Charlotte Dualé & Eric Winkler

Das Badezimmer ist ein undurchschaubarer Ort. Hier zeigen wir uns so, wie wir wirklich sind und so, wie uns die Öffentlichkeit niemals sieht. Genau dieses Spannungsfeld zwischen Erotik und Pornografie regt seit Jahrhunderten die Fantasien an und macht das Baden zu einem der häufigsten Motive der europäischen Kunstgeschichte. Alle großen Maler von Tizian, über Ingres und Renoir schufen Gemälde mit allegorischen Badeszenen und auch in der Gegenwartskunst spielt das Sujet eine Schlüsselrolle.

In der Arbeit Sam’s Party vereinen sich die künstlerischen Positionen von Charlotte Dualé und Eric Winkler zu einer raumgreifenden Installation. Auf eine raumhohe Fliesenwand ist in radikaler Geste ein Perlmutt schimmerndes Graffiti aufgetragen. Seine schwarzen Outlines legen sich expressiv über die Wand und hinein in den Bauch einer großzügigen Badewanne. Auf den gekachelten Stufen, die auf beiden Seiten zum Becken führen, räkeln sich fragile Keramikskulpturen und übernehmen die dystopische Szenerie. Sie erinnern an nackte Körper, die in ihren amorphen Zuständen nur andeuten aber nie explizit ausformulieren. So wird Sam’s Party zu einem Ensemble aus Wandmalerei, Skulptur und Architektur, das sich auf die historische Bedeutung des Badezimmers bezieht und es in ein Display für die Präsentation fragiler Skulpturen und informeller Bildmotive übersetzt. In dieser Gegenüberstellung begegnet die Brüchigkeit vollendeter Formen der geometrischen Klarheit von moderner Architektur.

Das Wandbild lässt tief in die Biografie des Künstlers Eric Winkler blicken, der für Sam’s Party seine Graffiti-Identität mit seiner künstlerischen Praxis verbindet und so zwei gegenläufige Genres auf metaphorischer Ebene miteinander verknüpft. Die Idee der Grenzüberschreitung spiegelt sich auch im Produktionsprozess wider, bei dem das Bildmotiv als Keramikglasur in die rohen Fliesen eingebrannt und so die Schnelligkeit des Sprühens durch akkurate Präzision ersetzt wurde. Das an der Wand klar sichtbare Fugenraster scheint von diesem verlangsamten Produktionsprozess zu zeugen und verdeutlicht, dass hier ein Bildmotiv, das in der Öffentlichkeit ein vergängliches wäre, für immer konserviert wurde.

Vor dem Wandbild liegen zwei zart rosa-weißlich schimmernde Skulpturen aus Ton und überführen die Idee des Informellen ins Dreidimensionale. Die elegant gebrechlichen Werke spielen mit dem Prinzip der Ähnlichkeit, scheinen auf das Körperliche zu referieren und diesen Eindruck im selben Atemzug wieder zu zerstören. Diese Formlosigkeit des Informellen sei nicht, wie Georges Didi-Huberman es in Anlehnung an Bataille formulierte, als Negation der Form, sondern vielmehr als ein experimentelles Ausdeklinieren der Möglichkeitsformen zu verstehen. Hier wird das Material gegen die Idee, der Prozess gegen das Ergebnis und das Brüchige gegen das Konkrete ausgespielt, bis sich das Deformierte, Ungefestigte und Fragile als ein vollendetes Formenprinzip präsentiert und behauptet.

So scheint die Installation Sam’s Party zwar auf die Anrüchigkeit steril gefliester Toiletten in Technoclubs, die Eroberung der Fliesenschächte in Berliner U-Bahnstationen und das Spannungsverhältnis zwischen Öffentlichem und Privatem in der Badekultur des Hamams zu verweisen, entzieht sich jedoch gleich wieder der eindeutigen Zuweisung. Vielmehr dient das Setting des Badezimmers als ein konkreter Ausgangspunkt, um das grundlegende Problem der Formdefinierung in der Kunst der Gegenwart neu zu thematisieren. Sam’s Party ist eben nicht nur das kollaborative Werk zwei autonom arbeitender Künstler, sondern auch ein Werk, in dem sich die Prinzipien des Informellen
und Geometrischen gegenseitig herausfordern, bestärken und aneinander zerbrechen. Es ist diese Konfrontation, in der sich die Formen schließlich entblößen und so zeigen, wie sie wirklich sind.

Vivien Trommer

Cookie Mueller’s Erzählung „Sam’s Party – Lower East Side, NYC – 1979“:
http://www.ericwinkler.de/f/cookie_mueller_sams_party/

 

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All images: Sam’s Party, Charlotte Dualé & Eric Winkler, 2016; glasierte Fliesen, glasierte Keramik, glasierte Porzellan, Sanitäranlagen, Baumaterialien, ca. 350 x 340 x 115 cm, © Charlotte Dualé & Eric Winkler

Privat Sammlung, Berlin