Here, now. Forever? Performance in Frankfurt #2 Andrea Gorki

Am 25. Oktober 2019 wurde im Rahmen des Projekts Museum der Kritik die Lecture Performance The Case of the Ridiculous Curator aufgeführt. Künstlerin Andrea Gorki analysiert darin die Arbeit des belgischen Kurators Ludovik Vermeersch. Humorvoll reflektiert Gorki über Vermeersch’s Lecture Performance “Personally, I‘m Most Interested in the Shapes and Colours” aus 2015 und lässt die Zuschauer an den merkwürdigen Methoden des unorthodoxen Kurators teilhaben. Ihre als Rahmenerzählung konstruierte Lecture Performance spiegelt Vermeersch’s künstlerische Strategien, insbesondere die Verwendung eines Alter Egos. Damian Rosellen porträtierte die Künstlerin in Frankfurt; sie hat seine Fotos mit Ausschnitten ihres Tagebuches ergänzt. 

Heute, 31. Juli, Passau

Eingeladen, mich mit The Ridiculous Curator an einem Ding namens “Museum der Kritik” zu beteiligen. Projekt von Studierenden der Curatorial Studies an der Städelschule. Tolle Sache. Mit Honorar und alles.

 Heute, 10. August 2019, Frankfurt

Treffen mit zwei von den Studierenden in Frankfurt. Sind die klasse! Sofort klar, dass die in der Schule nichts verloren haben; noch zehn Jahre und die beiden sind ganz oben. Wäre es keine tolle Idee, wenn ihr Ludovik Vermeersch nach Frankfurt holen würdet, frage ich. Der kostet natürlich etwas mehr. Ausschlieβen wollen sie es nicht. Als Kritik des Kuratierens sei meine Rahmenerzählung aber vielschichtiger als die ursprüngliche Lesung von Vermeersch. Recht haben sie natürlich. Aber man muss immer fragen. Wie erkläre ich das Vermeersch, sollte der mitbekommen, dass man lieber mich über ihn erzählen lässt, als ihn selber sprechen zu lassen?
Andererseits… vielleicht ist er mir dankbar. Zeige schlieβlich ausführlich Ausschnitte aus seinem Vortrag.

5. Oktober, 2019, Passau

Ein online Magazin, das ich nicht kenne, Kuba Paris, fragt, ob ihr Fotograf Damian mich nach der Performance in Frankfurt porträtieren dürfte. Schreibe zurück, dass die von jemand anderem gemacht wird. Er soll halt den Performer ablichten. Aha, eine Art Alter Ego, fragt Damian. Ja, so in etwa. Findet er interessant. Aber die Künstlerin bist du? Dann sollten wir doch lieber dich porträtieren, schreibt er zurück. Es scheint ihm zu gefallen, dass ich mit einem Alter Ego arbeite. Er schlägt vor, mich auf einem lebensgroβen Schachbrett in irgendeinem Park zu fotografieren. Was ist das denn für eine Idee? Er hat auf Google Maps recherchiert. Ein Spaziergang vom fffriedrich, wo die Performance ist, bis zum Bethmannpark, ist “nur” 1,6 Kilometer. Wieviele Fotos will der wohl machen? Ist das seine Methode, um jemand kennenzulernen? Vielleicht ist es ein Grundgesetz in der Fotografie-Schule: Beim Spaziergang bis zum Bethmannpark zeigt der Mensch sein wahres Gesicht.

Heute, 10. Oktober 2019

Nun doch schnell Arbeiten von Damian online angeschaut. Zugesagt für Fotoshoot. Egal ob mit Schachbrettfiguren. Kann immer noch Veto einlegen.

Heute, Oktober

Der Moment entsteht erst in dem man ihm fotografiert. Lese Susan Sontag im Zug.

Foto: Andrea Gorki

22. Oktober 2019

Termin mit Damian in Frankfurt.
Kennenlern-Kaffee getrunken. Guter Typ. Totaler Künstler Vibe. Trotzdem super nett und Profi.

Ausstellung über Lee Krasner in der Schirn. In einem Video sagt sie: “Die Malerei ist immer eine biografische Sache. Ein Gemälde kann man lesen wie eine Biografie.” Hans Hofmann hat ihr den Kubismus beigebracht. Sie hat in New York bei ihm studiert, 1937. Hofmann hatte gemeint, ihre Arbeit sei so gut, dass man kaum glauben könne, sie sei von einer Frau gemacht. Was soll man damit anfangen, sagt sie. Und sie lacht, als ob sie alle schroffen Dummheiten von Männern auf einem Riesenhaufen gestapelt hat, dann darauf hochgeklettert ist und von dort oben einen Überblick bekommen hat, der zum Heulen einfach zu lächerlich war. Ich höre kurz bei einer Führung mit. Da meint der versierte Kunstvermittler, wir sollen doch mal auf die Website von Sotheby’s gucken. “Dieses Gemälde ging für mehr als elf Million Dollar weg. Man lacht sich krumm, wenn man den Text liest, mit dem es angepriesen wurde. Ein Lehrstück dafür, wie man Kunst verkauft,” sagt der Mann.

“At once unruly and lyrical, combative and delicate, utterly expansive and intensely intimate, Krasner’s soaring masterwork hums with the irrepressible energy of wind-whipped storms and apocalyptic events, her gestural ferocity bridled only by the specificity of her virtuosic painterly touch. Painted in 1960, the present work is the crowning embodiment of Krasner’s Umber paintings, the highly lauded series of twenty-four works that, in recent years, have risen to acclaim as the creative pinnacle of her celebrated oeuvre.”

Haha.

25. Oktober

Beim Frühstück in eine Monolog-Falle gestolpert. Die uralte Pension-Besitzerin hatte schon mit dem Erzählen angefangen bevor ich reinkam. Sie saß ihren Gästen gegenüber wie ein gebietender Fernseher und hat einfach nicht aufgehört zu reden. Faszinierend allerdings: Die Nazis hatten noch schnell die Brücke aufgeblasen, sagt sie. Hat die Amerikaner aber nur einen halben Tag gekostet. Die hatten ratzfatz eine Überbrückung improvisiert. Eine Elite-Troupe der Alliierten ist dann bei der Pension-Besitzerin reinmarschiert, das heißt, sie war natürlich ein Kind. In dem Haus also, wo ihr Vater ihren Soldaten-Bruder schon seit geräumlicher Zeit im Keller versteckt hatte. Er hatte ihn gegen sich selbst, und gegen die verrückt gewordene Armee, schützen wollen. Die Amerikaner sind eingetreten, haben die sämtliche Werke von Heinrich Heine aus dem Bücherregal geholt und durchblättert. Danach alle Bändchen schön zurückgestellt und sich verabschiedet. Bei den Nachbarn oben gab’s dagegen eine Havarie. Und der Bruder saß währenddessen unentdeckt im Keller eingesperrt. Irre.

Toon Leën in Andrea Gorki’s The Case of the Ridiculous Curator, Museum der Kritik, fffriedrich, Frankfurt a.M., 25. Oktober 2019, Foto: Sonja Palade

Performance war okay.
Manche kapieren’s nicht. Sie reden mit Toon als ob er… Er macht’s ja auch überzeugend. Aber immerhin… 

Heute, 26. Oktober 2019

Letzter Tag in Frankfurt.
Am Mainkai ein selbstfahrendes Auto entdeckt. Fährt jeden Tag von 13 bis 19 Uhr eine dumme Teststrecke ab. Wir steigen ein, mit Damian. Als Metapher schlägt das Auto den Schachbrettpark. Finde ich.

Der Fotograf hat’s sich noch einmal überlegt: Ich soll selber entscheiden, wohin es geht. Es ist ja auch eine Art Performance, dieser Fotoshoot, meint er. Dann wollen wir das Ufer entlang laufen, so mein Vorschlag, und ich schleppe das Pult der gestrigen Lecture mit. Das findet Damian gut. Die Künstlerin muss ihr eigenes Kreuz tragen. Jesus hat Hilfe bekommen, aber die Künstlerin muss selber tragen. Meine liebste, allerliebste Mailin ist dabei und lacht amüsiert. Wie vermisse ich sie in Passau. Warum wohne ich dort?

Am Horn von Afrika werden somalische Piraten mit laut übers Meer geschleuderte Songs von Britney Spears abgeschreckt, habe ich neulich gehört. Die können die Musik nicht leiden. Aus religiösen Gründen vielleicht. Wirklich? Ich muss daran denken, wenn ich das Ballermann-Party-Boot sehe. Wir kommen gerade dort vorbei, als die Tür geschlossen werden soll. Noch schnell ein Bild mit Pult! Die Security ist gefällig. Drinnen ballert es vor lauter Spaß, hunderte Malle-Fans haben stundenlang Schlange gestanden und werden nun eingesperrt. Bleibt’s hier einfach so liegen, das Boot am Mainkai, hermetisch von der Welt abgeriegelt, oder fährt es gleich ab, wie ein Gefängnis auf dem Meer?

Heute, 27. Oktober 2019, 10:00 Uhr

Ich mache mich wieder auf dem Weg nach Passau.
Gestern Abend noch die Performance von Thomas Geiger gesehen. Er hat ein Gespräch mit einem iPhone geführt. Das iPhone, Josephine genannt, war zwei Tage zuvor bei der Performance von Simon Pfeffel benutzt worden, und es berichtete davon, wie ihr dieser Einsatz verändert hatte. Thomas blieb sehr nett zu dem iPhone, obwohl es für einen Gebrauchsgegenstand eine gewisse Arroganz an den Tag legte. Das war klasse! Danach eine Besucherin getroffen, die meine Lecture Performance am Abend zuvor gesehen hatte und ein wenig verwirrt war. Sie fand Vermeersch einfach schrecklich, und hat sich den ganzen Abend mit der Frage gequält, warum man sich unbedingt so lange mit ihm beschäftigen müsse. Muss man ihn ernst nehmen? Sie hatte mittlerweile mit anderen geredet, die ihn überhaupt nicht ernst genommen hatten! Das wäre auch meine Ansicht, wenn ich nur Zuschauer wäre. Die Lesung heiβt ja auch The Case of the Ridiculous Curator. Aber eigentlich macht gerade der Zweifel, ob man ihn ernst nehmen soll oder nicht, die Sache so spannend. Meine Lecture Performance kommt, glaube ich, nur an, wenn man an einem gewissen Punkt einsieht, dass das „schreckliche“ Verhalten von Vermeersch gespielt ist, dass er eine Rolle spielt, uns irritieren will, damit wir mal selber nachdenken, nicht alles einfach so hinnehmen. Dass er seine eigene Autorität so gnadenlos untergrabt, dass er sich bewusst lächerlich macht, gerade das ist doch das tolle an ihn.

23. November 2019

Fotos von Damian bekommen. Absolut klasse! Aber das hatte ich mir schon gedacht.

Text: Andrea Gorki
Fotografie: Damian Rosellen

Andrea Gorki and Toon Lëen were part of the curatorial project “ Museum der Kritik“ (fffriedrich, October 2019, Frankfurt) by the students of the master’s programme Curatorial Studies – Theory – History – Criticism: Pia Bendfeld, Mailin Haberland, Alke Heykes, Philipp Lange, Sarah Müller, Emily Nill, Sonja Palade, Seda Pesen, Alessa Sänger und Anna-Lisa Scherfose.