Ich war auf der Art Cologne und all I got was a lousy ZEIT Magazin Bag

Review von Laura Helena Wurth
April 2019

Willkommen im Raumschiff, denke ich, als ich endlich auf der Köln-Messe ankomme. Das Navi hat uns Schleifen fahren lassen, wie wohl nur ein Geschenkeinpacker in der Weihnachtszeit, im KaDeWe sie drehen muss. Es ist Tag 1. Die Preview läuft seit gut zwei Stunden, also eigentlich fast noch Stunde null. Alle sind hellwach, außer die Leute mit Geld, die sind im besten Fall schon ein bisschen angeschickert. Denn überall fahren Perrier Jouet Wagen rum. Das ist diese Champagner Marke, die keiner kennt, weil immer, wenn man sich erinnern könnte, ist man schon wieder zu berauscht davon, Dinge umsonst zu bekommen. Die Strategie scheint auch nicht ganz aufzugehen. Glaube nicht, dass es Menschen gibt, die sich privat schon mal für einen “guten Perrier Jouet” entschieden hätten. Die Bars, die sie einmal mitten auf der Messe und einmal im VIP Bereich aufgestellt haben, wirken allerdings selbst wie deplatzierte Kunstwerke aus einer Post-Internet Blase. Oder wie die Sauf-Installationen von Erwin Wurm. Kommen Sie, trinken Sie, kaufen Sie!

Die Galerieassistenten stehen, emsig auf riesige Iphones und Pads eindreschend, an den Ständen. Gelangweilt wirken, aber aufmerksam sein. Kein Hermès Foulard bleibt hier unbemerkt.

Die meisten sind noch völlig durch von der Art Basel Hongkong, die letzte Woche stattgefunden hat, und sind nicht zum Waschen gekommen. Trotzdem ist kaum Knitter in den perfekten Looks zu beobachten, die mir für eine fast morgendliche Veranstaltung irgendwie unpassend vorkommen. Aber in den Messehallen gilt ein anderer Knigge. Man schafft sich dort einen kontextlosen Raum, in dem man so tun kann, als wäre man, jemand anders. Da kann man auch an einem Donnerstag um 12 Uhr mit 12 Zentimeter Absätzen Champagner saufen. Wie Cos-Play für Bildungsbürger. In diesem Paralleluniversum ist das durchaus adäquat. Dass man immer noch in Köln und in einer Messehalle ist, spielt dabei keine Rolle. Kölle alaaf. Das gilt allerdings nicht für alle. Man munkelt, dass einige Galeriemitarbeiter eine Sperrstunde haben und um 21 Uhr wieder im Hotel sein müssen. Schön, dass es noch Arbeitgeber gibt, die sich um ihre Mitarbeiter kümmern. 

Am Preview Tag verlassen viele Menschen die Messe direkt mit einem Bild unter dem Arm. Gut für die Galeristen, die dadurch Transportkosten sparen. Die Art Handler haben ihnen noch kleine Griffe aus Klebeband auf die schützende Luftpolsterfolie montiert. Wie mit einer Handtasche kann man sein neues Bild, dann fröhlich schlenkernd mitnehmen, nachdem man sich auf der Piazza noch ein Kölsch gegönnt hat. Dabei kann man die Installation “The fallen sky” (2006) von Ilya & Emilia Kabakov betrachten. Die Künstler haben sich eine aberwitzige Geschichte zu dem großen, mit Wolken bemalten Viereck, das zu einem Teil in der Erde steckt, ausgedacht. Angeblich hat ein Hurricane es auf die Piazza der Art Cologne geschleudert. Dabei weiß ja jeder, dass es keinen Hurricane gab und es ist irgendwie auch niemand bereit, sich auf Behauptungen solcher Art einzulassen. Dass dieser Hof Piazza genannt wird, zeigt, fast so gut, wie zerknitterter Rucola, wie es um das Italienverständnis der Deutschen bestellt ist. 

Doch der wohlhabende Rheinländer muss sich Fashion- technisch nicht hinter dem Mailänder verstecken. Menschen mit Geld ziehen sich einfach immer witziger an, als Menschen ohne. Das illustriert auch der immer eklektischer werdende Stil von Hans Ulrich Obrist, der in einem logomanischen Fendi Mantel und dicker Gucci Tasche, auf dem Weg zum ZEIT Magazin Talk, an uns vorbei schwebt. Auch er wird das irritierende Apple Logo des Künstlerkollektivs Claire Fontaine bei Galerie Neu sehen, das man am Eingang passiert. Im ersten Moment denke ich, ich wäre auf der falschen Messe gelandet. Aber alles gut, es ist doch Kunst. 

Während einer Kaffeepause im VIP Bereich, der muckelig in ambient light getaucht ist, zeigen wir uns unsere VIP Ausweise, die wir uns auch gut bei einer Runde “Wer Bin Ich?” vor die Köpfe kleben könnten. Auf keinem steht unser Klarname. Aus den Namen unserer Vorgesetzten ergibt sich eine hanebüchene Mischung aus Menschen, die so wohl nie zusammen Kaffee trinken würden. Es ist auf bezeichnende Art symptomatisch für die Kunstwelt, dass man immer erst dann glücklich ist, wenn man etwas bekommen hat, das einem eigentlich nicht zusteht. Erst, wenn man sich ein bisschen anstrengen musste, macht es wirklich Spaß. Es ist, als ob das Stempelfälschen, als man noch nicht volljährig war, nie aufgehört hätte. Die banalste Art Begehrlichkeiten zu wecken zieht hier am besten. Willkommen im Turbokapitalismus, in dem einem noch nicht mal die Pre- Preview exklusiv genug ist und die Galeristen auch ihre kleinen Stand-Kabuffs noch mit Kunst vollhängen, um ein weiteres Distinktionsmerkmal einzuführen. Es ist ein spannendes Experiment zu sehen, wie viele Menschen sich in so einem winzigen Raum herumquetschen können. Mein Vorschlag, ein Bootcamp als Vorbereitung für die Venedig Biennale als Webinar anzubieten, stößt auf helle Begeisterung. Dort würde man dann lernen, wie man sich am besten auf Partys einschleicht, die besten Goodie Bags abgreift und es auf ein Boot schaffen kann. Egal auf welches. Hauptsache man hat in Venedig einen Aperol Spritz auf einem Boot getrunken. Fake it till you make it und so. Ich merke, wie ich sehr müde werde. 

Als ich  meinen Kopf drehe, um einer Frau mit federbesetzer Hose nachzuglotzen, streift mein Blick einen alten Herrn, der sich, im Maßanzug mit pinken Socken und einer Zeitung zurückgelehnt hat und ein Nickerchen hält. Ich würde mich gern zu ihm kuscheln und mich eng an sein Tweedsakko schmiegen. Ich stelle mir vor, dass das Jackett angenehm kratzig an meiner Wange entlangschrabbt. Etwas, das sich echt anfühlt in dieser erzwungenen Gemütlichkeitsvorhölle, die sich VIP Bereich schimpft. Die Messehalle ist, wie das Achterdeck eines Kreuzfahrtschiffes. Ständig läuft man im Kreis, und immer, wenn der Champagner an mir vorbei rollt, ist gerade das letzte Glas weg. Die Zeit hier drin vergeht sehr anders, schneller und langsamer zugleich. Ort mit Eigenzeitlichkeit nennt man das. Flughäfen und Bahnhöfe funktionieren auch so. Sie alle sind nur Orte des Transfers. Von einer Hand in die Andere. Das kann auch die Kunst nicht verhehlen. Es ist bemerkenswert, dass sich so viele Leute treffen, um die vermeintlich schönen Künste zu kaufen und zu fördern und das an einem solch trostlosen Ort. Man muss schon sehr konsequent weggucken, wenn man die verwaisten Steckdosen und einsamen Pappbecher übersehen möchte. 

Das ZEIT Magazin hat eine “Konferenz” ihrer neu gegründeten Event Agentur Convent gestartet und wird unter dem Titel “ZEIT Magazin Art Unlock” die Kunst aufschließen. Als ich ankomme, ist jedoch leider gerade Kaffeepause. Rebellisch trinke ich eine fade Mango Limonade. Ich weiß nicht, was ich mir davon versprochen habe. Das Licht ist noch gedämpfter, als in der VIP-Lounge und es läuft Café del Mar. Wenn das nicht mal richtig Ambiente schafft, dann weiß ich auch nicht. Piazza, Rucola, Deutsch sein, denke ich. Die “Konferenz” ist ein zackiges Abhandeln von Gesprächspartnern, die schnell und on point, was über Kunst sagen sollen. Tino Seghal macht das zum Glück sehr sympathisch. Eigentlich bin ich wegen Bénédicte Savoy hier, die einen hinreißenden, weil so angemessenen und wichtigen Vortrag über die Restitutionsdebatte hält. Es ist wie Restitution für Dummys. Aber das holt mich genau da ab, wo ich gerade bin.  Sie ist die Einzige, die hier mit einem wirklich elementaren Auftrag ist. Mit einer Aufgabe betraut, die uns lange noch beschäftigen wird. Als danach die Schauspielerin turned Fotografin Katja Flint über ihr Werk spricht, verlasse ich das lauschige Schunkelstübchen wieder Richtung Messe. Neonlicht und kaltes Business erwarten mich. Aber auch ein paar tolle Arbeiten. Am Stand von Soy Capitán führt Paloma Proudfoot einen kleinen Hund spazieren, als Keramik, an der Wand. Den Stuhl mit der achtlos darüber geworfenen Alte-Dame-Pelzjacke von Nicole Wermers bei der Produzentengalerie hatte ich noch nie in echt gesehen und er ist tatsächlich genau so leicht zu übersehen, wie die Arbeit das vorsieht. Wie zufällig vergessen, steht er da herum. Vielleicht nimmt ihn ja jemand mit.