Highlight 12/12 – State of Concept by Vivien Trommer

Forms of Freedom 

Rojava Film Commune

1. Dezember 2018 – 2. Februar 2019 

Den blauen Himmel durchkreuzt ein Flugzeug. Dann ein Knall. Sirenen heulen. Plötzlich sitzt die Kamera in einem Rettungswagen und fährt auf ein Krankenhaus zu. Dann geht alles unglaublich schnell. Die Opfer werden auf Transportliegen durch den Eingang geschoben. Blut tropft auf dem Boden. Wieder ein Schnitt. Nun, mitten im Operationssaal, wuseln überall Hände und Körper, die Kamera wackelt nervös. Dann zeigt sie die Bilder, von denen man hoffte, dass sie sich nicht bewahrheiten würden. Es sind die blutverschmierten Gesichter von bewusstlosen Kindern. 

Shadow of the Kurdish Mountain (2018) porträtiert den Kampf um Afrin. Er ist der neuste Film der Rojava Film Commune. Mit dokumentarischen Bildern und semi-fiktionaler Storyline fängt der Kurzfilm den Widerstand gegen die anhaltende Besatzung türkischer Streitkräfte ein. Seit Januar 2018 befindet man sich in Afrin im Krieg. Afrin liegt im nord-östlichen Syrien, unweit der Stadt Aleppo, in der Autonomieregion Rojava. Dort leben Kurden, Araber, Assyrer-Aramäer und Turkmenen eigentlich in einer multi-ethischen, multi-lingualen und multi-religiösen Gemeinschaft zusammen. Sie sind eine Demokratie ohne eigenen Staat, sie gehören zu Syrien. Ihr Zusammenleben bestimmt allerdings eine 2016 gegründete Föderation mit basisdemokratischen Strukturen. Im September 2017 fanden die ersten Kommunalwahlen statt. Jeweils ein Mann und eine Frau stehen in einer Koalition den 3.732 Kommunen vor. Ein Gesellschaftsvertrag reguliert die Einhaltung der Menschenrechte, die Gleichberechtigung der Frauen, ökologische Maßstäbe, setzt sich aber auch für Religionsfreiheit und gegen die Todesstrafe ein. „Die Quelle der Macht ist die Bevölkerung, der Bevölkerung gehört die Macht,“ heißt es in Artikel 2. Seit mehr als einem Jahr nun wird Afrin angegriffen von türkischen Streitkräften.

Wirtschaftlich orientiert sich die Autonomieregion an Abdullah Öcalans Demokratischem Konföderalismus. Öcalan war und ist eine zentrale Schlüsselfigur der Arbeiterpartei Kurdistans, kurz PKK, die von der Türkei und anderen EU-Staaten als Terrororganisation eingestuft wird. Seit 1999 wird Öcalan auf der Gefängnisinsel İmralı in Isolationshaft gefangen gehalten und ist von dort aus als Schriftsteller und Stratege aktiv. „Demokratischer Konföderalismus“, schreibt er in einem seiner Bücher „ist offen gegenüber anderen politischen Gruppen und Fraktionen. Er ist flexibel, multikulturell, antimonopolistisch und konsensorientiert. Ökologie und Feminismus sind hierbei zentrale Pfeiler. Im Rahmen dieser Art von Selbstverwaltung wird ein alternatives Wirtschaftssystem erforderlich, das die Ressourcen der Gesellschaft vermehrt, anstatt sie auszubeuten, und so den mannigfaltigen Bedürfnissen der Gesellschaft gerecht wird.“1 Wofür und wogegen wird in Afrin da eigentlich gekämpft?

Im State of Concept führen gleich mehrere Filme in das Leben und die Konflikte der nordsyrischen Region ein. Neben Shadow of the Kurdish Mountain (2018) sind Rosin und Masi (beide 2017), Mako is cold, Stories of Destroyed Cities und Kerako (alle 2016) zu sehen. Den Auftakt in das offene Videoforum bilden allerdings nicht die Werke der Rojava Film Commune, sondern zwei Filmklassiker The General (1926) von Buster Keaton und Charlie Chaplins The Kid (1921). iLiana Fokianaki, Gründungsdirektorin von State of Concept, hat sie in die Ausstellung integriert, um die Arbeitsweise der Commune auch innerhalb der Präsentation anschaulich werden zu lassen. Denn das Kollektiv produziert nicht nur Filme, sie bilden auch Filmemacher aus und organisieren öffentliche Kinovorstellungen, zu denen Menschen aus umliegenden Städten zusammenkommen. Die historischen Stummfilme spielen bei den Filmabenden eine besondere Rolle, denn sie überbrücken die Sprachbarriere in der multi-lingualen Region, schreibt Fokianaki im begleitenden Ausstellungsessay, und zwar „by using silent cinema to transmit the message of resistence.“ Die Filme öffnen sich einem breiten Publikum und gegenüber denjenigen Menschen, die einer der lokalen Sprachen nicht mächtig sind. Auf magische Weise passiert dabei etwas Wunderbares: Sie verbinden. „Film here operates as an educational form“, schreibt Fokianaki „but also as a tool to give form to the imagination of a different, emancipated future.“2 Form zu suchen, heißt in Rojava, eine zukünftige Form für Frieden und Freiheit zu suchen.

Aber was bedeutet Freiheit? Was bedeutet sie für uns? Was bedeutet sie in Syrien? Im State of Concept bildet die Filmausstellung den zweiten Teil einer Präsentationserie im „Department of Justice“, einer institutionell verankerten Langzeitstudie, die über Kunst und Film kritische Fragen an den Zustand von Staaten und Nationen stellen möchte. „The notion of the judicial in Forms of Freedom can be read from two angles“, so Fokianaki. „On the one hand, it relates to the political histories of the populations of the region narrated by the Rojava Film Commune, that expose the injustices imposed by the nation-states surrounding them while highlighting their own political alternative in the form of a stateless democracy.“ Kurz: Die Filme machen die Unterdrückung der Nachbarstaaten sichtbar und führen gleichzeitig in die alternative Demokratiestruktur ein. Auf der anderen Seite, so Fokianaki weiter, würde am Beispiel dieser basisdemokratischen, staatenlosen Gesellschaftsstruktur deutlich werden, wie nicht nur die Rechte auf Freiheit befördert würden, sondern auch wie sie „the way an artistic collective formulates and organises itself“3 beeinflussen. 

Diese Ausstellung zeigt mit der Kraft des Films, dass Freiheit und Angreifbarkeit ganz nah beieinander liegen. Aber sie zeigt auch, wie machtvoll uns Bilder berühren können und wie stark sie dabei an die Perspektive ihres Schöpfers geknüpft sind. Wie besetzt, muss man sich fragen, sind eigentlich die Bilder, die uns aus Syrien erreichen, wenn diese hier eine ganz andere Erfahrung vermitteln? Aber nicht nur das, mit dieser Ausstellung gibt State of Concept denjenigen eine schöpferische Stimme, die im Westen zu den Konflikten in Syrien nur selten angehört werden, nämlich den Menschen, die vor Ort im Krieg leben. Damit nutzt State of Concept nicht nur die Macht des Zeigens und Ausstellens, sondern auch das politisch bildende Potenzial, das unabhängigen Institutionen heute zukommt und eigentlich noch viel stärker zukommen sollte. 

Notes

1 Abdullah Öcalan, Demokratischer Konföderalismus, Neuss 2018, S. 20.

2 iLiana Fokianaki, Forms of Freedom: On the work of the Rojava Film Commune, Athen 2018, S. 4. 

3 iLiana Fokianaki, Forms of Freedom: On the work of the Rojava Film Commune, Athen 2018, S. 3.

Diese Review erscheint als Teil der Serie Highlight X/12, für die unsere Autorin Vivien Trommer regelmäßig die Prinzipien des Ausstellens an einer institutionellen oder kommerziellen Ausstellung beleuchtet.

Rojava Film Commune – Lonely Trees, 2017. Installation view. State of Concept, Athens. Photo by Alfredo Pechuan

Rojava Film Commune – Forms of Freedom, 2018. Installation view. State of Concept, Athens. Photo by Alfredo Pechuan

Rojava Film Commune – Students short films, Masi, 2017, Installation view. State of Concept, Athens. Photo by Alfredo Pechuan 14. Rojava Film Commune – Shadow of the Kurdish Mountain, 2018. Installation view. State of Concept, Athens. Photo by Alfredo Pechuan

Rojava Film Commune – Forms of Freedom, 2018. Installation view. State of Concept, Athens. Photo by Alfredo Pechuan

Rojava Film Commune – Stories of Destroyed Cities, 2016. Installation view. State of Concept, Athens. Photo by Alfredo Pechuan

Rojava Film Commune – Forms of Freedom, 2018. Installation view. State of Concept, Athens. Photo by Alfredo Pechuan

Rojava Film Commune – Short films, Installation view. State of Concept, Athens. Photo by Alfredo Pechuan

Rojava Film Commune – Shadow of the Kurdish Mountain, 2018. Installation view. State of Concept, Athens. Photo by Alfredo Pechua

Rojava Film Commune – Shadow of the Kurdish Mountain, 2018. Installation view. State of Concept, Athens. Photo by Alfredo Pechuan

Rojava Film Commune – Stories of Destroyed Cities, 2016. Installation view. State of Concept, Athens. Photo by Alfredo Pechuan

Rojava Film Commune – Forms of Freedom, 2018. Installation view. State of Concept, Athens. Photo by Alfredo Pechuan

Rojava Film Commune – Forms of Freedom, 2018. Installation view. State of Concept, Athens. Photo by Alfredo Pechuan

Rojava Film Commune – Forms of Freedom, 2018. Installation view. State of Concept, Athens. Photo by Alfredo Pechuan

State of Concept
Mpotsari Tousa 19
Athen 117 41