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Die Obszönität der Stickerei – Ein Interview mit Mary-Audrey Ramirez von Yvonne Scheja

Abgeschlagene Köpfe, pornografische Szenarien, überlebensgroße Tiere, fantastische Kreaturen: Mary-Audrey Ramirez’ Werke eröffnen verborgene, bedrohliche und lustvolle Welten. Ihre Magie liegt in ihrer Dualität zwischen Verbot und Verlangen. Im Gespräch erläutert die Künstlerin, wie eine vermeintlich harmlose Tätigkeit wie Sticken voller Aggression stecken kann.


Dein Werk setzt sich aus vielen verschiedenen Elementen zusammen: Stickereien, raumgreifenden Installationen, Performances, Video und Apps. Thematisch befasst du dich dabei u.a. mit Gaming, bizarren Welten, Frauenbildern sowie dem Verhältnis Mensch und Tier. Wie würdest du deine Arbeit selbst beschreiben? 

Es ist meistens intuitiv und und später merke ich, das ist ein Thema, mit dem ich mich beschäftigt habe. Zwar mache ich meine Recherche und vertiefe mich aus meinen eigenen Interesse heraus in diese, aber es ist nicht zwangsläufig so, dass ich daraus eine Arbeit machen möchte, wenn, dann passiert das z.B. drei Jahre später. Ich werde von allem Möglichen inspiriert: von Freunden, neuen Leuten, die ich kennenlerne, Serien bis Musik und das verarbeite ich dann. Ich bin keine Wissenschaftlerin und kann nur Eindrücke wiedergeben, die aus einer persönlichen Auseinandersetzung entstehen, ohne dabei immer die Kunst im Hinterkopf zu haben. 

In den letzten Jahren haben sich deine Werke deutlich verändert, ohne ihre Stringenz zu verlieren. Dabei denke ich an noch minimalistischeren Skulpturen wie Gequetscht / Squeezed or a hug oder Wasserfall aus deiner Studienzeit. Wie würdest du deine eigene künstlerische Entwicklung in den letzten Jahren sehen? 

Meine Arbeit hat sich definitiv verändert. Wasserfall erinnert an eine gerenderte Flüssigkeit und ist einer meiner ersten Versuche im Studium, eine virtuelle Darstellung in die reale Welt zu überführen. Damals habe ich noch in den Werkstätten experimentiert, um herauszufinden, wie ich zukünftig arbeiten kann und um das Material kennenzulernen. Zugleich habe ich sehr viel gestickt und hatte dabei den Wunsch wie eine Malerin Elemente aus den Videospielen, die ich spiele, herauszunehmen, sie zu kreieren und sie leben zu lassen. Denn meine Stickbilder sind Skizzen für die spätere Umsetzung. Und ab dem Moment, wo ich anfing Tierskulpturen wie Einsamer Ameisenbär zu machen, hat es Klick gemacht.  

Weiche Stoffe oder Latex treffen auf gewalttätige und aggressive aufgeladene Motive in deinen Arbeiten. In meinen Augen unterläufst du dabei bewusst Geschlechterzuschreibungen und spielst mit ihnen, nicht zuletzt wenn du stickst oder Rosa verwendest. Welche Bedeutung haben die Materialien und die Umsetzung für deine Werke?

Das Sticken ist ein Prozess. Wenn ich erzähle, dass ich sticke, sagen viele: „Oh, wie niedlich!“, aber ich ballere dabei ordentlich rum. Ich mache das freihändig auf der Maschine und es ist in meinen Augen ein sehr aggressiver Prozess, weil man immer wieder rein- und raussticht, fast als ob man wirklich jemanden abstechen würde. Hinzu kommt der laute Sound der Nähmaschine, der wie in einem Shooter das Rumballern wiedergibt. Zugleich muss man Ruhe bewahren, um den Stoff zu bewegen. Im Prozess des Stickens ist für mich bereits eine Ambivalenz angelegt: das extrem Aggressive und dann wieder dieses sehr Sensible, Weiche. Es sieht möglicherweise sehr süß aus, ist es aber nicht. 

Deine Stickereien entstehen in Anlehnung an den intuitiven Prozess der Écriture automatique. Wie entwickelst du deine Installationen, wo du komplette Welten erschaffst, in die man eintauchen kann? Ich denke u.a. an die Ausstellung xoxo winter is coming der Overbeck-Gesellschaft.

Manchmal hat es mit der Umgebung des Ausstellungsortes zu tun und was ich gerade persönlich durchmache, z.B. ein Spiel suchte [Anm. d. Red. ein Spiel ständig spielen]. Es handelt sich häufig um spontane Eindrücke und ich weiß, was ich machen möchte. So bin ich in die Overbeck-Gesellschaft reingegangen und ich hatte unmittelbar ein Gefühl für Hitchcock, obwohl ich seine Filme schon lange nicht mehr gesehen hatte. Insbesondere Die Vögel spielt eine wesentliche Rolle, weil mir dieser Film als Kind Angst gemacht hat. Während der Ausstellungsvorbereitung habe ich zudem viel mit Pfeil und Bogen in Far Cry gestealthed [Anm. d. Red. aus dem Hinterhalt angreifen] und konnte mir vorstellen: Mary, mit Pfeil und Bogen schießt du alle Vögel ab.

Sicherlich hilft dir das Gaming, um ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen zu haben.

Ja, definitiv, z.B. bei Eck-Situationen oder Säulen. Ich male mir dann aus, wie man hier gut in Deckung gehen oder jemandem auflauern könnte, was man auch gut bei Petra Martinetz in Kill them all and come back alone nachvollziehen kann. Aber ich muss aufpassen, dass es keine Disney-Inszenierung wird, sondern noch Kunst bleibt. Denn ich möchte nicht, dass Besucher*innen denken, sie wären Characters in einem Game.  

Was fasziniert dich am Gaming? 

Was ich am Gaming gut finde, ist, dass man auf Pause drücken und bei vielen Spielen unbegrenzt sterben kann, und es wird einem verziehen. Bereits als Kind und Teenager interessierte mich der Suicide Attempt in Games: Du springst herunter, du stirbst und fängst wieder an einem Safe Point an. Noch heute bin ich davon fasziniert und springe in Games manchmal einfach herunter, um die Darstellung des Todes analysieren zu können. 

Nicht nur im Hinblick auf deine Sujets, sondern auch deine Werktitel zeigt sich der Kontrollverlust und das Durchbrechen von gesellschaftlichen Konventionen wie bei Teasing people who are about to drown. 

Das ist ein Gedanke, den wahrscheinlich viele bei der Todesszene von Jack im Film Titanic hatten: Es gibt genug Platz neben Rose auf der rettenden Planke für beide. Als ich das Bild gestickt habe, entstanden mehrere Jacks. Es sah einfach aus wie „Haha, ihr ertrinkt jetzt!“ und so kam der Titel. Diese Entscheidung fällt jedoch nicht bewusst, sondern es handelt sich um einen Kontrollverlust in diesem Moment. Vielleicht beschäftige ich mich in meinen Werken und Titeln mit Tabuthemen, ich würde aber nicht behaupten, dass ich tabulos bin, da ich definitiv bestimmte Themen nicht anspreche.

Der Film Titanic ist eine schöne Überleitung zur letzten Frage: Welche Rolle spielt die Idee von Sehnsucht in deinen Arbeiten?

Sehnsucht ist auf jeden Fall ein sehr wichtiger Bestandteil. Sie kann ein sehr schöner Ort sein, den man besucht und dann wieder verlässt. Das Wort selbst verweist auf Sucht. Es kann dabei passieren, dass man sich im Kreis dreht und sich fragt, wie komme ich da wieder raus. Teilweise suche ich nach Auswegen aus der Sehnsucht und verknüpfe sie mit Humor, denn letztlich ist er der einzige Ausweg: „It’s a trap, just laugh it off.“

 

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Kommende Ausstellung:

Kunstverein Dortmund

INTO A GRAVEYARD FROM ANYWHERE

20. Juni bis 23. August 2020