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Berührt Werden – über die Sad Puppies von Edie Monetti

Berührt Werden – über die Sad Puppies von Edie Monetti


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Berührt Werden
– über die Sad Puppies von Edie Monetti

Tillmann Severin

Ich würde mich als psychisch stabilen Menschen bezeichnen.

Ende Januar 2020, im zweiten Lockdown, war ich so instabil wie nie. Ich wachte nachts auf, fühlte mich dafür tagsüber, als würde ich nie richtig wach werden und konnte mich schwer auf etwas konzentrieren. Eigentlich, dachte ich, hat das erstmal nichts mit der Pandemie zu tun. Ich wartete auf die Rückmeldung von Verlagen, die ein Romanmanuskript von mir bekommen hatten. Dieses Warten wäre zu jeder Zeit quälend gewesen.

Es war aber nicht nur das Warten auf den Literaturbetrieb, sondern das Warten generell. Darauf, dass irgendetwas passiert, dass das Ich angefasst wird das Ich, das ausgeliefert am Schreibtisch sitzt und mehr und mehr in seiner Hülle zusammenschrumpft; dass etwas einen berührt.

Edie Monettis Sad Puppies – Öl-auf-Leinwand-Gemälde von einer verzweifelt gravitätischen Kraft – haben das getan. Die Galerien hatten zu diesem Zeitpunkt geschloss und ich sah Edies Bilder zunächst nur auf dem Screen. Aber gerade das schien mir zu passen: Der Ordner, den sie mir schickte, umfasste mehrere Serien mit Tieren, die die Künstlerin später Extremophile nannte – Tiere, die unter extremen Bedingungen leben, hervorragend angepasste Überlebenskünstler*innen: Quallen, Octopusse, Schlangen, Nacktmulle. Und er enthielt die Sad puppies, eine Serie mit Welpen, auch die teils nackt, freigestellt und scheinbar frei schwebend vor dem Hintergrund eines außerirdischen Sternenhimmels oder eines fahlen Mondes, der in eine Phase getreten war, die das Tier teils vor schwarzer Nacht zeigte.

Die melancholische Grundstimmung dieser Bilder traf mich sofort. Ich konnte mich kaum abwenden, während ich mich immer wieder durch die Dateien klickte. Denn auch wenn sie zu meiner niedergedrückten Laune passten, strahlten die Bilder eine Energie aus, die sogar durch die Pixeloberfläche spürbar wurde: Erst die Spannung aus expressivem Strich verbunden mit einer fast flüchtigen Pinselführung an anderer Stelle schafft den lebendigen Eindruck, und die ausgeprägte Textur lässt auf eine Hand schließen, die sich den Lebewesen mit einer Energie nähert, wie sie nur aus Trennung hervorgebrachte Sehnsucht erzeugen kann.

Ich liebe das psychologische Moment an Malerei, das auch in der Ablehnung da ist, wenn sie rein formal ist und sich auf das Technische konzentriert. Das macht sie dem Schreiben ähnlich, auch wenn Schreiben selten so körperlich wird. Ursprünglich wollte ich über Edies Bilder einen funktionalen Text für eine Bewerbung um ein Stipendium schreiben, das ausgerechnet die digitale Vermittlung von Projekten unterstützt, die wegen der Pandemie nicht stattfinden konnten. Aber schon die ersten Sätze, die ich versuchsweise schrieb, gingen in eine ganz andere, viel persönlichere Richtung, und als ich mit der Künstlerin telefonierte, war jegliche Neutralität und Funktionalität dahin.

Ich habe schon viele Telefonate mit Künstler*innen geführt. Diese intime Atmosphäre einer Stimme, auf die man sich konzentriert, der man zuhört, ist für mich immer bewegend. Auch wenn – oder gerade weil – die meisten Gespräche kaum persönlich sind, sondern nur um Kunst kreisen. Bei Edie und mir dauerte es, bis wir überhaupt zu den Gemälden kamen, soviel hatten wir uns aus heiterem Himmel zu sagen. Irgendwann begann Edie dann aber doch, über ihre Arbeit zu sprechen, erzählte mir, wie sie in den letzten Jahren Extremophilen hinterhergeforscht hatte, wie sie gereist war und bei einem Boazüchter gearbeitet hatte, um Schlangen kennenzulernen. Man müsse die Schlangen immer direkt packen, erfuhr ich, sonst seien sie irritiert und bissen zu. Wenn man sie dann im Arm hat, schlingen sie sich um einen und messen den Puls. Wenn der hoch ist, dann würgen sie umso stärker, denn sie wissen dann, dass man Angst hat.

Später im Laufe des Gesprächs las ich ihr die Sätze vor, die ich bisher über ihre Bilder geschrieben hatte und die meinen ersten Eindruck widerspiegelten, ohne dass ich den konzeptuellen Hintergrund gekannt hätte. Die Sätze drückten erstaunlicherweise genau das aus, worüber wir in der letzten halben Stunde gesprochen hatten: Das Gefühl des Geworfenseins in eine Welt, die extrem ist.

Auch die Sad Puppies sind auf ihre Weise Extremophile: Lebewesen, die nur existieren, um im kleinen Radius ihres Besitzers zu leben; die zu dem Zweck gezüchtet wurden, ihr gesamtes Dasein auf ihre Besitzer*in hin zu führen und deren große Angepasstheit darin besteht, dass sie eben genau das tun: niedlich sein und ihr Herrchen erfreuen.

Die Tiere vor dem Sternenhimmel – oder vor wesentlich banaleren Sternentapeten, den kleinen Geschwistern einer Sehnsucht nach Unendlichkeit – strahlen eine seltsame Ernsthaftigkeit aus, die durch den buchstäblichen Hundeblick hindurch alt wirkt. Die Welpengesichter sind erwachsen. Wie ihre Betrachter*innen scheinen sie zu wissen, dass die Sehnsucht, die sie befriedigen sollen, genau so wenig erreichbar ist wie der Mond oder die Galaxien in ihrem Hintergrund. Diese kitschigen Hunde in ihrer berührenden Warenförmigkeit sind Chiffren einer Existenz zwischen Depression und Kreation.

Die Sad Puppies stammen, wie Edie mir erzählte, direkt aus dem Internet. Als Kind hatte sie einmal einen Hund besessen und aufgrund einer Allergie nie wieder einen halten können. So war über die Jahre ein Ordner auf ihrem Desktop gewachsen, in dem die Künstlerin Fotos von den Hunden sammelte, die sie nicht hat haben können. Ich bin mir sicher, dass fast alle, die das hier lesen, mindestens einen vergleichbaren Ordner pflegen, sei es mit Popstars, Vögeln, Mollusken oder Pferden. Das Internet mit seiner permanenten Verfügbarkeit und der gleichzeitigen Eigenschaft immer anders auszusehen, wenn man es betritt, befeuert das nostalgische Festhalten eines Moments.

Edies Hunde sind meistens nackt. Nicht nur in ihrer Einsamkeit vor dem Universum, sondern buchstäblich. Sie gehören zu Hunden, die natürlicherweise nackt sind und dadurch weniger allergen: Peruanische Moonflower Dogs, die aufgrund des abwesenden Fells sonnenempfindlich sind und ihren Hundetätigkeiten deshalb vor allem im Mondschein nachgehen.

Edies Annäherungsweise an ihre Hunde ist intuitiv. Sie verzichtet beim Malen auf Pläne außerhalb ihrer Vorstellungskraft, macht keine Zeichnungen, sondern tritt direkt an die Leinwand heran und arbeitet so lange an einem Gemälde, bis jegliche Energie, die sie ihm geben kann, verbraucht ist; bis kein Tropfen davon mehr übrig ist, bis die Welpen jegliche Energie aufgesogen haben. Es ist eine Energie, die Sehnsucht hervorruft und Niedergeschlagenheit zurücklässt.

Es ist, als würde der Blick dieser Welpen genau diese Energie zurückgeben, als würden sie wissen, dass die Sehnsucht, die sie hervorrufen, schier unendlich ist. Oder anders herum: Als würde die Sehnsucht selbst in diesen Welpen weiterleben: als wären wir diese Welpen. Klein, zu klein selbst für unsere eigene Haut, zusammengeschrumpft und isoliert in einer Welt, in der wir nichts ausrichten können mit allem, was uns erfüllt – und gleichzeitig ist diese Energie in jedem Strich, in der Hand, die ihn auftrug, spürbar.

Wir brauchen diese Energie der Berührung. Unser Begehren und unsere Sehnsucht brauchen sie. Und es sind Edie Monettis Sad Puppies, die daran erinnern, dass das Überleben – zumal in Extremzuständen – daran hängt, anderen diese Energie entgegenzuwerfen; intuitiv und direkt, bis wir völlig leer sind – und erfüllt zugleich.