Diamond Stingily – Wall Sits

Installationsansicht/ installation view of Doing the best I Can, 2019 at The Wattis Institute, 2019; courtesy die/ the Künstlerin/ artist; Queer thoughts, New York; Fotografie/ photography: Margaritas Platis

Diamond Stingily (geb. 1990 in Chicago) arbeitet zu Materialität und Mythologie von Identität und sozialer Klasse. Anhand alltäglicher, gefundener Objekte wie Haare, Türen oder Ketten verhandelt Stingily persönliche Erinnerung und gesellschaftliches Gedächtnis, die sie in Bezug setzt zu sozialen und ökonomischen Fragen. Wall Sits im Kunstverein München ist Stingilys erste institutionelle Einzelausstellung in Europa und präsentiert einen Überblick verschiedener Werkgruppen sowie Neuproduktionen, die für den Kunstverein entstanden sind. Stingilys künstlerische Praxis umfasst Video, Skulptur und Schreiben und entwirft Beziehungen zwischen der Intimität eigener Biografie und Erfahrungen von Geschichte. Anstatt zu schwarzer Repräsentation im Allgemeinen zu arbeiten, thematisiert sie Familien- und Kindheitserinnerungen, aus denen oftmals fragmentarisch systemischer Rassismus und Gewalt spricht, die der US-amerikanischen Kultur eingeschrieben sind. 

Im 1. Stock des Kunstvereins reihen sich dunkelbraune Archivregale gefüllt mit hunderten Trophäen aneinander. Dicht an dicht nimmt die aus über 700 Teilen bestehende Arbeit In the middle but in the corner of 176th place (2019) den gesamten Raum ein. Die Trophäen sind teilweise standardisierte Pokale, die für die Teilnahme an Sportwettbewerben verliehen werden, einige sind größer und erinnern an offizielle Siegerehrungen. Die vergoldeten Plaketten, die üblicherweise die jeweilige Sportart und den erreichten Platz beschreiben, wurden ersetzt durch Textpassagen wie THROUGH ALL THE MADNESS THIS IS ALL YOU GONE GET,  I DID THE BEST I COULD WITH WHAT I HAD oder I DID IT FOR THE GLORY. Es sind sich selbst verliehene Trophäen, die in den jeweiligen Textpassagen eine nicht lineare Erzählung der Obsession von Sieg, Wettkampf und Verlieren erzählen. Gänzlich abwesend sind Entwürfe oder Berichte davon, wie ein Sieg aussehen könnte. Die Texte drehen sich um Beschreibungen von Erschöpfung. Und vielleicht auch Entschuldigungen: DOING THE BEST I CAN. Ein Portrait der Fixierungen auf Erfolg, in welcher der „American Dream“ sowohl als unerreichbare Fiktion als auch stetig realer Bezugspunkt reflektiert wird. Stingily selbst kommt aus einer Familie von Athleten, zwei Brüder spielen in der NFL, der US-amerikanischen Profiliga im American Football. Sie selbst vergleicht die Erfahrung als Künstlerin mit der einer Athletin. Fragen von Belastbarkeit und Ausdauer angesichts scheinbar unmöglicher Chancen sowie unbändige Freude bei der Überwindung von Hindernissen werden thematisiert. Für Stingily ist es eine Haltung, mehr als eine bestimmte Art von Aktivität, die Menschen im Spitzensport definiert – ein Zustand in dem Schmerz, Überwindung und Wettkampf im Zentrum stehen. 

Die sich widerholenden Gravuren zeichnen dabei immer auch die eigene schwarze Herkunft mit scheinbar spielerischen Aussagen wie WE DIDN´T HAVE THIS SPORT WHERE I WAS AT nach. Diese bezieht sich beispielsweise auf Stingilys Kindheit, die sie in Vororten von Chicago, in Stadtteilen wie Country Club Hills, mit überwiegend schwarzer Bevölkerung verbrachte. Fragen von Zugang zu Materialien in Bezug auf ökonomische Verhältnisse, die immer auch Ausdruck von systemischer Ungleichheit sind, thematisiert die Arbeit Double Dutch Ropes (2019). Gewebte und verknotete Schlaufen von Telefonschnüren hängen nebeneinander aufgereiht an Metallschlaufen im hinteren Raum der Ausstellung. Diese Werkserie reproduziert mit billigen Materialien Springseile, die normalerweise in Spielzeuggeschäften zu kaufen sind. Durch die Verwendung von herkömmlichen Materialien verhandelt Stingily die gegenseitige Bedingtheit von künstlerischer Produktion und sozialer Klasse. In gegenwärtigen identitätspolitischen Diskursen werden zwar Fragen von Race und Gender oft reflektiert, weitgehend abwesend sind jedoch Fragen der Klasse. Bei Stingily ist die künstlerische Form immer auch Terrain zur Reflektion von Herkunft und somit sozialer Klasse – zu welchen Materialien besteht von wo aus Zugang, was kann gefunden, entwendet und verwendet werden.

Im Ausstellungsraum verdunkeln übereinander geklebte Zeitungen die Fensterreihen. Normalerweise verwendet um kommerzielle Orte in urbanen Zentren als im Übergang von einem zum anderen Besitzer zu kennzeichnen oder Schließungen zu markieren, wird der institutionelle Innenraum hier als städtischer Außenraum inszeniert. Im Stadtraum geben die Zeitungen über die vergilbten Datumsanzeigen oder ihren sonnengebleichten Zustand jeweils Auskunft über Immobilienlage oder Krise. Räume versteht Stingily als kulturell konstruiert, korrumpierbar und historisch wandelbar – so auch den Raum des Kunstvereins, der mit der ersten Ausstellung als Teil des neuen Programms den Eindruck von Umbau suggeriert. Über den verdunkelten Fenstern sind dazu hohe Eisengitter installiert, die üblicherweise vor Geschäfts- oder Wohnräumen im Erdgeschoss angebracht werden. Sie bezeichnen eine Grenze und Schutz vor antizipierten Eindringlingen. Die Arbeit mit dem Titel Outside (2019) setzt sich mit den Spannungen zwischen Öffentlichkeit und Privatem auseinander und weist den BesucherInnen einen Platz im Außen zu. 

Die Arbeit mit dem Titel Entryways (2019) besteht aus fünf abgenutzten Türen, die jeweils mit Schlössern versehen sind und durch Metallstangen gehalten von der Wand abstehen. An jeder Tür lehnt ein gebrauchter Basketballschläger – ein Objekt, das immer auch im Verhältnis zu Aktion gedacht wird. Es ist ein Gegenstand, der auf Kindheitserinnerungen von Stingily verweist – ihre Großmutter Estelle hatte stets einen Baseballschläger an der Eingangstür stehen. Die Schläger sind Ausdruck von Gewalt in einer Kultur, in der schwarze Körper ständiger Bedrohung ausgesetzt sind. „Ich denke, Gewalt ist für viele Menschen ein Teil des Alltags – gewaltfrei zu leben, halte ich für eine sehr privilegierte Sache“, sagt Stingily. Die Türen inszenieren jedoch auch eine Gegenerzählung zu stereotypischen Repräsentationen und entwerfen über den häuslichen Raum der Großmutter eine matriarchale Narration von Schutz und Geborgenheit. 

Der Titel der Ausstellung Wall Sits bezieht sich auf eine Übung aus dem Ausdauertraining, bei der man kniend im 90° Winkel gegen eine Wand lehnt, die Füße auf dem Boden platziert, um diese Position anschließend so lange wie möglich zu halten. Diese Übung wurde in Stingilys Kindheit zur Strafe angewendet – die, natürlich schmerzhaft, gleichzeitig die Muskeln aufbaute.

www.kunstverein-muenchen.de