Body of Work

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Männerkörper Frauenphantasien

Text: Susan Funk

Illustration: Lotte Meret Effinger

Ihr weißer Körper strahlt uns an. Ihre ebenmäßige Haut wirkt jungfräulich und unverbraucht. Unser voyeuristischer Blick trifft sie in voller Breitseite. Ihr nackter Körper ist eine Allegorie für die Liebe. Sie ist Venus. Sie ist keine Person mehr. Sie bedeutet nichts.

Wenn ich ins Kino gehe oder einen Film ansehe, freue ich mich jedes Mal, wenn ich einen nackten Mann sehe. Damit meine ich nicht nur einen nackten Oberkörper oder (für den Bruchteil einer Sekunde) einen Männerhintern. Dass Frauen Körbchengröße 75B tragen, einen flachen Bauch und einfach supersofte Haut haben, weiß ich schon seit 1997 und ‚Titanic’. Damals habe ich mir aber noch keine Gedanken darüber gemacht, dass ich Leonardo DiCaprio nie richtig nackt sah, dagegen ziemlich genau über die Anatomie von Kate Winslet Bescheid wusste. Ihr Intimbereich wurde dort (leider) gekonnt durch den Zeichenblock DiCaprios verdeckt und auch auf der meisterhaften Aktzeichnung verliert sich unter dem Bauchnabel alles in künstlerischem Nebel. Nur Leo bekommt einen Blick auf die komplett entblößte Kate – und sein Blick entgleitet, er atmet schwer. Ein akuter Fall von Kastrationsangst – ausgelöst durch die penislose Kate? Ängstlich oder schockiert sieht Leo aber eigentlich nicht aus. Erweist sich der Regisseur James Cameron hier etwa als Freud-Kenner? Denn in Sachen Kastrationsangst überwinden kennt der Psychoanalytiker sich aus. Er liefert zwei Tricks. Trick eins: Stilisierung der Frau zum schönen Objekt. Die Filmwissenschaftlerin Laura Mulvey schrieb in einer feministischen Antwort auf Freud: „Die Schönheit der Frau als Objekt und der Bildraum verschmelzen miteinander; sie trägt nicht länger Schuld, sondern ist ein perfektes Produkt, dessen stilisierter und durch Großaufnahmen fragmentierter Körper zum Filminhalt und zum unmittelbaren Adressaten des Zuschauerblicks wird.“

Der Fetisch, in Form perfekter Schönheit, wird als Penisersatz herangezogen und soll davon ablenken, dass man(n) ein kastriertes Subjekt vor sich hat. Und der Film kann in Ruhe weiter laufen. Licht aus, Lust an.
Die andere, auch gern angewandte Methode, die Freud anbietet, ist sadistischer Natur. Der Frau wird im filmischen Narrativ eine Schuld zugeschrieben. Sie muss bestraft werden (weil sie ja keinen Penis hat), wodurch Kontrolle gesichert und Lust verschafft wird. Nach diesem Prinzip funktioniert auch gut 100 Jahre nach Freud Kino: Lars von Triers ‚Nymphomaniac’ aus dem letzten Jahr exerziert Freuds Sexualtheorie par excellence durch: Während die weibliche Hauptperson ihrer sexuellen Lust nachgeht, fällt ihr Kind beinahe vom Balkon. Weibliche Sexualität wird direkt mit Schuld verknüpft, die die Protagonistin auch zu verspüren meint – richtige Befriedigung verspürt sie nur in Verbindung mit Peitsche. Bei ‚Fifty Shades Of Grey’ dagegen kann man über den bewussten psychoanalytischen Background nur mutmaßen. Die Buchtrilogie allerdings ist ein Kassenschlager – allein in Deutschland bereits 5,7 Millionen Exemplare verkauft. Die Soziologin Eva Illouz führt den Erfolg auf das hohe Identifikationspotenzial seiner (hauptsächlich weiblichen) LeserInnen zurück. Die Hauptfigur Anastasia Steele symbolisiere die Unsicherheiten, die Frauen in Beziehungen heutzutage erleben. Einerseits tritt Anastasia sehr dominant auf und sagt, was sie möchte. Andererseits – in sexueller Hinsicht – ist sie sehr devot. Dies entspreche der philosophischen Frage (die im Buch nicht beantwortet wird), „wie weit eine Frau ihren Willen zugunsten des Willens eines Mannes abzuändern bereit ist – weil sie ihn liebt.“ Zumindest für meine Ohren hört sich das merkwürdig an, doch Eva Illouz betont sogar, dass wir immer noch in einer Zeit tiefgreifenden Patriarchats leben, „insbesondere auf dem Feld von Liebesbeziehungen.“ (Endlich neuer Stoff für die nächste Therapiesitzung.)

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Zurück ins Jahr 1997: Jack sitzt auf einem Stuhl, Zeichenblock in der Hand. Rose steht vor ihm und lässt die Hüllen fallen. Jack atmet tief durch, hält die Luft an, Rose lächelt wissend, dann legt sie sich auf die Couch und Jack beginnt, mit wiedergewonnener künstlerischer Souveränität zu zeichnen. Es erklingt die Titelmelodie von Titanic. Und ich sitze im Kino und will Rose nackt sehen. Vollziehe jeden Zeichenstrich nach, erlebe förmlich, wie meine Hand auf ihrem Bauch umherwandert. „Tritt eine Frau in einer Handlung als Schauspielerin auf, wird auch hier der Blick des Zuschauers mit dem des männlichen Charakters im Film kombiniert, ohne die Wahrscheinlichkeit der Handlung zu beschädigen. Für einen Augenblick versetzt die sexuelle Ausstrahlung der auftretenden Frau den Film in ein Niemandsland außerhalb seiner eigenen Zeit und seines Raumes“, sagt Laura Mulvey. Und ich weiß, was sie meint. Mulvey würde mir jetzt mitleidig auf die Schulter klopfen und mich auf meinen Status als ‚Erträgerin’ (‚bearer of the look’) des männlichen Blicks hinweisen. Im Gegensatz zum Mann, den sie als ‚Träger’ des Blicks ausweist. Kann ja sein, aber wieso warte ich nicht darauf, dass Jack sich die Kleider vom Leibe reißt? Nein, ich gebe mich mit einem Lächeln und einem Schlafzimmerblick zufrieden. Will denn niemand nackte Männer sehen? Ich denke an die Chippendales und verspüre Unlust. Google dann doch. Wikipedia schreibt, bei ihren Veranstaltungen kam es schon zu sexistischen Bemerkungen seitens der Besucherinnen. Nun bin ich doch gespannt. Als ich den verlinkten Quellentext öffne, gibt es dort (sexistische) Beispielsätze zu lesen wie „Er kann nichts dafür, er ist ja nur ein Mann“ und daraufhin den gut gemeinten Rat des Autors Réda Philippe El Arbi, lieber mal einem Mann hinterher zu pfeifen oder ihm auf den Hintern zu hauen, wenn wir Frauen denn schon unbedingt sexistisch sein wollten. Aber immer diese abwertenden und ironischen Kommentare, die nicht einmal witzig seien: Die seien einfach ungesund. Für beide Geschlechter. Endlich mal ein erhellender Beitrag zum Thema. Vielen Dank.
Chippendales beiseite. Leonardo DiCaprio her. Nackt. Also google ich: Leonardo DiCaprio nackt. Und finde nur absurde Photoshopcollagen. Die gibt es im Übrigen von fast allen mehr oder minder bekannten SchauspielerInnen. Origineller geht’s auf dieser Seite zu: www.nakedguysinmovies.com.
Nach kurzer Zeit Recherche merke ich, dass die Grenze ziemlich fließend ist zwischen Porno und Akt. Und dass Akt anscheinend nur weiblich existiert. ‚AKT NOW‘, die neueste Taschen-Publikation über zeitgenössische Aktfotografie, bestätigt meine Vermutung: Gefühlte 99% Frauen. Ich frage mich, ob einfach keine Nachfrage an nackten Männern besteht. Oder ob die vorhandene Nachfrage durch die Chippendales abgedeckt wird. Das Angebot an nackten Männern ist im Internet auf jeden Fall recht dünn. Um mir eine etwas repräsentativere Übersicht zu verschaffen, stöbere ich auf Internetseiten, die üblicherweise von einem homosexuellen Publikum frequentiert werden. Heterosexuelle Frauen dagegen wollen, der Facebook-Fanpage ‚Heiße Männer’ zufolge, Männer mit Sixpack oder im Anzug. Und der Traummann ist der, der einen auf die Schultern hebt, damit man die Christbaumspitze platzieren kann. Ok. Ich akzeptiere das. Auf dem Facebook-Pendant ‚Heiße Frauen’: Frauen mit dicken Brüsten. Amateurästhetik. Unterwäsche, die aus dünnen Schnüren besteht. Die Traumfrau sitzt breitbeinig auf einem Felsen. In Unterwäsche natürlich.
Männer sind Traummänner (Subjekt). Frauen sind breitbeinig (Objekt)? Wie sieht es denn mit breitbeinigen Männern aus? Ich will wissen, ob Männer auch das Potenzial zum Objekt haben. In der schwulen Szene auf jeden Fall. Aber bei mir und meinem weiblichen Bekanntenkreis? Ich starte eine Umfrage. Sammle Abbildungen von nackten Männern auf schwulen Blogs und stelle ein PDF daraus zusammen. Rund 80% der befragten 100 Frauen geben an, einen Mann als reines Lustobjekt betrachten zu können. Einige bemerken jedoch, dass sie es absolut nicht gewohnt sind, nackte Männer anzusehen. Einigen verging sogar der Appetit. Ok, ich gebe zu, ziemlich schonungslos bei der Auswahl der Bilder gewesen zu sein. Mein Blick ist mittlerweile etwas abgestumpft. Ein Mann mit Penis erschrickt mich nicht mehr. Vor wenigen Wochen noch wäre ich innerlich zusammengezuckt. Und auch ein großer Teil meiner weiblichen Befragten erschrickt beim Betrachten der Fotografien: 30,4% sehen sich weniger als einmal im Monat pornographisches Material an, 34,8% nie.

Ich mache Dich zum Objekt.
Du gehörst mir.
Du bist nackt und verletzlich.
Du zeigst Dich komplett her.
Du bist Dein Körper.
Dein Körper ist Dein Kapital.
(Und Schönheit vergeht.)

Je länger ich all diese nackten Männer ansehe, desto mehr steigt in mir ein seltsames Gefühl der Ermächtigung auf. Diese Typen wollen mich anmachen. (Genau genommen sind die meisten schwul, aber diese Tatsache ignorieren wir einfach.) Bin ich zum Subjekt aufgestiegen? Weil mich mein Begehren kontrolliert? Ich fühle mich nun nicht mehr als Projektionsfläche männlichen Begehrens, sondern begehre selbst. Ich begehre, also bin ich? Jedem Begehren geht ja ein Erblicken voraus. Und im Blick wird Herrschaft hergestellt, wie Jean-Paul Sartre in ‚Das Sein und das Nichts‘ analysiert hat: „Die Leute, die ich sehe, lasse ich zu Objekten erstarren, ich bin in bezug auf sie wie ein anderer in bezug auf mich; indem ich sie ansehe, ermesse ich meine Macht.“ Soweit, so gut. In der Praxis bezweifelt die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch in ‚Was ich erbeute, sind Bilder‘ allerdings, dass der Blick als Konstitution von Macht beiden Geschlechtern möglich ist: „Im buchstäblichen Sinne werden der Frau die Augen verbunden, wenn sie aus dem Hause tritt. Der Schleier von einst, die Schminke, der zu Boden geschlagene Blick: sie verweisen darauf, daß mit diesen Ritualen nicht nur die Frau dem Blick der anderen entzogen werden sollte, sondern auch ein Schutz vor dem bösen, sinnlichen Blick der Frau erzielt werden sollte.“
Dieser böse sinnliche Blick könnte das Mächtegleichgewicht in der visuellen Welt durcheinander bringen und patriarchale Aneignungsmuster durchbrechen. Der alleinige Blick bewirkt, bei mir zumindest, noch nicht allzu viel, wie ich merke, als ich mich im ICE umschaue. Da sitzen einfach Männer und Frauen. Dann sehe ich die Frau schräg vor mir und mein Blick wird sexuell: Sie hat langes blondes Haar, trägt eine Lederjacke und trinkt ein Glas Rotwein. Obwohl sie nicht nackt ist, löst sie eine Art Begehren aus. Der gutaussehende Typ von vorhin, der neben mir saß, hatte eine Trinkflasche, die ich irgendwie interessant fand. Seine breiten Schultern oder sein knackiger Hintern haben mich dabei nicht so beeindruckt. Schaffe ich es, im Alltag einen Mann als Objekt zu betrachten? Nicht, dass das mein zu erstrebendes Ziel wäre, aber es scheint tatsächlich so zu sein, dass der weibliche Körper stärker konsumiert/ bewertet/ objektiviert wird, als der männliche. Dadurch, dass der männliche Körper in Werbung, Film und Co. nicht so stark vertreten ist wie der weibliche, bleibt er auch von einer (kapitalistischen) Verdinglichung verschont. Dadurch, dass er nicht konsumiert wird, bleibt er beschützt. Ist doch klar, wer will schon (nackte) Männer sehen? Sie sind haarig und bärtig und überhaupt der Körperbau…

Ich begehre. Begehre ich?
Du begehrst. Mich.
Er/ Sie begehrt. (Schöne) Frauen.
Wir begehren. (Schöne) Frauen.
Ihr begehrt. (Schöne) Frauen.
Sie begehren. (Schöne) Frauen.

Frauen sind da schon einfacher schön zu finden. Sie sind (zum Glück) von der Natur mit schönen Attributen ausgestattet: Brüste, Hintern, Beine. Sogenannte Schlüsselreize, die der Mann im Übrigen auch besitzt: schmale Hüften, breite Schultern, ein trainierter (muskulöser) Körperbau und markante Gesichtszüge gelten als attraktiv. Nach dem Modell des Pawlowschen Hundes definiert die Verhaltensbiologie unser Sexualverhalten: Wie der Hund, so können auch wir nicht anders – unser Begehren ist konditioniert. Wieso denke ich aber nicht (automatisch) an Sex, wenn ein solch wohlgeformter Mann vor mir herläuft? Bei meiner Umfrage und der Frage, welche Abbildung als besonders attraktiv empfunden wird, bekam die Nummer 43 am meisten Stimmen: Typ mit Zigarette und Kaffee in der Hand auf der Toilette. Nach dem Motto: ‚Wir sind uns schon so vertraut, dass wir nebeneinander aufs Klo gehen.’ Auf Platz Nummer zwei schaffte es ein Typ, der mit verschmitztem Grinsen die Art Mann verkörpern soll, neben dem ich abends einschlafe und der mich morgens wach küsst. Am ehesten dem klassischen Reiz-Reaktion-Schema entspricht Platz 3: muskulöser, nackter Oberkörper, lüsterner Blick, schwarz-weiß und Wet-Look. Scheinbar gibt es ein unterschiedliches Blickverhalten. Ohne mich zu tief in einen differenzfeministischen Kontext begeben zu wollen, meine ich aus eigener Beobachtung dennoch feststellen zu können, dass der männliche Blick stärker objektivierend funktioniert als der weibliche. Objektivierend meine ich hier als Entsubjektivierung, wie sie Schneider/Laermann beschrieben haben: „Die Entsinnlichung des Sehens, zu der er [der Mann] sich zwingen muß, verdrängt die ‚nur’ subjektiven Vorstellungsbilder und Empfindungsqualitäten aus der Wahrnehmung.“ Gertrud Koch ergänzt: „Mit abschätzendem Röntgenblick läßt er das Piktogramm der abstrakt-virtuellen Frau durch die konkrete durchscheinen.“ Es messe sich daran, wie ausgeprägt die konkrete Frau der abstrakt-virtuellen Frau ähnele. Abweichung von der Norm mindert dabei den Tauschwert der konkreten Frau, birgt aber auch Emanzipationspotenzial zu dem Preis, dass die Begehrlichkeit abnimmt. Weiblichkeit wird konstituiert zwischen den Polen konsumierbare Warenform oder Nichtbeachtung als Frau. Dies spielt allerdings nur im Bereich der unpersönlichen Sexualität eine Rolle, die der Warenform folgt und nicht in der dahinter liegenden personalen Interaktion, auf die erotische Liebe sich gründet.
Im unpersönlichen begehrlichen Erblicken kommen also zwei Dimensionen zusammen: Der objektivierende, entsinnlichte Blick und die sexuelle Stimulation durch bestimmte Reize. Diese Mischung ist es vermutlich auch, die ich beim Betrachten von nackten Männern als ermächtigend empfinde. Der distanzierte Rahmen der Fotografie lässt mich Voyeurin sein – ich kann schauen, ohne gleichzeitig beschaut zu werden.
Die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz beschreibt diesen bestärkenden Mechanismus am Beispiel eines heterosexuellen Mannes, der die Bildzeitung liest: „Zum Einen ist das Bildgirl immer da, auch dem beraubtesten Mann als Masturbationsvorlage zu dienen. So lange dieser Mann die Bildzeitung liest, wird er also immer in seinem Selbstentwurf ein Mann bleiben können. Entsteht daraus die Notwendigkeit, die Bildzeitung schon beim Frühstück zu sich nehmen zu müssen? Das funktioniert in der Form eines Double-Binds, in dem die Bildzeitung Angst schürt und im Erhalten der Angst gleichzeitig beruhigend wirkt. Ein Double-Bind, der Suchtverhalten nachstellt. Gleichzeitig wird Männlichkeit im Blick auf die nackten Busen bestätigt. Der bedrohte Mann bleibt wenigstens ein Mann. Und heterosexuell.“

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Ich stelle mir vor, ich lese die Bild. Und es gibt jeden Tag einen neuen Bildboy. Ich sitze mit meinem Kaffee in der Bahn und fühle mich als Frau. Meine Weiblichkeit wird bestätigt durch meinen begehrenden Blick auf einen nackten Männerkörper. Dann komme ich in der Arbeit an und in meinem Spind: nackte Männer. Auf meinem Weg zum Schreibtisch begutachte ich genüsslich den Hintern meines Kollegen, der vor mir her läuft. Während ich meinen Computer hochfahre, freue ich mich schon über meinen neuen Bildschirmhintergrund: die aktuelle Werbung von Marc Jacobs BANG. Yeah, wann wird es wieder wärmer, damit die Männer lange Hosen und dicke Jacken gegen Shorts und Muskelshirt tauschen?
Realität ist: Ich habe eine Reproduktion von Sylvia Sleighs Gemälde ‚Imperial Nude: Paul Rosano’ von 1975 in unserem gemeinsamen Arbeitsraum aufgehängt. Der Ausstellungskatalog ‚Nackte Männer’ vom Leopold Museum liegt auf meinem Schreibtisch. Seither bekomme ich ständig verschwisternd-wissende Blicke zugeworfen. Von Männern und Frauen. So als hätte ich ein wirklich seltsames Hobby. Vielleicht habe ich das ja auch. Von einem Freund wurde ich letztens zum Essen eingeladen: er will mir Penis-Pasta kochen.
Mein Wunsch wäre, dass der männliche Körper genau so in der Öffentlichkeit vertreten ist wie der weibliche. Nicht weil ich hier unbedingte Geschlechtergleichheit herstellen möchte (und trotzdem für die Quote bin), sondern weil männliche Körper ästhetisch sind. Und ich davon überzeugt bin, dass sich Sekt auch gut von einem nackten Mann in Rückenansicht verkaufen lässt und in einem Film auch durch Penisse Pausen erzeugt werden können. Vielleicht wird es eine Zeit dauern, bis unser Begehren auf neue Reize reagiert, aber es wird sich lohnen: allein in meiner Umfrage geben 35,5% der Befragten an, dass sich durch mein PDF ihr Blick auf (nackte) Männer verändert habe. Und 69,8% finden den nackten Mann ästhetisch ansprechend. Nachdem der männliche Körper nach der Antike von der Bildfläche verschwunden ist, wäre es doch nun an der Zeit, eine neue Ästhetik der Nacktheit zu verhandeln in der Erotik und Begehren in einem offenen Diskurs besprochen werden können. Der weibliche Körper würde dann vielleicht seine einsame Führungsposition verlieren. Und bekäme Gesellschaft.

Mulvey, Laura: Visuelle Lust und narratives Kino. In: Weissberg, Liliane (Hg.): Weiblichkeit als Maskerade, Frankfurt/Main 1994, S.59.
Vgl. Freud, Sigmund: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Frankfurt/Main 1905.
Illouz, Eva: Ich bin für Nerds. URL: HYPERLINK „http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=hi&dig=2013%2F07%2F13%2Fa0051“ http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=hi&dig=2013%2F07%2F13%2Fa0051 (Stand März 2015)
Illouz, Eva: Ich bin für Nerds. URL: HYPERLINK „http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=hi&dig=2013%2F07%2F13%2Fa0051″http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=hi&dig=2013%2F07%2F13%2Fa0051 (Stand März 2015)
Mulvey, Laura: Visuelle Lust und narratives Kino. In: Weissberg, Liliane (Hg.): Weiblichkeit als Maskerade, Frankfurt/Main 1994, S.56.
El Arbi, Réda Philippe: Falsche Erotik und echter Sexismus. URL: HYPERLINK „http://www.clack.ch/ressort/artikel/Leben/4853/aufgesetzter_sexismus“http://www.clack.ch/ressort/artikel/Leben/4853/aufgesetzter_sexismus [Stand März 2014]
Sartre, Jean-Paul. In: Koch, Gertrud: Was ich erbeute, sind Bilder, Frankfurt/Main 1988, S. 138.
Koch, Gertrud: Was ich erbeute, sind Bilder, Frankfurt/Main 1988, S.143.
Schneier, Gisela/ Laermann, Klaus. In: Koch, Gertrud: Was ich erbeute, sind Bilder, Frankfurt/Main 1988, S. 138.
Koch, Gertrud: Was ich erbeute, sind Bilder, Frankfurt/Main 1988, S. 140.
Streeruwitz, Marlene: Bildgirl. Collagen, Berlin 2009.

Cover

 

Die Publikation Body of Work widmet sich der Verknüpfung von Körper und Arbeit. Der Stellenwert des äußeren Erscheinungsbildes auf dem Arbeitsmarkt ist gestiegen, unsere Körper sollen dort sowohl unsere Anpassungsfähigkeit als auch unsere Individualität widerspiegeln. Wohin wir auch blicken, von überall lächeln uns Körper entgegen, die die Sprache des Erfolgs sprechen und uns versichern, dass wir es auch so weit schaffen können, wenn wir nur hart genug an uns arbeiten. So träumen wir den Traum vom sozialen Aufstieg, doch während unsere Körper immerzu glänzen, fehlt häufig die Wertschätzung der Arbeit. Wir produzieren Werke, Texte, Möbel und Kleidung, bringen den Haushalt und die eigene Homepage in Schuss, während wir bei Facebook den ‚Teilnehmen‘-Button für die nächste Vernissage drücken. Aber ist dies alles selbstverständliche Arbeit oder ein Hobby und ab wann beginnt die Lohnarbeit? Wo liegt die Grenze zwischen Leidenschaft und Selbstausbeutung?

Body of Work widmet sich der Arbeit an und mit dem Körper und stellt immer wieder die Frage nach den Möglichkeiten der Emanzipation. Mit der Publikation machen wir uns auf die Suche nach dem Potential des Körpers als Ort des Widerstands und der Subversion und untersuchen dabei, wie widerständige Ideale häufig als leere Phrasen in Werbeslogans eingesetzt und – kapitalistisch ausgehöhlt – zurück an ihren Ursprungsort geweht werden. Ist Emanzipation in einem solchen Kreislauf überhaupt möglich und welchen Preis hat sie? Bleibt am Ende die einzige Lösung die ironische Affirmation?

Indem wir als Künstler*innen, Designer*innen und Theoretiker*innen gemeinsame Arbeit in dieses Heft stecken, produzieren wir unseren gemeinsamen FAK-Körper. In einer Zeit, die Sichtbarkeit zur obersten Maxime macht, soll auch dieser glänzen. Graphisch kaum von herkömmlichen Modemagazinen unterscheidbar, entstehen in diesem Heft Spannungen zwischen Aussage und Aussehen, zwischen Theorie und Praxis, zwischen der Haltung subversiver Ablehnung und radikaler Fürsprache, zwischen unserem Body of FAK und der Arbeit jeder einzelnen Person. Anstatt diese Widersprüche aufzulösen, wollen wir unseren Body of Work in seiner Ambivalenz zelebrieren.