EGO UPDATE. DIE ZUKUNFT DER DIGITALEN IDENTITÄT – NRW-FORUM DÜSSELDORF

Soll ich euch verraten, wer ich bin?

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Alles wird unkonkret. Ich befinde mich zusammengekauert im „Nichts“.
Oberhalb von mir eine geriffelte Struktur, ähnlich der eines feuchten Gaumens. Wärme, wie von einer Infrarotlampe. Und alles im Farbton „Savanne“.
Jetzt weiß ich, wo ich bin! Ich bin gedankenverloren. Befinde mich in meinem Unterbewusstsein, sitze irgendwo unter meiner Schädeldecke.
Schuld daran trägt die Frage „Wer ist überhaupt ‚euch’?“.
„Euch“ ist bloß wovon jeder ausgeht, dass es das gibt.
Ein unsichtbares Publikum.
Tausend Paar unsichtbare Augen.

Genauso entrückt und gedankenverloren fühle ich mich manchmal, wenn ich mich auf einer Fotografie selbst betrachte. Wenn ich anhand des Bilds von mir versuche, mir meiner Außenwirkung bewusst zu werden.

Vor mir, im NRW-Forum, während des Presserundgangs zu „Ego Update“, die Fotoflut von Erik Kessels, einem Wandteppich ähnlich, bestehend aus vielen kleinen Einzelbildern, mit der er bereits sakrale Räume gefüllt hat, eine Skateboard-Rampe die er mit Fuß-Selfies hat bedrucken lassen und Affen-Selfies des britischen Tierfotografen David Slater.

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Ausstellungsansicht, Erik Kessels, My Feet, 201,5 © NRW-Forum Düsseldorf, Foto Andreas Kuschner ALIMONIE

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Ausstellungsansicht, Erik Kessels, My Feet, 201,5 © NRW-Forum Düsseldorf, Foto Andreas Kuschner ALIMONIE

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David Slater: Crested Black Macaque © David J. Slater

Alain Bieber (*1978), früher Online-Redakteur, u.a. Chefredakteur von ARTE Creative, einem digitalen Ableger des Fernsehsenders und seit April neuer Leiter dieses Kulturzentrums, trägt einen Sweater, der von weitem unifarben fleischig wirkt, bei genauerem Betrachten jedoch aneinandergereihte Abbildungen seines Gesichts abwechselnd mit einem rot gescheckten Katzenkopf zeigt (?), erinnert mich dabei an jenen bereits umschriebenen Ort, den ich bereise, wenn ich mich in meinen Gedanken verliere. Bieber nennt Selbstbetrachtung „die am weitesten verbreitet Form in unserer schnelllebigen Zeit Inne zu halten.“ Selbstdokumentation zum Zweck, Bilanz zu ziehen.

Was ich vorgesetzt bekomme sind hauptsächlich Leute, die sich selbst fotografieren, Portraits in jenem Selfie-Stil, Aufnahmen, die nach dem Muster funktionieren: Zwei Bedeutungsebenen. Eine (1) alltäglichen Umgebung oder Situation aus der sich in Kombination mit dem Protagonisten dessen (2) Besonderheit herauslesen lässt – Kessels zeigt mir dazu einen Bildband, den er aus Bildern, die im Netz kursieren zusammengestellt hat, in dem Männer ihren Penis neben Fernsehfernbedienungen halten, um zu zeigen, wie gewaltig groß er ist.

In meinem Kopf, bin ich auf einmal wieder ganz alleine. Um mich herum ist niemand mehr, war vielleicht auch noch nie jemand.

Der Schweizer Kurt Caviezels füllt diese Lücke – zumindest bei anderen, die mir unbekannt sind. Nimmt jene Rolle ein: Das unsichtbare Über-„Euch“, an das all unsere Erwartungen gerichtet sind. Wird zur Manifestation unserer Träume, die sich darlegen, wenn wir Webcam und Kamera eingeschaltet lassen.
Dazu sucht er im Netz nach allgemein zugänglichen, privaten Webcams, verschafft sich Zutritt in anderer Leute Wohnräume und archiviert seine Ausspähungen als Standbilder unter dem Titel „The Users“ (2011): Menschen in intimen Moment, die sie vorm Computerbildschirm und ihrer Webcam verbringen – bloß mit BH, das Neugeborene zur Linken des nicht ganz perfekt getrimmten Körpers, eine Mahlzeit löffelnd, herumlümmelnd. Caviezels wird dadurch zum Argos, einem Wesen aus der griechischen Mythologie mit Tausend Augen.

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Kurt Caviezel, User62 aus der Serie The Users (2011), © Kurt Caviezel

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Kurt Caviezel, User201 aus der Serie The Users (2011), © Kurt Caviezel

Unweigerlich erinnert mich diese Arbeit an jenen „Saturday Night Live“-Sketch, in dem Jesus Christus vom Himmel herabsteigt, zu einer fundamentalistischen Anhängerin in die Küche und sie freundlich darauf hinweist, ihn in Zukunft nicht mehr so oft anzubeten. Sie schämt sich in Grund und Boden, weil sie sogar gebetet hat, dass der Reis beim Kochen nicht zu klumpig wird.

„Geht es darum andere mit der künstlerischen Arbeit vor den Kopf zu stoßen und darf man sich damit über diese stellen?“, frage ich deshalb den anwesenden Jonas Unger (*1975), der Prominenten eine analoge QuickSnap-Kamera in die Hand gegeben und sie gebeten hat, sich selbst zu fotografieren (Autoportraits 2010-heute) und fühle mich mit meinem Schreiben noch eher ihm verbunden, als den Selfie-Machern. Er mag meine Frage nicht. „Man ordnet diese Leute zwar in den Mainstream, stellt sich doch aber nicht über sie, wenn man selbst nicht dem Trend hinterherrennt.“ Stattdessen ginge in seiner Arbeit darum, dass die Leute endlich wieder „ins Museum gehen und merken, dass die Kunst auf einmal ziemlich nah ist!“

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Jonas Unger, Autoportraits 2010-heute, © NRW-Forum Düsseldorf, Foto: Andreas Kuschner ALIMONIE

Andreas Schmidt (*1967) hingegen um eine Antwort zu bitten, erübrigt sich. Er ist ehrlicher. Mit Human Resources I und II (2014, einem mehrbändigen Fotobuch, in dem er auf Doppelseiten die Facebook-Profile seiner 5000 Freunde abgedruckt, macht er sich lustig darüber, dass die Hälfte sich darauf mit Kamera in der Hand hat portraitieren lassen und als „kreativer“ Mensch inszeniert.

Also herrscht sie doch vor, (warum auch nicht?) die Überzeugung man wurde mit dem eigenen künstlerischen Schaffen etwas Wertvolleres erschaffen als jene Selbstportraits. Auch wenn der Antrieb in beiden Fällen der gleich ist. Hoffnung.
Hoffnung, damit gesehen zu werden, bedeutsam zu werden, nicht unbemerkt zu bleiben – Wenngleich man als Künstler noch viel mehr davon ausgeht, dass andere, was man macht, sehen wollen.

Die Ausstellung teilt dabei das Problem einer jeden Fotoausstellung, zeigt hauptsächlich, wenn auch bis an die Decke reichende und leinwandbreite Flachware, lässt nicht erkennen, welchen Mehrwert die Bilder erhalten, wenn sie an der Wand hängen ihre digitale Seelen-Form verlassen und gezwungen sind, zu bedeutsamen Ausdrucken zu werden. Ich habe ein Problem damit die Ausstellung zu begehen. Das liegt weniger an der Ausstellung, als dem Terminus „Begehen“.
Sich nachträglich darüber Gedanken machen ist die einzig richtige Möglichkeit, diese Ausstellung zu besuchen, auch wenn sie zuvor stattfindendes Begehen voraussetzt. Wenn im Gehirn unnötige Zwischenräume ausgeblendet werden und das Gedächtnis die Bilder einfach lückenlos aneinanderreiht.

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Evan Roth, Internet Chache Portrait, 2015; Kurt Caviezel, The users, © NRW-Forum Düsseldorf, Foto: Andreas Kuschner ALIMONIE

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Guido Segni, The middle finger response, 2013, © NRW-Forum Düsseldorf, Foto: Andreas Kuschner ALIMONIE

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Martin Parr, Autoportraits 1991-2012, © NRW-Forum Düsseldorf, Foto: Andreas Kuschner ALIMONIE

Wieder habe ich keinen Körper mehr. Das Verhältnis „Kunst und Körper“ gilt nicht mehr. Zwar ist Körper noch immer ein bedeutender Faktor, aber bloß noch als Unterkategorie. Im Film „Neun Leben hat die Katze“, dem Abschlussfilm von Ulla Stöckl aus dem Jahre 1968, der heutigen Professorin an der dffb, haben Eltern noch am meisten Angst davor, dass ihre Kinder hinter verschlossenen Türen hemmungslos Selbstbefriedigung betreiben,– die Protagonisten des Films erkennt viele ihrer Probleme im Nachhinein daran, dass ihre Eltern sie beim Onanieren erwischt haben und sie es sich selbst deshalb fortan untersagt hat.
Heute besteht, die größte Angst, der Eltern darin, dass die Kinder im Netz zu viel von sich selbst preisgeben. Exhibitionismus statt Onanie. Kinder sind nicht mehr nur auf die Aufmerksamkeit ihrer Eltern oder ihres näheren Umfelds angewiesen. „YouTube-Star“ spielen statt „Doktorspielchen“.

Bieber frage ich, wie er sich früher, in seiner Kindheit, als es so was alles noch nicht gab, die Frage „Wer bin ich?“ beantwortet hat.

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Er weiß es nicht mehr.

„Ich“ ist heute viel weniger greifbar. Etwas ganz abstraktes , nicht von dieser Welt.
„Ich“ ist viel weniger mein Körper, meine Poren und mein Schambereich.
„Ich“ ist, was im Dunklen, wenn ich meinen Laptop aufklappe, mir entgegenstrahlt.
Mein Profil auf Facebook, meine Blog bei WordPress, meine Bilder auf Instagram.
Am deutlichsten wird es, wenn beides sich übereinander lagert, miteinander verschmilzt, mein Spiegelbild auf der Scheibe des Monitors mit dem darin befindlichen, meiner digitalen Identität. Vielleicht generiert sich dieses Problem mit uns selbst, das wir versuchen durch Selbstbestätigung loszuwerden, aus der Behandlungsmethode Selbstbetrachtung und besteht seit es Medien gibt, die diesen Zweck erfüllen, wie Spiegel, Fotos, Film und das Internet, und uns darüber hinaus ermöglichen uns als Ganzes, in unserer Totalität wahrzunehmen. Vielleicht hängt zusammen mit der glatten sterilen Oberfläche, in die wir uns spiegeln, die in einem krassen Gegensatz zur Lebenswirklichkeit steht sowie der Distanz aus der wir uns betrachten, wenn wir die Ego-Perspektive verlassen.

Die Frage ist: „Wird das digitale „Ich“ dabei immer künstlerischer?“, wie die Ausstellung es ganz optimistisch versucht auszulegen oder der Mensch immer künstlicher?

Auf mehr „kritische“ Gedanken bin ich nicht gekommen: Noch bietet das „Selfie“ keine Plattform für Selbsthass. Das ist, was „echte“ Kunst ihm noch immer voraus hat!

Es fällt daher nicht schwer gemäßigt euphorisch zu werden oder patriotisch im Bezug auf die Menschlichkeit. Wenn man sieht, wie weit entwickelt wir doch sind. So weit, dass ein Körper, der womöglich zu den Säugern gehört, gar nicht mehr reicht. Die Hülle nicht genügt, der Mensch zum Cosplayer (vgl. Oliver Sieber: Character Thieves 2005-2007) wird, Avatare (vgl. Robbie Cooper: Alter Ego 2002-2007) braucht, um all das auszudrücken, was in ihm vorgeht.
Nun wird deutlich, wieso wir uns als #krönungderschöpfung betrachten, wieso der Mensch Herrschaftsansprüche stellt. Weil er sich selbst ein System generieren hat, in dem er als Fußballspieler Millionen kassieren kann (vgl. Jonas Unger: Autoportraits 2010-heute). Wann wird der Zeitpunkt kommen, wenn wir die Grenzen des Digitalen kennen lernen und uns somit wieder unserer eigenen Grenzen bewusst werden?

Text: Sebastian Späth

 

EGO UPDATE. Die Zukunft der digitalen Identität liefert mit 23 internationalen und nationalen Positionen Denkanstöße und mögliche Antworten; beteiligt sind: Kim Asendorf, LaTurbo Avedon, Evan Baden, Arvida Byström, Kurt Caviezel, Robbie Cooper, Heather Dewey-Hagborg, MC Fitti, Alison Jackson, Erik Kessels, Florian Kuhlmann, Dafna Maimon, Netro, Onformative, Ontheroofs, Martin Parr, Evan Roth, Andreas Schmidt, Guido Segni, Oliver Sieber, David Slater, Amalia Ulman und Jonas Unger. Das filmische Begleitprogramm stellen Stéphane Degoutin und Gwenola Wagon, Janez Janša, Nicolas Ritter, Stéphane Carrel, Lutz Mommartz und Lynn Hershman Leeson.

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LaTurboAvedon, Selfie at Club Rothko, © LaTurboAvedon

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Nicolas Ritter, Moviestill aus “The Cloud” (2015), © Nicolas Ritter

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Kim Asendorf, Selfie Template, 2015 © NRW-Forum Düsseldorf, Foto: Andreas Kuschner ALIMONIE

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Jackson Alison, Seeing is Deceiving, 2013, © Alison Jackson

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Amalia Ulman, Excellences and Perfections (2014), © Amalia Ulman

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Evan Baden, Nicole aus der Serie Technically Intimate (2008–2011), © Evan Baden

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Oliver Sieber, Cake and Mr Brown, Queens NY 2007, aus der Serie Character Thieves

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Arvida Byström, Instagram Sculptures, © Arvida Byström

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Robbie Cooper, Immersion (Filmstill) (2010) © Robbie Cooper

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MC Fitti, Selfiegott, © WeOwnYou

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Florian Kuhlmann, The Artist is present, © NRW-Forum Düsseldorf, Foto: Andreas Kuschner ALIMONIE

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Heather Dewey-Hagborg, Stranger: Visions Sample 7 NYC, 2012-2013, © Heather Dewey-Hagborg, Courtesy Catherine Edelman Gallery, Chicago

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OnTheRoofs, Hong Kong, © Vitaliy Raskalov & Vadim Makhorov alias OnTheRoofs