Highlight 11/12 – KW Institute for Contemporary Art by Vivien Trommer

Real Doll Theatre 

Sidsel Meineche Hansen

3. November 2018 – 6. Januar 2019 

Es riecht nach Latex und Silikon. So beißend wie sich der Geruch in die Nase setzt, so entschlossen hat sich auch das übelriechende Latexbild durch den Raum gespannt. Befestigt an Drahtseilen klemmt es nicht nur zwischen Decke und Boden, sondern auch zwischen den beiden tragenden Wänden zu seiner linken und rechten Seite. Darf man diese Barriere überwinden oder sollte man es lieber unterlassen? Die Frage stellt sich einmal mehr, weil sich zwischen den horizontalen Drahtseilen nur sehr schmale Spalte öffnen, durch die man kaum hindurch passen würde und die darüber hinaus auch noch auf ungünstigen Kletterhöhen liegen. Es ist zweifelhaft, ob es einem je gelingen würde, dort hindurchzusteigen, ohne an eines der Seile zu stoßen und das Bild in bedrohliche Schwingungen zu versetzen. Außerdem: Kunst berührt man nicht, schon gar nicht, wenn man bereits freundlich vom Aufsichtspersonal beobachtet wird. 

Man verweilt also noch eine Weile auf der sicheren Seite. Dort hängen dicht an dicht Hansens Lasercut-Gravierungen in Speerholz Shows (Cross Work), Alpha Product und N15 (alle 2018). Sie zeigen eine fiese Spinne, ein Yin-Yang-Symbol und ein Hochhaus. In ihrem skizzenhaften Zeichenstil erzählen die Bilder nur Fragmente des Ausstellungsnarrativs. In Gedanken versunken dreht man sich um; blickt nun direkt auf das Latexbild Hellmouth (To Madame), 2018. Mit seinem riesigen, geöffneten Höllenschlund, den spitzen Zähnen und gierigen Augen scheint es einen Übergang von einer strukturiert normativen Welt hinüber in das Chaos einer dystopischen Hölle markieren zu wollen. Wie im mittelalterlichen Theater wird auch in Hansens Ausstellung der Höllenschlund zu einer Zone der Transformation. Werden auf der einen Seite Konflikte nicht erlebt, sondern primär über fragmentarische Bilder vermittelt, so zeigt sich auf der anderen Seite eine abgründige Welt des Obszönen und der lustvollen Gewalt – und zwar direkt und unmittelbar.

Trotz des Abschreckungsmanövers bleibt es reizvoll den düsteren Teil der Ausstellung zu sehen. Es heißt also: Bücken, Bein anwinkeln und klettern. Zu allem Überfluss wackelt das monströse Latexbild. Das Aufsichtspersonal lächelt müde. In der Hölle angekommen, wird man von der hölzernen Gliederpuppe Untitled (Sex Robot), 2018, begrüßt. Lässig sitzt sie auf dem Boden, ihren Rücken an die Wand gelehnt, den Arm auf das Knie gestützt. Alles scheint friedlich, würden sich ihre Beine nicht so öffnen, dass man geradewegs dazu gedrängt wird, in die endlose Tiefe ihrer Vagina zu blicken. Auch ihre Augen und der Mund bilden nur schwarze, hohle Löcher aus. Ansonsten ist die Puppe beraubt aller menschlichen Körpereigenschaften. Sie hat keine Brüste, keine Haare, keinen Hintern. Sie würde fast als geschlechtsneutrales Wesen durchgehen, wäre da nicht diese tiefe Aushöhlung zwischen ihren vorderen Beinen, die förmlich nach Aufmerksamkeit schreit. Es steht außer Frage, sie ist ein lebloser Sexroboter ohne Reaktionsvermögen, ein bewegliches Holzgestell zur Befriedung sexueller Penislüste.

Beiläufig flattert auf einem kleinen Monitor das dokumentarische Video Maintenancer (2018). Über 13 Minuten hinweg zeigt es die Bordellbesitzerin Evelyn Schwarz, die in Dortmund ein Puppenbordell mit dem frivolen Namen BorDoll gegründet hat. Bei den Puppen, erklärt Schwarz im Interview, könne man zwischen unterschiedlichen Typen wählen. „Die Angel“ werde gern bestellt, sagt Schwarz, „weil die ein so breites Becken hat und solche Brüste“. Aber die „Animi-Doll Yuki“ mit blauen Haaren, sagt Schwarz gutgelaunt, werde auch gern genommen „weil sie was ganz anderes ist.“ Sie sei „nicht mehr menschlich“, sondern so Schwarz „schon Fantasie, Science-Fiction.“ Aber auch „blond, klassisch,“ das ginge immer. Das Geschäft läuft offenbar ganz gut. Eine halbe Stunde Sex mit den Puppen kostet 50 Euro. 

Ganz anders als der hölzerne Sexroboter machen die Silikonpuppen einen übertrieben weiblichen, geradezu hypersexualisierten Eindruck. Die dicken Brüste wackeln wie Götterspeise, wulstig dringen die rosa gefärbten Schamlippen nach außen, unschuldig schimmert ihre rosa Haut im Licht. Im Video schaut man der Assistentin des Hauses zu, wie sie die „Angel“ mit dem breiten Becken nach Gebrauch reinigt und für die nächste Session vorbereitet werden. Dazu gehört nicht nur das Nachschminken mit Rouge und Lippenstift, sondern auch das sorgfältige Reinigen des Mundes, der Vagina und des Afters. Mit Latexhandschuhen und Desinfektionstuch gräbt sie sich tiefer und tiefer in den Unterleib der Puppe vor. Dann klingelt das schnurlose Telefon. „Wir machen grundsätzlich nur mit Terminen“, sagt die Assistentin „deswegen muss ich auch schauen, wann du kommen möchtest, mit welcher Doll, ob ich da noch Termine frei habe“. 

Plötzlich wird die Szene von einem Männerchor unterbrochen. Wie aus dem Nichts ertönen die Worte: „If what happened on the inside, happened on the outside, would you still be doing it? Neo-libertine. No one noticed that it was you“, schallt es mystisch aus versteckten Lautsprechern. Die körperlosen Stimmen rieseln moralisierend auf einen nieder. Aber vielleicht geht es nicht um das subtile Urteil, welches gegen Ende laut wird, sondern vielmehr um eine andere Frage, die sich in der Ausstellung ganz unmittelbar aufdrängt: Welches Verhältnis zeigt sich eigentlich zwischen Menschen und Puppen? Welche Bedeutung kommt Beziehungen in einer technoiden Gesellschaft zu? Oder: Was heißt Zusammenleben in Zukunft? Gekaufter Sex wird bei Hansen damit zur Modellvorlage für eine größere Gesellschaftsfrage.

Diese Review erscheint als Teil der Serie Highlight X/12, für die unsere Autorin Vivien Trommer regelmäßig die Prinzipien des Ausstellens an einer institutionellen oder kommerziellen Ausstellung beleuchtet.

Sidsel Meineche Hansen, PA.VA, 2018, Installationsansicht in der Ausstellung /
installation view of the exhibition Real Doll Theatre, KW Institute for Contemporary Art,
Berlin, 2018, Foto / photo: Frank Sperling

Sidsel Meineche Hansen, Untitled (Sex Robot), 2018, Installationsansicht in der
Ausstellung / installation view of the exhibition Real Doll Theatre, KW Institute for
Contemporary Art, Berlin, 2018, Foto / photo: Frank Sperling

Sidsel Meineche Hansen, Installationsansicht in der Ausstellung / installation view of the
exhibition Real Doll Theatre, KW Institute for Contemporary Art, Berlin, 2018, Foto /
photo: Frank Sperling

Sidsel Meineche Hansen, Installationsansicht in der Ausstellung / installation view of the
exhibition Real Doll Theatre, KW Institute for Contemporary Art, Berlin, 2018, Foto /
photo: Frank Sperling

Sidsel Meineche Hansen, Maintenancer, 2018, Installationsansicht in der Ausstellung /
installation view of the exhibition Real Doll Theatre, KW Institute for Contemporary Art,
Berlin, 2018, Foto / photo: Frank Sperling

Sidsel Meineche Hansen, PA.VA, 2018, Installationsansicht in der Ausstellung /
installation view of the exhibition Real Doll Theatre, KW Institute for Contemporary Art,
Berlin, 2018, Foto / photo: Frank Sperling

KW Institute for Contemporary Art
Auguststraße 69
10117 Berlin