Editorial
Here, now. Forever? Performance in Frankfurt #3 Simon Pfeffel


Den Prozess offen legen

Ein Dorf auf dem Rücken wandernder Elefanten – Simon Pfeffel (Workshop Performance)

Bericht von Philipp Lange

Simon Pfeffel wurde von den Kurator*innen des Projekts Museum der Kritik eingeladen, eine Performance zu entwickeln, welche die Mechanismen des Kunst- und Museumsbetriebs reflektiert. Der Weg bis zur Realisierung seiner Arbeit war ein langwieriger Prozess. Die Rahmenbedingungen erschwerten die Entwicklung einer Neuproduktion: Ein zwar offen angelegtes, aber dennoch spezifisches Thema der Ausstellung, die von einem 10-köpfigen (!) Team kuratiert wurde, schien die größte Hürde darzustellen. In enger Kommunikation mit dem Künstler wurden dessen Konzeptvorschläge – an denen es nicht mangelte – gemeinsam diskutiert. Insofern, als dass die meisten Ideen schnell verworfen wurden, erschien es bald nahezu unmöglich, eine für Museum der Kritik „ideale“ Arbeit zu verwirklichen – bis Pfeffel einen finalen Vorschlag einbrachte, der den langatmigen Prozess komplett offenlegen und zur Diskussion stellen sollte. Mit dem Ziel, eine “perfekte Performance” für das Projekt mit den Besucher*innen zu erarbeiten, ironisiert er die von den Kurator*innen mitunter selbst gebauten Hürden und stellt das Machtgefüge zwischen Kurator*in und Künstler*in in Frage. Das Performance-Workshop-Hybrid Ein Dorf auf dem Rücken wandernder Elefanten errichten fand als in die Ausstellung einleitendes, dreistündiges Event im fffriedrichstatt. Im Kontext des institutionskritischen Ansatzes des gesamten Projekts erscheint es dankbar, dass Pfeffel einen künstlerischen Anstoß für eine kritische Reflexion über die Strukturen des Projekts nicht nur ermöglichte, sondern auch sichtbar machte.

Seit Beginn des gemeinsamen Arbeitsprozesses stand fest, dass Simon Pfeffel nicht physisch anwesend sein wird, aber dennoch als aktiver Part auftreten möchte – ein Wagnis, dem sich die Beteiligten frohen Mutes stellten. Schließlich ließ sich Pfeffel während der Workshop-Performance per Telefon zuschalten und seine Worte mit Lautsprechern auf Zimmerlautstärke in den Ausstellungsraum übertragen. Das auf Kopfhöhe angebrachte Telefon ermöglichte zwar den direkten Dialog mit Pfeffel, doch benötigte die Arbeit eine gezielte Vermittlung, welche die Besuchenden mit dem Künstler ins Gespräch brachte.

Hierbei kam meine Rolle als Moderator zum Tragen. Über drei Stunden hinweg kamen Gäste, die ich einlud, mit dem Künstler über seine Arbeit zu sprechen und die ich motivierte, an einem neuen Performance-Konzept mitzuarbeiten. So traten die Besuchenden an das Telefon heran oder diskutierten gemeinsam in größerer Runde. Die im Raum ausliegenden Ausdrucke des wochenlangen Email-Dialogs gaben fragmentarische Einblicke in die bisherige Künstler-Kurator*innen-Kommunikation und regten dazu an, verworfene Ideen wieder aufzugreifen. Die aus den Gesprächen gewonnenen Schlagworte wurden in schriftlicher Form auf die große Fensterscheibe des fffriedrich übertragen. Diese protokollierende Aufgabe übernahm Sarah Müller, die ebenfalls als Kuratorin von Museum der Kritik beteiligt war. Die Glasscheibe füllte sich allmählich mit einem Begriffschaos, welches den Anspruch der Entwicklung eines „Super-Konzepts“ zu einer visuell erfahrbaren Utopie machte. Das wachsende Sammelsurium an Stichpunkten erleichterte mir die Vermittlung zwischen Publikum und Telefonpartner. Insbesondere zum Schluss konnte ein abschließendes Fazit dank des visuellen Ergebnisses gefasst werden.

Trotz seiner körperlichen Abwesenheit war es Simon Pfeffel, der im Mittelpunkt des Geschehens stand – alles kreiste um seine konkreten Gedanken, er blieb der Bezugspunkt des Stücks. Insofern, dass zwischen Pfeffel und mir ein intensiver Austausch vorherging und ich für den Auftritt von ihm instruiert wurde, sah ich mich zwar in der Lage, die Vermittlungsfunktion wahrzunehmen, aus der Rolle des am Projekt beteiligten Kurators konnte ich allerdings nur bedingt austreten. Pfeffel hat eine Situation geschaffen, in der zwei Kurator*innen der Öffentlichkeit in besonderem Maße ausgesetzt sind. Indem man von außen zuschauen konnte, wie sich die Glasscheibe langsam mit Worten füllt und eine weitere Person unentmutigt das Werk präsentiert, wurden die beiden Kurator*innen auf gewisse Weise exponiert, während der Künstler selbst unsichtbar blieb. Mir wurde erst im Laufe der drei Stunden bewusst, dass Pfeffels Aufgabe nicht unbedingt die bequemere darstellte: Er hatte nicht nur die gesamte Handlungsmacht über seine Arbeit an uns abgegeben, er konnte vor allen Dingen nicht sehen, was im Raum vor sich geht, wie seine Arbeit angenommen wird und welche Begrifflichkeiten auf welche Art und Weise verschriftlicht werden. Ohne ein grundlegendes Vertrauen zwischen den beiden Kurator*innen und dem Künstler wäre dieses Experiment, das die Grenzen eines künstlerischen wie kuratorischen Projekts auslotet, wohl kaum möglich gewesen.

Erfahrungsbericht von Mailin Haberland

Im Vorlauf zu der Workshop-Performance hat mich besonders interessiert, wie die Reaktionen darauf ausfallen, dass wir den gesamten Konzeptfindungsprozess öffentlich machen und zur Diskussion stellen. Ich glaube, dass dies für unser Projekt sehr gut war. Eigentlich war ein Ausgangspunkt des Jahrgangsprojektes am Anfang, dass wir durchaus auch scheitern können. Schließlich handelte es sich um ein studentisches Projekt. Im Laufe der Vorbereitungen ist dieser Aspekt ein bisschen verloren gegangen und wurde eher von dem Bestreben abgelöst, ein „wasserdichtes“ Projekt abzuliefern. Ich war gespannt, wie die Besucher*innen auf diese Form der Offenlegung des Prozesses reagieren würden.

Von außen durch die Scheibe beobachtet wirkte die Atmosphäre sehr konzentriert. Obwohl die Hocker lose in einem Kreis angeordnet waren, schien der Fokus der meisten Besucher*innen auf Philipp und dem Ständer mit dem Mikrofon zu liegen. Obwohl Pfeffel durch seine Abwesenheit physisch eigentlich nicht im Raum war, hatte er in der Situation eine besondere Stellung, was natürlich auch an dem Setting lag.

Im zweiten Teil des Abends hatte ich, zunächst, sicher auch bedingt durch Philipps Zusammenfassung des ersten Teils, den ich lediglich von draußen durch das Schaufenster beobachtete, zunächst das Gefühl, dass eine Gruppendiskussion nicht so recht entstand. Auch kam das Gespräch anfangs erst langsam in Gang, was vielleicht daran lag, dass immer wieder Pausen entstanden sind, in denen abgewartet wurde, ob Pfeffel alles verstanden hat oder noch etwas sagen möchte. Dies besserte sich schnell.

Ich fand es spannend, dass in der Gruppe Pfeffels Abwesenheit und die daraus entstehenden Herausforderungen für die Kommunikation diskutiert wurden. Die fehlende Möglichkeit, Blickkontakt mit Simon Pfeffel aufzubauen und auch sonst das Fehlen jeglicher nonverbaler Kommunikation hat die übliche Gesprächssituation verzerrt, was interessant zu beobachten war. So waren sich wohl alle bewusst, dass Pfeffel nicht weiß, wer gerade in dem Raum anwesend ist oder wer zu ihm spricht. Ich hatte den Eindruck, dass dadurch, dass Pfeffel als Gegenüber in gewisser Weise abstrakt geblieben ist, weil wir nur seine Stimme gehört haben, der Fokus zwischen zwei Extremen geschwankt ist. Einerseits lag er, was die verbale Kommunikation anging, stark bei Pfeffel und Philipp Lange als seinem „Übersetzer“. Es wurde immer in Richtung Handy gesprochen und Pfeffels Antworten abgewartet. Andererseits sind, von Pfeffel vermutlich unbemerkt, die ganze Zeit Besucher*innen raus und reingegangen, haben die Mailausschnitte gelesen, die Scheibe betrachtet etc. Diese zwei Ebenen waren meinem Empfinden nach ziemlich getrennt voneinander, und im Gespräch konnte auf diese „Hilfsmittel“ im Raum nicht konkret eingegangen werden, weil Pfeffel sie nicht sehen konnte.

Das Beschreiben der Scheibe war visuell sehr stark und hat auch Besucher*innen, die erst zum zweiten Teil gekommen sind, einen Eindruck davon gegeben, worüber zuvor gesprochen wurde. Begriffe, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind, waren „Dialog“, „Prozess“ und die Frage, ob es ein Resultat geben muss.

Zusammenfassend habe ich es als sehr bereichernd empfunden, den gesamten Prozess, in dem wir uns gegen Ende ziemlich festgefahren hatten, offenzulegen und Reaktionen von Besucher*innen, die nicht daran beteiligt waren, zu hören. Es wurde einiges aufgegriffen, was wir im Vorlauf bereits als Gruppe und mit Pfeffel diskutiert hatten, aber gleichzeitig tauchten auch viele Aspekte auf, die für mich in diesem Kontext neu waren oder die ich einfach nicht bedacht hatte. Für mich war das ein schöner Abschluss unseres langen Prozesses und ein guter Auftakt für die Ausstellung.

Fotografie: Sonja Palade

Simon Pfeffel was part of the curatorial project ” Museum der Kritik” (fffriedrich, October 2019, Frankfurt) by the students of the master’s programme Curatorial Studies – Theory – History – Criticism: Pia Bendfeld, Mailin Haberland, Alke Heykes, Philipp Lange, Sarah Müller, Emily Nill, Sonja Palade, Seda Pesen, Alessa Sänger und Anna-Lisa Scherfose.