike, die es seit Ende 2010 auf Youtube gibt, steht perfekt wie im Cockpit eines Raumschiffs über allem. Mit Ausblick auf eine größere Diskokugel. Das war der 1. Stock.

Tag 1 -Liste- sandy brown- Ilja Karilampi

Galerie Sandy Brown, Ilja Karilampi

Kunst ansehen ist Arbeit und Arbeit ist anstrengend. Um das abzukürzen hier weitere Highlights im Schnelldurchlauf: Stigter Van Doesburg aus Amsterdam, Essex Street aus NY, Carlos/Ishikawa aus London, Croy Nielsen und Silberkuppe, beide aus Berlin. Als besonderes Highlight blieb uns letztlich vor allem die Arbeiten des Amerikaners Max Hooper Schneider im Kopf (*1982). Bei High Art aus Paris zeigt er Acrylglasboxen, die teilweise mit Neon und Aquarienpflanzen bestückt wurden. Kleine perverse Ökosysteme, in denen manchmal lebende Schnecken oder auch Blutegel schwimmen. Sick, aber nicht überfordernd.

Tag 1- Liste - Max Hooper Schneider

Max Hooper

Tag 1- Liste - Max Hooper Schneider 3

Max Hooper

Nach einem teuren Snack geht es gleich weiter, ab zu den Swiss Art Awards 2015, auch die Swiss Design Awards wurden vergeben. Das Design präsentiert sich demokratisch und gewohnt kleinteilig. Mit der Rolltreppe geht es nach unten in die Kunst. Jüngere Leute haben hier Preise erhalten, die nominierten sind natürlich auch dabei. Tobias Kasper, Jahrgang 84, entführt uns mit seinen Asiarestaurant-Vordächern und hat ein paar abgefahrene Chrombilder entworfen, die beim Perspektivenwechsel neue Strukturen freigeben. Auch seine beiden Pappkartons mit dem Aufdruck The Street überzeugen. Ein hautfarbenes Toilettenraumtrennsystem von 5 x 5 Metern hat uns ebenfalls überzeugt. Diese Arbeit ist von der Künstlerin Jessica Pooch aus Zürich und heißt: Your structure is my skin.

Tag 1 SwissArtA-Tobias Kasper

Tobias Kasper

Tag 1- SwissArtA-Jessica Pooch

Jessica Pooch

Der Gesamteindruck ist ziemlich gut. Viele interessante und ausgesprochen gut gearbeitete Installationen, während diese gegenüber der Malerei zu überwiegen scheinen. Kunst macht aber gerade einfach wieder Spaß, seit die „Post“ so abgeht. Ich für meinen Teil begebe mich in diesem Sinne mit 3D-Brille und X-Box Controller auf einen Trip in eine von Organen besiedelte Oase bevor die Türen schließen. Wir sind fertig für Heute. Am Tag eins war gleich viel los. Wir besorgen billiges Dosen-Bier vom Kiosk und stoßen an. Die Parkplatzsituation ist geklärt und wir gehen direkt den angefragten Ausstellungsort besichtigen. In einer Nebenstraße hinter einer Autolackiererei wäre es doch gut platziert. Das ist schon super nah. Aber entschieden scheint es noch nicht.

Die Liste-Party im Volkshaus ist überfüllt und es gibt einen Anruf aus der Ladybar. Sich betrinken können wir uns zwar nicht leisten, aber wir versuchen es trotzdem. Der Techno ist viel zu hart. Auf dem Nachhauseweg sehen wir betrunkene „Artbesucher“ die sich gegenseitig in Einkaufswägen schreiend rumschieben. Wir spüren, dass wir auf einem Kunstfestival gelandet sind, auf dem mit Kunst gehandelt wird. Die Kunst ist zum Glück bis jetzt gut.

Tag 1 Ladybar

Ladybar

 

Tag 2 Dienstag.
Presseausweise. Ça va?

Seit Heute haben Julius und ich unsere Pressepässe für die Art Basel. Das ging reibungslos. Julius ist schon ein bisschen vorgeprescht und hat, als ich angekommen bin, bereits den unteren Teil dieser wahrscheinlich einflussreichsten Kunstmesse der Welt gesehen. Also den Unlimited-Part. Schon vorher hat er davon geschwärmt, im Gegensatz zu mir ist es nicht sein erster Besuch. Julius hat jahrelang für die größeren Player im Berliner Galeriegeschäft gearbeitet. Er holt mich am Eingang ab und dann geht’s hoch in den 2. Stock, Halle 2.1. Hier befinden sich ausschließlich Galerien für Gegenwartskunst. In dieser Struktur aus über 160 Boxen gibt es die Rubrik Statements – jüngere Galerien, die subventioniert werden und das Feature. Hier beweist sich Julius als sicherer Fremdenführer und zeigt die Köstlichkeiten des Kunstbasars. Gegen den Uhrzeigersinn arbeiten wir uns im Kreis um den großen runden Lichthof. Gegenüber von Guido W. Baudach gibt es lustigen bunten Alkohol und farbiges Wasser in diesen Crushed-Ice-Automaten. Plus Bedienung. Das können wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Danke also an die brasilianische Künstlergruppe Opavivará! für diesen angenehmen Start. Die Galeristin zeigt mir noch die andere Arbeit, die sich in der Unlimited- Ausstellung befindet, Hängematten und Teeausgabe. Chillig. Aber dafür ist keine Zeit. Weiter. Bei Johnen bewundern wir ehrfürchtig eine neue Martin Honert-Skulptur. Eine Gruppe verstümmelter Männer sitzen in Badehosen gemütlich auf einer dezent gehaltenen Bank. Einem Urlaubsfoto aus den 1950ern nachempfunden, wie man uns sagt. Bei team aus NY und LA wird es dann richtig brutal. Hier präsentieren die Galeristen mit Tabor Robak und Cory Arcangel zeitgenössische Positionen, die uns schon mal ein „Boar Krass“ abringen. Gerade die Videoinstallation von Tabor Robak, die erst kurz vor der Messe fertig wurde, ist extrem effektvoll und technisch aufwendig. Hier also 5 Sterne.

Tag 2 - Art Basel - opavivara!

Opavivará

Tag 2 - ArtBasel -team-Tabor Robak

Tabor Robak

Tag 2 - team - cory arcangel

Cory Arcangel

Beim Weitergehen merken wir, dass diese Profis hier eigentlich keine mediale Unterstützung unsererseits benötigen und somit können wir entspannt genießen. Erst in der subventionierten Statements-Abteilung werden wir wieder richtig wach. Ich komme ins Gespräch mit Jasmin T.Tsou von JTT aus NY. Die Installationen von Borna Sammak, die mir schon bekannt vorkommen, beschäftigen uns. Riesen Displays mit unnötiger Rahmung, aber es knallt so sehr, dass es „supergut“ ist, wie die Schweizer sagen würden. Das Gespräch ist sehr angeregt. Meine alte Mitarbeiterin Gabriella D’Annunzio arbeitet jetzt bei der Berliner Galerie Chert. Beim zweiten Hinsehen amüsiert mich die Arbeit von Kasia FudakowskiSexistinnen sehr. Gaby bestätigt mir einen humoristischen Ansatz. „We go out for a smoke“. Auf dem Balkon mit Espresso entlockt es dem zu uns gestoßenen Künstler, Malte Bartsch, einen fabelhaften Satz. „The shipper is the worst job at a gallery, accept of the artist.“ – das ist Businesstalk.

Tag 2 - statements - chert - kasia fudakowski

Kasia Fudakowski

Tag 2 -Art Basel - Malte Bartsch

Malte Bartsch

Das nächste woran wir uns erinnern können ist, dass wir bei Galerie Eigen+Art mit Judy Lybke reden. Julius kennt ihn von der Arbeit. Auf einmal merkt man eine gewisse Aufbruchsstimmung bei Herrn Lybke, „ah da steht ja auch Michael Ballak“. Nachvollziehbar.

Wir sind einmal rum, zufrieden und außerdem pünktlich zum Schluss der Messe. Das wird man noch mal genauer ansehen müssen, aber dafür ist ja noch Zeit. Was gibt es außerdem zu tun, an diesem Abend? Eine Ausstellungseröffnung bei der Basler Galerie von Bartha. Eine gute Entscheidung dort hinzugehen, wie sich herausstellte. Es gibt Würstchen, jede Menge Wein und eine interessante Ausstellung des Kopenhagener Künstlerkollektivs Superflex. Den 3D-gedruckten Bankgebäudemodellen entwachsen halluzinogene Pflanzen. Auch die bunten Plakate mit dem Ausstellungstitel Euphoria Now sind gut. Der Rausch soll bestimmendes Thema bleiben an diesem Abend und so ist unsere letzte Station der Tinguely-Brunnen vor der Kunsthalle. Barfuß im Wasser vollziehen wir eine Art Weinprobe. So etwas scheint hier niemanden großartig zu beeindrucken. Nett.

Tag 2- Abend -vonBartha- Superflex2

Galerie von Bartha

Tag 2- Abend -vonBartha- Superflex

Galerie von Bartha

Tag 2 - Abend- superflex2

Superflex

 

Tag 3 Mittwoch.
Viva la Vitra.

Es geht wieder los, Art Basel Tag drei. Das Wetter ist gut. Es lässt die Weinprobe von gestern Nacht schnell vergessen. Ich schaue mir Unlimited an, Julius geht ins Design. Auf dem Weg dorthin, muss man nicht unbedingt an den Riesen-Flagschiff-Galerien vorbei, aber das wusste ich nicht. Zum Glück – denn im Erdgeschoss der Halle 2 sind die größten Galerien der Welt angesiedelt und da hängen und stehen die Sachen, die sich die meisten Museen wohl nicht leisten können. Wer noch keinen Jeff Koons oder auch Damien Hirst hat, der wird hier fündig. Ich fände ja einen „Judd“ cool, aber dafür braucht man auch das richtige Apartment, zumindest gut verputzte Wände. Nach Preisen halte ich keine Ausschau. Es braucht ja nicht mal Schilder neben den Arbeiten, man weiß schon wer einem da gegenüber steht. Bei Andrea Rosen aus New York gibt es dann sogar noch richtig neue Arbeiten von Ryan Trecartin in Zusammenarbeit mit Lizzie Fitch. Aus 2015. Außerdem die aktuelle Videoarbeit von Mika Rottenberg, die ebenfalls auf der Biennale in Venedig zu sehen ist. Das erste Video, das ich mir auf der Art länger ansehe. Es ist wirklich fantastisch und wenn ich jemandem Geld geben könnte, dann wohl dieser Frau. Mein Tipp an Andrea Rosen, Dependance in Berlin. Als ich die Halle verlasse und über die Straße in die nächste gehe, weiß ich, dass ich jetzt mal wieder alle großen Namen des westlichen Kunstkosmos in meinem Kopf wiederholt und so weiter gefestigt habe. Ich werde sie vor dem Schlafen gehen noch einmal aufsagen.

Unlimited ist am Limit der Produktionsmöglichkeiten für einen Künstler. 74 überdimensionierte Kunstwerke in einem Gebäude unterzubringen, ist, denke ich, sehr aufwendig gewesen. Praktisch wäre eine Hebebühne zum Ansehen der Arbeiten. Es handelt sich um eine zum dritten Mal von Gianni Jetzer kuratierte Ausstellung, aber eigentlich kann man alles nur getrennt voneinander betrachten, schon allein wegen der Größe. Das wirkt dann manchmal auch etwas zu aufgeblasen, wie die sieben oder acht Fallschirme, die durch Riesenventilatoren unter der Decke schweben. Auch riesige, bunte Kitschansammlungen gibt es leider, bei denen ein schon nicht unbedingt gutes Objekt 10 oder 20 mal wiederholt wird. Da fragt man sich dann schon, „Wieso liegt hier Stroh?“. Ich werde jetzt nicht alle Künstlernamen aufzählen, die ich nicht wirklich bewerten kann, wobei ich schon denke, dass wenn man einige von Ihnen nicht gefragt hätte, eine imposante Ausstellung zu sehen gewesen wäre. So fühle ich mich etwas doof, weil ich hier gerade mit ein bisschen zu leicht zu durchschauenden Tricks verarscht werde. Sorry.

Es gibt auch wirklich eindrucksvolle Arbeiten, wenn die Dimension Sinn macht. Wenn Kader Attia 16 leere Holzvitrinen, die man von Bildern der geplünderten Museen aus dem nahen Osten zu kennen scheint, vor Ort mit Steinen einwirft, dann ist das einfach und gut. Oder eine geile Rauminstallation von Martin Boyce mit Neon-Sonnenschirmen und Liegestühlen ist entspannt. Es ist lustig David Shringley’s Life Model zuzugucken, wie es abwechselnd blinzelt oder pinkelt. Die große nackte Plastikfigur, die nach Comic aussieht, kann wie im Aktzeichenkurs abgezeichnet werden. Die Ergebnisse hängen an den Wänden. Das ist Fun und fast zu leicht. Hans Peter-Feldmanns Humor ist da schon etwas klassischer. Aber auch dieses Prinzip erklärt sich allein. Viele Landschaftsbilder addiert ergeben ein großes. Ein bisschen schade, dass sogar John Knight seine mit Urlaubsansichten der Mitglieder der IMF & World Bank bedruckten Kreditkarten vergrößert. Olaf Nicolai’s Arbeit sah zwar bei der letzten „Berlin-Biennale“ im Ethnologischen Museum etwas besser aus, aber sie brüllt zumindest nicht, „Ich bin hier!“. Fast hätte ich vergessen, wer hier wohl die meiste Aufmerksamkeit bekommt. Julius von Bismarck. Von Bismarck ist anwesend, zumindest in seinem Egocentric System. Wie muss sich das anfühlen, für die Dauer der Ausstellung in einem großen sich drehenden Teller mit Matratze und Schreibtisch zu leben? Das weiß nur er. Zum Abschied winken würde nichts bringen, er schaut nur auf sein Handy oder nach Innen also nicht über den Tellerrand. Haha.

Tag 3 - unlimited - Kader Attia

Kader Attia

Tag 3 - unlimited - david shringley

David Shringley

Tag 3 - unlimited - john knigth

John Knigth

Tag 3 - unlimited - Martin Boyce

Martin Boyce

Julius Lehniger hat sich gerade etwas zu Essen besorgt am Außenpavillon des von Rikrit Tiravanija initiierten Gemeinschaftsprojekts – der am Rande bemerkt – drinnen auch auffiel. Unter dem großen Bambus-Dach wird gekocht, gegessen und danach selber abgewaschen. Soll sehr lecker sein, meint Julius, während er die Schale spült. Asiatisch. Mist, ich habe zu wenig Hunger um mich in die Schlange zu stellen. Alles umsonst. Das nächste Glück lässt eh nicht lange auf sich warten. Linda betreut junge Kuratoren-Stipendiaten aus Deutschland und kann über diese VIP-Karten für DAS Event des Abends klarmachen, die Vitra-Party. Während wir uns schon freuen, erzählt ein Freund, wie er im Extra-Collector-Hinterzimmer-Space von Sprüth Magers laufend umbauen muss, weil ständig alles verkauft ist. So kommen hier scheinbar alle auf Ihre Kosten. Wir jetzt auch. Im Shuttlebus geht es nach Deutschland zum Vitra Design Museum in Weil am Rhein. Ein Sommerfest, welches seines gleichen sucht. Perfektes Wetter, perfekte Gebäude, perfekt gekühlter Weißwein, perfekte Uhrzeit. Langsam geht die Sonne unter und das alles ist wirklich ein Klischee der perfekten Hochzeit mit 5000 Freunden. Es wird noch besser. Da die Veranstaltung ganz im Zeichen des afrikanischen Designs steht wird passende Musik gespielt. Afrikanische. Wer die kennt, weiß, dass es eigentlich die Musik mit den besten Rhythmen ist. Nach und nach spüren es alle. Am Ende sind wir ein wilder Haufen. Die Busfahrer wissen zum Glück den Weg Hause. Das werden wir so schnell nicht vergessen.

Tag 3- abwaschen bei Rikrit Tiravanija

Rikrit Tiravanija

Tag 3 vitra-party

Vitra_Party

Tag 3 - Vitra party

Vitra_Party

Zurück in der City geht es irgendwie weiter, Kunststudenten-Partys in Unigebäuden. Ich wäre lieber für immer auf der Hochzeit geblieben, wie bestimmt so manch anderer. Aber übermorgen ist die Ausstellung des Künstlers Julian-Jakob Kneer im Volvo. Darum müssen wir uns kümmern – zumindest existiert das Event schon auf Facebook. Symbiosis.

 

Tag 4 Donnerstag.
Auto putzen.

Nach einer Hochzeit muss erst einmal Ruhe einkehren. Wir putzen heute Auto. Alles in allem wohl an die drei Stunden. Auto putzen ist ja eine wahnsinnig, befriedigende Freizeitbeschäftigung. Um uns danach nicht völlig zu überfordern, machen wir drei kleinere Ausstellungsbesuche. Im Haus der elektronischen Künste Basel gibt es ein „Reopening“ der Ausstellung Poetics and Politics of Data. Die anschließende Führung ist sehr hilfreich, da die Arbeiten zum Thema „Big Data“ stark konzeptuell angelegt sind. Wer die letzte Transmediale gesehen hat, kennt sie zu einem Drittel. Das Haus ist frisch renoviert und so wirken die Objekte und zum großen Teil Videoinstallationen sehr klar oder eher steril. Die Ausstellung läuft noch bis zum 30.8.2015 und lohnt sich nicht nur bei Interesse. Zwei Türen weiter präsentiert im Oslo 10, Agatha Valkyrie Ice ihre Vision eines zukünftigen Barerlebnisses. Laut Julian ist Sie/Es die/das erste Avatar-Kurator-X. Displays an der Wand, hinter der Bar hängt eine Fahne in Regenbogenfarben. Wir sind wohl zu früh, es ist noch nichts los. Dann fahren wir zu SALTS. Es regnet wie verrückt, aber es gibt gebratenes Spanferkel und Schrei-Performance. Erst im Nachhinein lese ich, in was für einem berühmten Offspace wir uns kurz aufgehalten haben. Im Garten des seit 2009 existierenden, von Samuel Leuenberger gegründeten, SALTS, ist das weltberühmte Bild des Kakadu-Prints von Katja Novitskova, 2014 entstanden. Als angenehmer Techno einsetzt, weiß ich, dass ich mal nach Hause muss. Sonst wird es wieder zu bunt. Julius hält noch durch und verbringt ein paar angenehme Stunden in der Bar des Plaza am Messeplatz. #Traplord

Tag 4 auto putzen

Julian-Jakob Kneer, symbiosis

Tag 4 - Oslo10- avatarkurator

Oslo10

 

TAG 5 Freitag.

Julian-Jakob Kneer, symbiosis

So, ab jetzt purer Lobbyismus:
Heute findet das von uns lang erwartete Event symbiosis unseres boys Julian-Jakob Kneer im, um und am Auto von Julius Lehniger, statt. Hierfür wurden unweit der Messe in einer Seitenstraße unter dem Vordach eines Geschäfts für Autolacke zwei Parkplätze angemietet. Tagsüber wird im und am Auto installiert: Sticker werden angeklebt, Geruchsspender verteilt, Plexiglas Lasercuts werden vorsichtig aus ihrer Form befreit. Das Auto wird so langsam getunt, wird durch präzise Eingriffe zum eigenständigen Objekt transformiert. Neben Sound strahlt auch der Geruch der im Internet gekauften Autodüfte aus seinem Inneren und dehnt sich gemeinsam mit dem rosafarbenen Licht weit in seine Umgebung aus und deutet auf die sich darin befindende Kunst hin. Ist das Auto nun Ausstellungsraum oder eigenständiges Objekt?

Kneer ist jung (*1992 in Basel), doch scheint er genau zu wissen, was er will. Auf die Frage: Warum er Kunst macht, habe er wohl mal geantwortet, „weil ich Künstler bin.“ Straight! Ich frage ihn, was es mit dieser Arbeit auf sich habe. Bevor er mir jedoch die Frage beantworten will, holt er erst einmal sein Smartphone raus und zeigt mir seine Webseite. Dann sagt er, dass er hierbei untersuchen wolle, ob sich diese verpönte Proll-Ästhetik in die elitäre Kunstwelt übersetzen ließe. Das gelingt ihm und als ich später mit dem Rad zur Eröffnung fahre, sehe ich Prototypen seiner Studien: Zu dritt, durchtrainiert und tätowiert mit Joint, sitzen sie auf der Lehne einer Parkbank. Kurz danach überholt mich mit lauter Musik ein tiefergelegter Honda. Zu Erkennen geben sich diese extrovertierten jungen Männer und Frauen immer. Vor ihrer provokanten Haltung, habe ich immer gewissen Respekt. Überdeutlich läuft Bushido auf der Eröffnung und zwar mindestens 6 Mal. Klar rappe ich „Spaceship, Facelift, Parameraflow“ mit, weil es sich gut anfühlt, ironisch zu solidarisieren mit den bösen Jungs, die scheinbar so unverletzlich sind. Exakt zur Dämmerung wird noch eine Rosa-Leuchtstoffröhre unter dem Dachvorsprung eingedreht und wir trinken in großer Runde Bier und Energydrinks. Hinten im umgeklappten Kofferraum steht die Arbeit o0o.SiXpAcK.o0o, ein Sixer Volvic-Flaschen, welche mit dem aufwendigen Wassertransferdruckverfahren bearbeitet wurden. Von verspiegelten Tribals umgeben und mit glitzernden Accessoires bestückt, wird die Arbeit mit grellen LED Spots angestrahlt. Macht ja auch Sinn zum Wasser kaufen die Rücksitze umzuklappen. Einmal mehr verstehe ich, dass die Oberfläche bei Kneer im Vordergrund steht. So fährt die Tuningszene wohl nicht vorwiegend aus Gründen der Bewegung, sondern um zu zeigen, dass sie fährt und vor allem was. Ihre doch meistens proletarischen Fahrwerke verstecken sie hierbei oft unter dem falschen Schein von Upgrades, die allerdings niemals aus einem Polo einen Ferrari machen werden. Sind wir ruhig ehrlich, genau so ist unser Volvo-Kombi ein Statussymbol, denn er vermittelt: Ich bin gebildet und effizient. An diesem Abend durften wir mit Bier und unserem Auto protzen, während unweit die letzten großen Verkäufe dieses Tages abgeschlossen wurden. Wow, das war jetzt aber wirklich „deep“. Mir war es allerdings zu einfach, hier ein Post-Internet-Art Schild anzubringen, denn nur weil ein (vermeintlich unpräziser und veralteter) Begriff existiert, gibt es noch keinen Content. So und jetzt Aftershowparty. Wuupwuup…

Bildschirmfoto 2015-07-01 um 10.41.18

Julian-Jakob Kneer, symbiosis

Bildschirmfoto 2015-07-01 um 10.41.32

Julian-Jakob Kneer, symbiosis

 

Tag 6 Samstag.
„Der Kirschbaum“.

So das reicht, ich gebe auf. Preview, Aftershow, Preview, Aftershow, wann lassen die uns endlich nicht mehr rein? Auf dem Weg zur Messe stellen Julius und ich fest, dass wir vor der Rückfahrt am nächsten Tag definitiv noch eine Pause brauchen. Julius schlägt das Elsass vor, da kann ich ihm eigentlich nur die Füße küssen. Klingt nach einem Plan. Vorerst gibt es leider Dinge zu erledigen. Die Autoausstellung gestern war gut, hat aber auch die Autobatterie komplett entleert und abgebaut werden muss sie auch noch. Das heißt, wieder zur Messe, ADAC anrufen, Julian treffen, abhauen. Ein Ziel gibt es zumindest. Angekommen, packt uns komischer Weise ein letztes Mal das Kunstfieber und wir stürmen rein. Julius zeigt mir die tollen Jean Prouvé und IKEA-Flüchtlings-Häuser im „Design“. Ich zeige ihm Pierre Huyghe bei Unlimited. Gemeinsam gehen wir noch einmal in die Galerieabteilung Statements. Dort lassen wird uns die Arbeit von Bunny Rogers bei Société erklären. Die 25 jährige Amerikanerin hat traurige Stühle gebaut und in Schiefer gefräste „Neopads“ hängen wie kitschige Teller an den Wänden. Die Arbeit ist sehr logisch und konsequent in ihrer Absurdität. Société ist in Berlin-Schöneberg unweit der Potsdamer Straße zu finden und hier wird es bald eine Soloshow der Künstlerin geben. Jetzt ist aber auch wirklich mal gut. YOLO.

ADAC kommt, Auto läuft, Arbeiten werden verpackt und dann kommt der angenehme Teil der Reise. Ooh wiie schnell geht es bitte in diese seicht, geschwungene Landschaft. ASAP Rocky singt für uns „I spend my time, drinking wine…“, das hätten wir viel früher machen sollen. Eine Pinnnadel auf gMaps gesetzt und dann riskante Überholmanöver starten. Beim erstbesten Restaurant halten wir an. Es ist wunderschön und sehr edel. Vergleichsweise preiswert. Um jetzt nicht zu viel Neid zu erzeugen, werde ich die Details weglassen, aber sogar die Zimmer sind so billig, dass wir bleiben möchten. Glücks-und Alkoholtrunken erklimmen wir einen letzten Berg. Inzwischen lachen wir nur noch. Ein riesiger Süßkirschenbaum krönt den Ausblick. Es ist ein bisschen zu schön um wahr zu sein. Ende.

Tag 6 - Frankreich

 

Tag 7 Sonntag.
Bis bald Basel.

Tschüss Basel. Es war wirklich schön bei dir. Wir wurden von deinen Bewohnern stets nett behandelt und herzlich Willkommen geheißen. Special Thanks an Corinne Mühlemann und Nina Halpern. Basel, deine Kioske hatten immer ein gekühltes Bier und deine Straßenbahnen waren stets ohne Kontrolleure unterwegs. Deine Kunst ist sehr ausgewählt, aber dafür auch sehr gut, aber eben sehr teuer. Deine Messe ist wahrscheinlich unschlagbar und ihre Randveranstaltungen haben uns immer sehr betäubt entlassen. Es macht Spaß in deiner Innenstadt eine Ausstellung in einem Auto zu machen und sogar in dem Zufluss der Birs kann man angenehm baden. Ich glaube das war wirklich ein sehr eindrückliches Kunsterlebnis, so einprägsam, dass wenn ich wieder in Deutschland ankomme und wieder fließend Wlan habe, erschrecke, was schon wieder alles vorgefallen ist bzw. vorfällt. Wir können froh sein, dass wir das mal kurz ausgeblendet haben, es hätte den Blick getrübt. Na ja jetzt gucke ich noch mal K.I.Z. – die Jungs sind back mit „Boom,Boom,Boom“. Krasser Song, Scheiß EU. Es grüßen zum Abschied: Julius Lehniger, Julian-Jakob Kneer und Moritz Gramming.

Text und Fotos: Moritz Gramming (*87 Berlin-West) hat im Sommer 2014 sein Kunststudium in Braunschweig mit der Fachrichtung Bildhauerei abgeschlossen (grammingmoritz@gmail.com)