Ein Gespräch mit Bruno Mokross

Lieber Bruno, du studierst aktuell an der Akademie der bildenden Künste in Wien in der Bildhauerei-Klasse von Dr. Julian Göthe. Neben eigenen Ausstellungen organisierst du vor allem im Raum Wien viele Shows, u. a. als Gründer des Ausstellungsraums Pina, den du gemeinsam mit Edin Zenun betreust. Wie kam es dazu, dass du angefangen hast, Ausstellungen zu organisieren? Wie begründet sich dein Interesse diesbezüglich? 

Liebe Seda! Danke für deine Fragen!

So richtig begonnen habe ich mit dem Organisieren von Ausstellungen nach einem unerwarteten Anruf… Ich hatte ein paar Gruppenausstellungen selbst organisiert und bei der Planung von anderen mitgeholfen, aber war mir noch sehr unsicher, in welche Richtung das gehen sollte. Eines Nachts klingelte mein Handy und mein Freund Edin fragte mich, ob ich mit ihm zusammen einen Kunstraum machen will. Da habe ich sofort zugesagt, und ein paar Monate später haben wir Pina eröffnet. Seit Beginn Anfang 2017 zeigen wir fast im Monatstakt internationale und lokale junge Positionen, zuletzt etwa Emanuel Rossetti oder eine Duo-Show mit Michael Fanta und Emelie Sandström.

Meine erste Gruppenausstellung habe ich aber 2015 organisiert. Zu der Zeit hatte ich gerade mein Studium der Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien begonnen und bin zwischen Wien und Leipzig gependelt. In Leipzig durfte ich einen Raum in der Eisenbahnstraße nutzen und habe nach einer mit Freunden organisierten Lesung dort für zwei Tage vor allem digitale Arbeiten auf Fernsehern und Projektoren gezeigt. Es war eher einer spontanen Lust geschuldet, eine Gelegenheit, die sich ergab und die ich ohne viel Planung genutzt habe. Ich hatte einfach Lust, verschiedene Dinge auszuprobieren und mit Leuten zusammenzuarbeiten, deren Arbeit mich zu dem Zeitpunkt begeistert hat. Kurz danach habe ich das Studium der Sprachkunst abgebrochen und angefangen, auf der Akademie zu studieren, und dann haben wir eben Pina gegründet.

Vor allem hat mich dabei die Möglichkeit gereizt, meinen Projekten einen festen zeitlichen und räumlichen Rahmen zu geben und im engeren Austausch mit Künstlern und Künstlerinnen zu stehen. Neben der tatsächlichen Auswahl von Künstler*innen interessieren mich aber auch die existenziellen Fragestellungen, die damit einhergehen: Was bedeutet es, einen Raum zu betreiben, was bedeutet Selbstorganisation, in welcher Tradition steht diese, wo verorte ich mich auf dem Spektrum zwischen Künstler und Kurator? Fast jede einzelne Ausstellung bringt mich dazu, diese Fragen aufs Neue zu beantworten und ihre Gewichtigkeiten zu evaluieren. Es ist ein Lernprozess, den ich sicher nicht voreilig beenden werde.

Würdest du deine Arbeit bei Ausstellungen als eine kuratorische bezeichnen? 

Im weitesten Sinne vielleicht. Ich glaube, meine Praxis ist direkt mit einer künstlerischen Praxis verwandt, zwar momentan keine sehr objekthafte, aber vielleicht anknüpfend an einen kritischen konzeptuellen Gedanken der – bewusst weit gefasst – ca. 50er bis 80er Jahre: Happenings, Ausstellungen machen, den Untergrund supporten, community building, Alternativen aufzeigen, etc., etc., vermutlich aus einer Unzufriedenheit mit den existierenden Formen und Möglichkeiten der Kunstproduktion heraus. Ich kann mir momentan nicht vorstellen, in einem institutionellen oder gar marktorientierten Kontext zu arbeiten, wie es viele Kurator*innen machen. Wobei man anmerken könnte, dass Projekträume dazu nicht unbedingt im Widerspruch stehen, die sogenannte “Off-” bzw. Freie Szene” ist auch eine Institution für sich. Trotzdem haben mich schon immer kleine Rahmen, “hole in the walls”, subkulturelle, experimentelle, fluide, spontane Formate mehr interessiert als große Hallen und das formale Abhandeln gesellschaftspolitischer Fragen durch die Mittel der Kunst. Ich glaube nicht unbedingt daran, dass Kunstwerke die Welt verändern können oder es sollten, aber es reizt mich, die sie umgebenden Strukturen zu analysieren, zu hinterfragen und damit zu arbeiten. 

Wie begründest du das Interesse?

Ich denke – aber das ist sicher nicht der Hauptgrund – im kleinen Rahmen hat man einiges mehr an Flexibiltät, inhaltlich sowie zeitlich, wir können z.B. bei Pina Ausstellungen zwischenschieben oder umlegen, Konzepte komplett umwälzen, könnten uns eigentlich jederzeit komplett neu erfinden, wenn wir wollten. Diese Freiheit macht Spaß und verhindert Langeweile. Mir missfällt auch die in vielen Institutionen oft herrschende schüchterne Distanz. Neulich hat z.B. Steven Warwick in der Kunsthalle gespielt und niemand hat sich getraut, zu tanzen, das war so richtig physisch unangenehm…

Wie konzipierst du eine Ausstellung? Arbeitest du vom Werk ausgehend oder entwickelst du eine thematische Idee, von der aus du dann Künstler und Werke suchst?

Wortwörtliche, thematische Gruppenausstellungen finde ich nicht so interessant. Es ist mehr der Modus der Zusammenarbeit: Bei Pina zum Beispiel gestalten Edin und ich gemeinsam das Programm. Wir haben beide recht verschiedene Geschmäcker, aber wir finden dann doch immer einen gemeinsamen Nenner, und das sind die Künstler*innen, mit denen wir schlussendlich zusammenarbeiten. Mit dem Raum verfolgen wir kein klar abgestecktes Thema oder Ziel, sondern versuchen, einen möglichst hierarchiefreien Raum des Austauschs und der Vernetzung zu schaffen. In unserem Programm versuchen wir, über uns Bekanntes hinwegzusehen und Positionen zu zeigen, die wir aus unterschiedlichsten Gründen interessant finden, zu verstehen, warum das so ist, um uns immer wieder selbst und gegenseitig zu überraschen. Dazu laden wir auch häufiger Gastkurator*innen ein. Bei anderen Projekten wie Gazebo, einer Reihe von Gruppenausstellungen, die ich gemeinsam mit Malte Zander organisiere und die in unregelmäßigen Intervallen in öffentlichen Pavillons stattfindet, liegt der Fokus der Auseinandersetzung für mich auf dem Format, dem Rahmen, in dem die Ausstellung stattfindet. Ein gutes Format alleine reicht zwar nicht aus, es hilft aber, um die eigene Arbeit und Gedanken zu strukturieren. 

Gemeinsam mit Franziska Sophie Wildförster vom Kunstverein Kevin Space hast du die Plattform Independent Space Index ins Leben gerufen, auf der alle Offspaces, Artist run spaces und unabhängigen Ausstellungsräume in Wien verzeichnet sind. Im Zuge dessen habt ihr ein dreitägiges Festival organisiert, mit Ausstellungen, Musik, etc. Ich empfinde Festivals immer als intensive Verschmelzung von Kunst und Leben, da man sich für einen bestimmten Zeitraum in einer bestimmten Welt bewegt. Gewissermaßen wäre das ja die Antithese zur rechten Kulturpolitik in Österreich. Was denkst du zu der Idee? Was war, neben dem Sichtbarmachen der Offspaces, Anlass für das Festival?

Veranlasst haben Franziska und ich ein erstes Meeting zwischen verschiedenen Wiener Kunsträumen im Dezember 2017. Das Online-Verzeichnis (www.independentspaceindex.at) als solches ist eigentlich nur eines der Nebenprodukte der daraus erstmalig entstandenen, monatlich stattfindenden Vernetzungstreffen zwischen Vertreter*innen der Spaces. Dort kam auch kam die Idee auf, das “Festival” auszurichten, zur Sichtbarmachung der vielen unabhängigen Kunsträume in der Stadt, die häufig unter dem sprichwörtlichen Radar bleiben, und um Aufmerksamkeit für die neue Plattform zu erlangen — auch, um uns einfach selbst zu feiern! Denn es machen in Wien ziemlich viele Leute ziemlich coole Sachen. Ich denke, es ist uns gelungen, unter Beweis zu stellen, was für ein Potenzial in einer Vielfalt steckt, die nicht auf Konkurrenz, sondern Kollaboration setzt. Es gab ein großes Interesse und viel positive Resonanz und wir fühlen uns bestärkt, dieses Jahr mit ein bisschen mehr Vorlaufzeit daran anzuknüpfen.

Bezüglich der Kulturpolitik: Die Vielfalt einer freien, internationalen Kulturszene steht natürlich gegen alles, was rechte Kulturfeinde lieben. Gleichzeitig sind ja die Faschisten der Kunst und dem Leben überhaupt nicht abgeneigt, man denke nur an den Futurismus.

Zwar wurde das Österreichische Kulturbudget für das Kalenderjahr 2019 unter der schwarz-blauen Regierung entgegen unserer Befürchtungen sogar aufgestockt, aber der Betrag, der jährlich in die Unterstützung unabhängiger Kunst- und Kulturinitiativen fließt, ist eigentlich nicht der Rede wert. Und der Wert von Kunst, und welche Art von Kunst als fördernswert angesehen wird, ist Auslegungssache. Ich glaube, man läuft in dieser Bubble schnell Gefahr, dem Glauben zu verfallen, dass wir alle automatisch Gute Menschen sind und dem Faschismus entgegenarbeiten, nur weil wir irgendwas mit Kunst machen. Aber Kulturproduktion allein ist noch kein politisches und antifaschistisches Engagement. Was jetzt vielleicht pathetisch klingt, aber: sollte sie das werden, ist es schon zu spät. Nichtsdestotrotz geht es darum, die Vielfalt, Offenheit, Zugänglichkeit und Gemeinschaft der Kunstszene in der Stadt zu erhalten.

 Was sind deine aktuellen und bevorstehenden Projekte? 

Ich bin seit kurzer Zeit als Webentwickler tätig, was ziemlich super ist – nicht nur, weil ich meine Miete zahlen kann – sondern auch, weil mir die Szene sehr offen und appreciative vorkommt, eine willkommene Abwechslung zur häufig sehr konkurrenzgetriebenen Kunstwelt.

Was die Kunst betrifft, werde ich allem, das in einem festen Rahmen stattfindet, meistens früher oder später überdrüssig, darum versuche ich gerade, mir neue, offenere und spontane Formate einfallen zu lassen, die mir die Freiheit geben könnten, verschiedene kollaborative Projekte unter einem Dach zu versammeln. Dazu kann ich noch nicht besonders viel erzählen, aber meine aktuell laufenden künstlerischen und kreativen Projekte, die ich leidenschaftlich verfolge, sind Pina, der Independent Space Index und das Ausstellungsprojekt Gazebo. Nebenbei trete ich als Schlagzeuger mit Battle-ax auf und werde auf ihrer LP vertreten sein. Und außerdem möchte Ich wieder die Zeit finden, mich mehr auf eigene Produktion zu konzentrieren, einer meiner wenigen guten Vorsätze fürs neue Jahr!

Pictures by Marie Haefner
Interview Seda Pesen