Hand seiner Zeit @ KM, Berlin

Fotografien von Sebastian Mayer

KM, Berlin freut sich außerordentlich über die Gruppenausstellung Hand seiner Zeit, in deren Rahmen neue Werke der Künstlerinnen Nadira Husain, Atalya Laufer, Michaela Meise und Técha Noble zu sehen sind. Die Ausstellung unterliegt ausdrücklich keinem kuratorischen Konzept, sondern vielmehr einer Idee, die organisch und intuitiv wächst, einem Ausdruck, der nicht verbalisiert werden muss und dessen Lebendigkeit in jedem der Werke zu spüren ist.

Der Titel Hand seiner Zeit verweist auf das Manuelle, das Handwerkliche und das Körperhafte in den Werken, eine künstlerische Aneignung der Natur. Die Zeit beschreibt einen Prozess ebenso wie einen bestimmten Augenblick. Die Künstlerinnen treten miteinander in einen Dialog, sie tauschen sich aus, sie halten fest, was gerade bei ihnen passiert. Das Personal Narrative, der persönliche Erfahrungsschatz jeder Künstlerin spielt ebenso eine Rolle wie ein starkes Interesse an der Verbindung von Gegenwart und Vergangenheit. Klaus Mann verfasste 1932 seine Autobiografie Kind dieser Zeit, voller Ambivalenzen und jugendlicher Irrationalität, die gleichzeitig eine große Kraft in sich trugen, für das Gute zu kämpfen. Das Kind taucht als wiederkehrendes Bild in der Ausstellung auf, ebenso wie ein Auszug aus Manns Autobiografie.

Ein Junge, der seiner Zeit voraus zu sein scheint. Der Aquatinta-Druck Little Johnson (2018) von Técha Noble entstand nach einem historischen Portrait, das ein damaliges Wunderkind aus einem Zirkus zeigte. Das Kind wirkt virtuos und ganz im Moment verhaftet. Es schwebt und nimmt eine selbstbewusste Haltung ein. Der kleine Artist tritt uns aus einer lang vergangenen Zeit stammend, ganz unmittelbar entgegen. Er hat eine Körperlichkeit, die als ehrlich und wahr empfunden werden kann. Die ortsspezifische Installation Column for Rondel (2019) bezieht sich auf eben diese Haltung des Kindes und der umgebenden Architektur, ist gleichzeitig Bühne und sich bewegender Körper. Die vertikale, spiegelsymmetrische Komposition aus Pailletten nimmt die Form des in der Achse des Fensters und des Durchbruchs liegenden zentralen Brunnens in der Mitte des Mehringplatzes auf und spielt mit seiner Kreisform. Sie ist nie unbewegt und ihr flirrendes, von stetem Wind erzeugtes Lichtspiel trägt noch die Erinnerung eines Auftritts, einer dramatischen Erzählung, eines Ereignisses, in sich.

Die neue Serie Undress Cap (2019) von Atalya Laufer geht von einer besonderen Kopfbedeckung aus, die nicht aus Gründen der gesellschaftlichen Repräsentation, sondern vielmehr in einem sehr privaten Rahmen von europäischen Männern im 17. und 18. Jahrhundert getragen wurden. Durch die Verschiebung des Maßstabs und die malerische Betonung des leeren Inneren der Haube holt Laufer das historische Objekt in die Gegenwart. Der Körper ist abwesend. Oszillierend zwischen Schmuck, Helm und Schlafmütze und um ein Vielfaches vergrößert, erscheinen die Hauben in einem neuen Kontext. Die ornamentalen Bouquets der Stickerei erinnern an Stillleben. Ohne die historische Einordnung in ihren Ursprung entwickeln die Hauben eine seltsame Vieldeutigkeit. Sie sprechen von einem Übergang zwischen Zuständen, von einem verletzlichen Moment zwischen Anwesenheit und Abwesenheit. Ein Moment der Autonomie.

Der Begriff Bank ruft vielschichtige Assoziationen auf, wie besitzen, sich setzen (lassen), einen Platz anbieten, ablagern oder aufeinander setzen. Die Basis für die Skulpturen von Michaela Meise sind Sitzmöbel. Sie werden teilweise von Stoff umspannt, der ihnen eine neue Haut verleiht. Ihrer Zeit verhaftet sind sie gleichzeitig Bildträger für Linol- und Transferdrucke sehr unterschiedlicher Herkunft. Die Motive vermischen unterschiedliche Zeiträume mit gesellschaftlichen Sehnsüchten und biografischen Splittern. An der Bank Klaus Vanderbilt (2019) finden sich Sinnsprüche, mehrere Bildcluster bilden die gesellschaftlichen Versprechen von Heilung, Freiheit und Wohlstand ab. Die „Kinderbank“, Naisha Vanderbilt (2019), erinnert schon durch ihre farbliche Fassung an eine bestimmte Zeit, eine Imagination von einer Kindheit in den 1980er Jahren in Westdeutschland. Der Linoldruck auf der Sitzfläche zeigt Sprösslinge, die sich gerade öffnen. Auf der „Erwachsenenbank“ findet man im Gegenzug reifen Hafer. Der Regen, Achtsamkeit und die Zeit lässt ihn wachsen und Früchte tragen. Wie fremd, oder vertraut uns die unter-schiedlichen Bedeutungsfelder und Elemente der Skulpturen durch ihren körperüber-greifenden Dialog sind, ist an unsere eigene Biografie gebunden. Sie weisen mit ihren ambivalenten Bildern auf ein mögliches Anderes.

Die beiden Werke von Nadira Husain, Krishna, le Roi des Schtroumpfs (2018) und Soft Situation and Curls (2018) schaffen ein multipolares Bild aus der visuellen Verschmelzung von asiatischen und europäischen Bildtraditionen, analogen und digitalen Bildwelten. Husain öffnet in ihren Werken Grenzen, die zwischen den unterschiedlichen kulturell geprägten Bild- und Erzähltraditionen bestehen, um im Austausch und der Durchmischung neue, ihr geläufige narrative Bildstrukturen zu schaffen. In der indischen Bildtradition begegnet man oft überbordenden, fast explodierenden, symmetrischen Strukturen. Diese komplexe Bildsprache wirkt wie eine freie Gedankenkette, die als Pattern in den Bildräumen immer wieder auftaucht. Diese freien Verknüpfungen wachsen jenseits von gesellschaftlichen, oder kulturellen Grenzen. Comicartige Elemente nutzen ein multikulturelles Bildreservoir. Nadira Husain löst Taschen und Aufnäher aus einer Blue Jeans und fügt sie in ihren Bedeutungskreislauf ein. Bildkörper und Stellvertreter für eine globalisierte Konsumkultur zugleich sind sie freigewordene Elemente, die sich eine Welt erschaffen, die nicht von einem Bilderkanon diktiert wird. Die Werke sprechen von der Sehnsucht nach Verbindung, von der Freude, nicht alleine zu sein. Unterschiedliche kulturelle Codes werden zu einem System ohne Hierarchien verknüpft. Aus der Introspektion von Nadira Husain in eine kindliche Traumwelt entsteht ein langsam ansteigendes Crescendo der Vielfalt von Identifikationen.

Die Ausstellung Hand seiner Zeit ist ein humorvolles Spiel mit Emblemen, die von Verfeinerung und Achtsamkeit sprechen. Die Freiheit ist nicht einfach zu finden, sondern man muss stets die Perspektive wechseln.