Daniel Stubenvoll Pyramids @ Kunsthalle Darmstadt

Im Internet zirkuliert ein Foto von dem Eingang des Guantanamo Lagers Camp Delta JTF Guantanamo,
das durch mehrere Zäune gesichert ist. Auf dem äußersten Zaun ist ein Schild angebracht auf
dem in roter Schrift steht: „Honor Bound To Defend Freedom“ (Durch Ehre verpflichtet, die Freiheit
zu verteidigen). Ausgangspunkt für Daniel Stubenvolls erste institutionelle Einzelausstellung ist
der Zaun vor der Kunsthalle Darmstadt. Da der Zaun aus bürokratischen Gründen nicht entfernt
werden konnte, strich Stubenvoll das linke Zauntor neu an. In grellem Orange, in Anlehnung an die
orangenen oder hellroten Gefangenenanzüge in Guantanamo. Die Kunsthalle wurde 1957 vom Architekten
Theo Papst — ohne Zaun — gebaut. Ein leichter Pavillonbau, der vom Bauhaus beeinflusst
ist und sich zur Straßenseite hin durch eine Glasfassade auszeichnet, die für das Publikum
Offenheit ausstrahlt. Nach der Integration des alten Rheintorportals in den 80er Jahren, welches
seitdem das Eingangstor bildet, folgte die daran angeschlossene Umzäunung zum Schutz von
Skulpturen im Vorhof. Seit zwei Jahren wird die Kunsthalle erneut generalsaniert, was die Existenz
des Zauns in Frage stellt, jedenfalls spätestens mit der Ausstellung Pyramids von Daniel Stubenvoll
zum Abschluss seines Charlotte-Prinz-Stipendiums.

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Daniel Stubenvoll, Pyramids (Orange-colored Fence), 2016, installation view © Daniel Stubenvoll

In der westlichen Galerie der Kunsthalle setzt sich die Ausstellung Pyramids fort. Fällt der Blick
zurück, so ist von hier aus durch die Glasfassade, das orangene Zauntor zu sehen. Auf elf Aluverbundplatten
(ohne Rahmung versteht sich) zeichnen sich in unterschiedlicher Größe in Grau auf
dunkelblauem Grund 3D-Renderings aus Elementen des Kunsthallenzauns ab. Auf diesen sind ein
bis maximal vier Comicseiten in Schwarzweiß gedruckt. Den titelgebenden Comic Pyramids zeichnete
René Rogge. Er zeigt Bilder, die mit minimalen dreidimensionalen Mitteln und winzigen Details,
Szenen aus dem alten Ägypten heraufbeschwören. Rogges Zeichenstil gibt spielerisch, leicht
und klar eine Geschichte wieder. Diese ist schnell nacherzählt: Der Finanzbaumeister, als Protagonist
der Geschichte, wird nach Fertigstellung der Pyramide in selbiger begraben. Aus Rache fertigt
er eine Wandmalerei für die Nachwelt an, die den Pharao ohne Phallus (beziehungsweise mit einer
Miniaturausgabe) zeigt.

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Daniel Stubenvoll, Pyramids, 2016, installation view © Daniel Stubenvoll

Die Renderings sind formal auf den Inhalt des Comics abgestimmt. Das erste Rendering zeigt einen
Ausschnitt des Zauns, der sich im Bild unendlich fortzusetzen scheint. Die darauf gesetzte Titelseite
mit der Pyramide markiert dahingegen den Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Das zweite Rendering
stammt von einer Zaunspitze und entwickelt eine Gegenkomposition zur ersten Seite des
Comics, die einen zweidimensionalen Blick auf die Wüste als Comicszenerie erlaubt. Der einzigen
Doppelseite des Comics folgt ein Rendering im Querformat. Die ersten sechs Arbeiten im Galerieraum
zeigen allesamt Ausschnitte des Zauns und schließen mit der einzigen orangenen Bildtafel,
auf der sich die Comicseite mit dem Wendepunkt der Geschichte befindet, ab. Hier dient das 3DRendering
des Zaunpfeilers als bildliche Übersetzung des Wendepunkts. Die letzten fünf Bilder
sind im sonst unbespielten Gang zur Ostgalerie ausgestellt. Sie sind alle gleich groß und zeigen das
selbe Rendering der kompletten linken Torhälfte.

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Daniel Stubenvoll, Pyramids (1), 114 x 86 cm, 2016 © Daniel Stubenvoll

Die spröde Grafik der Zaunrenderings in den Farben Grau und Dunkelblau kontrastiert mit den humorvollen
Comicbildern. Stubenvoll greift mit der Verwendung der Renderings eine Werbeästhetik
auf, die ArchitektInnen oder ProduktdesignerInnen nutzen. Dieser Präsentationsstil, wie auch der
Inhalt des Comics, lassen sich auf Großbauprojekte beziehen. Gegenseitige Abhängigkeiten von
Auftraggebern, Finanziers, Bürokratie und Bauverantwortlichen können zu Fehlkalkulationen, Verzögerungen,
Missentscheidungen, Racheaktionen, Kompromissen und Schuldzuweisungen führen.
Psychoanalytisch ist dies alles auf den Phallus zurückzuführen. Stubenvoll konterkariert in mehrfacher
Hinsicht phallozentrische Merkmale. Zum einen gibt er dem Medium Comic eine Plattform in
der Kunsthalle, als einer künstlerischen Ausdrucksform, die immer noch dabei ist, sich von ihrer
popkulturellen Identität zu emanzipieren und gegenüber einer vermeintlichen Hochkultur zu behaupten.
Zum anderen bezieht er, entgegen der Vorstellung einer Solopräsentation, einen Kollegen
mit ein. In Absprache mit René Rogge approbiert er dessen Comic. Stubenvoll vollzieht außerdem
eine Intervention am Zaun, die die Abgrenzung der Institution, gegenüber der Straße und dem
Gehweg, offenlegt. Zudem macht er den Bürogang zugänglich, somit lenkt er auch innerhalb der
Kunsthalle den Blick auf verschlossene Türen.

Text: Muriel Meyer

 

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Daniel Stubenvoll, Pyramids (Orange-colored Fence), 2016, installation view © Daniel Stubenvoll

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Daniel Stubenvoll, Pyramids, 2016, installation view, © Daniel Stubenvoll

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Daniel Stubenvoll, Pyramids, 2016, installation view, © Daniel Stubenvoll

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Daniel Stubenvoll, Pyramids (4), 96 x 76 cm, 2016 © Daniel Stubenvoll

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Daniel Stubenvoll, Pyramids, 2016, installation view © Daniel Stubenvoll

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Daniel Stubenvoll, Pyramids, 2016, installation view © Daniel Stubenvoll

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Daniel Stubenvoll, Pyramids (Title), 68 x 62 cm, 2016 © Daniel Stubenvoll

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Daniel Stubenvoll, Pyramids (Orange-colored Image), 56 x 52 cm, 2016 © Daniel Stubenvoll

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Daniel Stubenvoll, Pyramids (Office hallway 1), 106 x 67 cm, 2016 © Daniel Stubenvoll

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Daniel Stubenvoll, Pyramids (Office hallway 2), 106 x 67 cm, 2016 © Daniel Stubenvoll

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Daniel Stubenvoll, Pyramids (Office hallway 3), 106 x 67 cm, 2016 © Daniel Stubenvoll

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Daniel Stubenvoll, Pyramids (Office hallway 4), 106 x 67 cm, 2016 © Daniel Stubenvoll

 

 

Kunsthalle Darmstadt
(Studio Ost)
Daniel Stubenvoll
Pyramids
26. Januar — 17. April 2016

Do / 07.04.16
19.30 Uhr
Gespräch über die und in der Ausstellung mit Lene Benz, León Krempel, René Rogge und Daniel
Stubenvoll