Highlight 10/12 – Galerie im Turm by Vivien Trommer

DDR Noir: Schichtwechsel

Henrike Naumann & Karl Heinz Jakob 

9. November 2018 – 6. Januar 2019

Der Zutritt ist blockiert. Mitten im Weg steht eine schwarze Schrankwand im Memphis-Stil der 1990er Jahre. Pyramidenförmig, glänzendes Furnier, ausgeräumt und leer. Nur eine schwarz-lasierte Keramikkugel findet noch ihren Platz in einem der Regale. Spöttisch spiegelt sie auf ihrem runden Körper die Szene der Konfrontation wider. Das ist sicherlich keine okkultische Kristallkugel, die eine glückliche Zukunft vorhersehen möchte. Diese pechschwarze Kugel hält nichts anderes bereit als das perfide Bild einer verzogenen Gegenwart. Ähnlich zynisch glänzt auch das Furnier des Möbels. Prunkvoll versucht es aufzutrumpfen mit einer Marmoroberfläche, aber es bleibt, was es ist, ein reiner Fake aus Plastik. 

Henrike Naumann kauft diese Memphis-Kopien auf, online und auf Flohmärkten, oder leiht sie einfach aus intakten Wohnzimmern aus. Dann stellt sie die Dinge aus. In den Räumen der Kunst tauschen sie ihre Funktion gegen ihre Geschichte. So wird das Möbel zum Objekt, zum Artefakt mit dokumentarischen Wurzeln, über das sich vielleicht auch die Geschichte einer geteilten Nation erzählen lässt. Denn historisch betrachtet, so jedenfalls die Erzählung Naumanns, halten nicht nur schräge Möbel, Zickzack-Regale und türkisfarbene Kunstfelle Einzug in ost-deutsche Wohnzimmer, sondern auch die gesellschaftlichen Phänomene wie Rechtsradikalismus und Neo-Faschismus.1 Letztere sind längst aus den privaten in den öffentlichen Raum geschwappt und haben in Form von Pegida und AfD Angriff auf die Strukturen der Demokratie genommen. Die Möbel dagegen sind entweder in den Wohnzimmern geblieben oder haben, wie so viele Produkte des Kapitalismus, den Weg auf den Müll gefunden. Sprachlich greift die historische Parallele gewiss zu schnell, aber es lohnt sich anzuschauen, wie die ready-made Installationen Naumanns, deren frühere Editionen mit reißerischen Titeln wie Aufbau Ost (2016), Das Reich (2017) oder einfach 2000 (2018) aufbegehrten, auf grandiose Weise diesen Konflikt als Sujet behandeln. 

Nun befasst sich die Ausstellung DDR Noir: Schichtwechsel nicht vordergründig mit den Ästhetiken des Rechtsradikalismus, des Rassismus und der Menschenfeindlichkeit, wie es frühere Ausstellungen Naumanns taten. Vielmehr lebt sie vom Bruch zwischen drei DDR-Generationen, von einem Bruch in den Kunstauffassungen. Zu Naumanns Installation aus postmodernistischem Mobiliar gesellen sich elf Gemälde und eine Plastik von Karl Heinz Jakob (1929-1997), Naumanns Großvater und zugleich ein bekannter DDR-Maler. Wie vergilbte Zeitungsausschnitte zeigen, die nun unter einem runden Glastisch klemmen, thematisierte Jakob in seinen Bildern vor allem das Menschenbild und den sozialistischen Zusammenhalt in der DDR. Dass manche der Werke wie seine düster dreinschauende Portraitstudie (Kumpel), Zwickau (1961) unter Konformisten für negative Rezensionen sorgten, scheint kaum zu verwundern. Mit heruntergezogenen Mundwinkeln und tiefen Augenringen blickt der Mann missmutig aus seiner roten Jacke und spricht, das ist noch heute klar, mehr von seinen Lastern als von seinen glücklichen Zukunftsaussichten. Gelacht wird sowieso kaum in Jakobs Bildern. Ein soziales Miteinander, das auf Vertrauen und Gemeinschaftlichkeit basiert, zeichnet sich aber doch ab. In Paar mit schwangerer Frau greift sie liebevoll nach der Hand ihres Mannes. Er dagegen fasst sich schützend an den eigenen Oberarm. Obwohl die Blicke der Figuren sich zu keiner Zeit kreuzen, wird auf berührende Weise eine innige Nähe zwischen ihnen spürbar.

In DDR Noir: Schichtwechsel stets nichts weniger zur Disposition als die Polarität zweier Ästhetiken. Die Bilder des sozialistischen Realismus, einer von der Staatspartei kontrollierten, akademischen Auftragskunst, halten Einzug in Naumanns Installationen, die wiederum einen erweiterten Begriff einer Gegenwartskunst vorantreiben, der sich nicht davor scheut über Readymades eine politische Rhetorik einzuschlagen. Allerdings werden die beiden Künste nicht gegeneinander ausgespielt. Vielmehr gehe es der Ausstellung darum „einen Zugang zum sozialistischen Realismus zu ermöglichen“ und zwar „jenseits der Polarität von Dissidenz und Parteitreue, Figuration und Abstraktion,“ so die Kuratorin. „Welche Formen des Sprechens und Gesten des Zeigens sind möglich, jenseits von Verurteilung und Disqualifizierung auf der einen oder Romantisierung auf der anderen Seite?“2, fragt sie noch.

Karl Heinz Jakobs Bilder werden nach einer längeren Phase im Depot wieder der Öffentlichkeit gezeigt. Aber es ist nicht nur interessant, dass sie gezeigt, sondern auch wo sie gezeigt werden. Denn es scheint kein Zufall, dass Naumann ihre persönliche Familiengeschichte genau in diesem Ausstellungsraum, der Galerie im Turm, zum Gegenstand erklärt. Wurde doch die Galerie im Jahr 1965 als Ausstellungsort des Verbandes Bildender Künstler der DDR gegründet, dem auch ihr Großvater angehörte. Bis 1990 wurden dort ausschließlich Ausstellungen sozialistischer Kunst ausgerichtet, bis die Galerie in die kommunale Verwaltung des wiedervereinten Berlins überging. Kaum ein anderer Kunstraum scheint geeigneter, um die Frage zu stellen, wie wir mit dem künstlerischen Erbe der DDR in Zukunft eigentlich umgehen wollen. 

Es ist auch erstaunlich, dass in dieser Duo-Ausstellung Naumanns Installationen in eine andere Richtung weisen. Sie sind nicht nur Objekt und Artefakt einer bis in die Gegenwart nachhallenden Vergangenheit, sondern dienen außerdem als Display für die respektvolle Präsentation der Kunst ihres Großvaters. Das weißt den gefundenen Gegenständen jenseits ihres historischen Narrativs auch ein strukturelles Moment zu. Behutsam stützen und schützen sie die Bilder des Großvaters. Nun mag es scheinen, die Ausstellung ziele auf eine versöhnliche Wiedervereinigung. Das ist aber nicht der Fall, ganz im Gegenteil, die strukturellen Verbindungspunkte scheitern als ästhetisches Projekt. Was bleibt ist ein stilistischer Clash, was bleibt ist der Bruch in der Geschichte von drei Generationen. Dafür wird ein Zustand hergestellt, in dem an den planwirtschaftlichen Sozialismus und den liberalen Kapitalismus gebundene Wertevorstellungen derart radikal aufeinanderprallen, dass es vor Gegensätzlichkeit nur so strotzt. Und das macht wiederum erlebbar, welche Brüche die Geschichte einer geteilten Nation wirklich prägen.

Wie im Film Noir verschieben sich auch in Naumanns DDR Noir die Wertevorstellungen von Gut und Böse, von künstlerischem Mehrwert und reiner Wertlosigkeit. Denn gerade dadurch, dass die Bilder Jakobs nicht nur gezeigt, sondern so behutsam in eine zeitgenössische Kunstgeste eingebettet werden, rücken sie extrem nah. Sie berühren. Die „böse“ Propagandakunst bekommt etwas anziehend Sympathisches. Das „gute“ Design entpuppt sich als zynischer Schein. Gewinner gibt es keine in dieser Ausstellung. Dafür bekommt man eine tiefe Narbe zu spüren, die plötzlich einen ungeahnten Phantomschmerz freisetzt. Warf zu Beginn die pechschwarze Kugel einen Blick in die Gegenwart, so wiederholt es die gesamte Ausstellung. Sie zeigt die Narbe einer geteilten Gesellschaft, die sich so gern als vereint versteht. Doch wird sichtbar, dass vor allem das Motiv der Überblendung der Geschichte der einen durch diejenige der anderen, ihr gegenwärtiges Zusammensein prägt. 

Notes

1 Henrike Naumann im Interview mit Elke Buhr, Monopol online, 17.11.2018.

2 Lena Johanna Reiser, Henrike Naumann, DDR Noir: Schichtwechsel, Begleittext zur Ausstellung, S. 3.

Diese Review erscheint als Teil der Serie Highlight X/12, für die unsere Autorin Vivien Trommer regelmäßig die Prinzipien des Ausstellens an einer institutionellen oder kommerziellen Ausstellung beleuchtet.

Henrike Naumann, DDR Noir: Schichtwechsel, 2018, Installationsansicht Galerie im Turm, Courtesy Nele Jakob, Daniel Jakob, Henrike Naumann und KOW Berlin, Foto: Eric Tschernow.

Henrike Naumann, DDR Noir: Schichtwechsel, 2018, Installationsansicht Galerie im Turm, Courtesy Nele Jakob, Daniel Jakob, Henrike Naumann und KOW Berlin, Foto: Eric Tschernow.

Henrike Naumann, DDR Noir: Schichtwechsel, 2018, Installationsansicht Galerie im Turm, Courtesy Nele Jakob, Daniel Jakob, Henrike Naumann und KOW Berlin, Foto: Eric Tschernow.

Henrike Naumann, DDR Noir: Schichtwechsel, 2018, Installationsansicht Galerie im Turm, Courtesy Nele Jakob, Daniel Jakob, Henrike Naumann und KOW Berlin, Foto: Eric Tschernow.

Henrike Naumann, DDR Noir: Schichtwechsel, 2018, Installationsansicht Galerie im Turm, Courtesy Nele Jakob, Daniel Jakob, Henrike Naumann und KOW Berlin, Foto: Eric Tschernow.

Henrike Naumann, DDR Noir: Schichtwechsel, 2018, Installationsansicht Galerie im Turm, Courtesy Nele Jakob, Daniel Jakob, Henrike Naumann und KOW Berlin, Foto: Eric Tschernow.

Henrike Naumann, DDR Noir: Schichtwechsel, 2018, Installationsansicht Galerie im Turm, Courtesy Nele Jakob, Daniel Jakob, Henrike Naumann und KOW Berlin, Foto: Eric Tschernow.

Henrike Naumann, DDR Noir: Schichtwechsel, 2018, Installationsansicht Galerie im Turm, Courtesy Nele Jakob, Daniel Jakob, Henrike Naumann und KOW Berlin, Foto: Eric Tschernow.

Henrike Naumann, DDR Noir: Schichtwechsel, 2018, Installationsansicht Galerie im Turm, Courtesy Nele Jakob, Daniel Jakob, Henrike Naumann und KOW Berlin, Foto: Eric Tschernow.

Henrike Naumann, DDR Noir: Schichtwechsel, 2018, Installationsansicht Galerie im Turm, Courtesy Nele Jakob, Daniel Jakob, Henrike Naumann und KOW Berlin, Foto: Eric Tschernow.

Henrike Naumann, DDR Noir: Schichtwechsel, 2018, Installationsansicht Galerie im Turm, Courtesy Nele Jakob, Daniel Jakob, Henrike Naumann und KOW Berlin, Foto: Eric Tschernow.

Karl Heinz Jakob, Portraitstudie (Kumpel), Zwickau, 1961

 

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