Im Gespräch mit Melike Kara

KubaParis/Amelie
Skizzierte, ineinander verschlungen Figuren, umrissene Gesichter, lange, dünne, Gliedmaße. Dynamische Gruppenbildnisse mit verzehrten, expressiven Haltungen. Rudimentäre Gefüge. Wenige Farben auf weißem Grund. Deine Arbeiten beim Open Forum 2015 in Berlin haben mich nachhaltig beeindruckt. Woher stammt dein Interesse für die Figur?

Melike Kara
Die Frage, der ich nachgehe ist: Was genau ist ein Ich? Woraus definiert sich ein Ich? Aus Emotionen, Gedanken und Erlebnissen – deren Konditionierungen? Ist der Körper dem Ich untergestellt? Oder funktioniert dieser durch seine eigene Intelligenz und wird womöglich lediglich durch das Ich beeinflusst. Kann das Ich ohne Begrenzung des Körpers existieren? Und wie verhält sich all das in Kontakt mit anderen Ichs? Ändern sich Emotion, Körperwahrnehmung und -haltung durch Kommunikation? Durch Wörter etwa anders als durch Berührung? Inwieweit sind wir alle miteinander verbunden? Gibt es ein unsichtbares Band zwischen Wörtern und Berührungen?

003_Melike_Kara_Open_-Forum-900x668

Melike Kara , On the other doorbell, 2015, Acrylic, graphite and oil stick on canvas 200 x 280 cm, Installation view of Flying Dinner at Open Forum, Berlin, 2015, Courtesy Open Forum

Amelie
Auf der Suche nach dem Ich verzichtest du auf die Darstellung von realen Gesichtern. Augen deutest du nicht selten durch zwei einfache Striche an. Die Köpfe stellst du schemenhaft dar. Dennoch verkörpern deine Protagonisten, denen selten ein Geschlecht zuzuordnen ist, eine starke Mimik, Gestik und Körperhaltung. Ist das etwas, mit dem du bewusst arbeitest oder passiert der Vorgang intuitiv?

Melike
Alle Abgründe eines Ichs, alle existenten Gefühle dürfen sich ausdrücken, in Kontakt mit anderen treten, sich verändern, sich wahrhaftig zeigen. Die Mimik, die Gestik, die Körperhaltung ordnen sich der Emotion, die sich ausdrücken möchten, unter. Es sind meist nicht nur intuitive Entscheidungen, ich habe ein klar komponiertes Szenario vor Augen, dem das Unterbewusste dann folgt.

Amelie
Die Dynamik in einigen deiner Arbeiten ist auffällig. Saltos, stützende Hände, verdrehte Oberkörper, Umarmungen, liegende und stehende Figuren ergeben einen kollektiven Gesamteindruck. Beim Anblick denke ich an Performances oder Choreografien. Entnimmt man dem Gefüge nur eine Figur, droht die Komposition zusammenzubrechen. Andererseits könnte jede Figur für sich alleine bestehen. Wo lässt du dich für diese gesellschaftlichen Konstellationen inspirieren?

Melike
Meine Inspiration lässt sich überall finden: Beim Zusammenkommen der südländischen Großfamilie, hierarchischen Gegebenheiten, Verhältnisse und Strukturen meiner sozialen Umgebung. Es können ironische Zitate meiner Realität sein.

Amelie
Machst du dir Skizzen, wenn du unterwegs bist?

Melike
Nein. Wohl eher Gedankenskizzen.

Amelie
Neben den bewegten Bildnissen existiert eine Reihe von Arbeiten, in denen du eine ruhige Bildsprache verfolgst. Darüber hinaus arbeitest du an Skulpturen, die deiner Bildwelt entsprungen zu sein scheinen. Wie stehen die Plastiken deiner Malerei gegenüber?

Melike
Die Plastiken machen mir in allererster Linie Freude, sie haben etwas von einer spielerischen Lust, die sich doch als ein Seeleneintauchen äußert.
Generell bin ich auf der Suche nach einer Erweiterung der Malerei, die eine Verbindung mit ihrer Umgebung oder Architektur eingeht. Malerei und Skulptur interagieren, befragen sich gegenseitig und erschaffen eine direkte Kommunikation mit dem Raum. Eine erweiterte Betrachtung und ein Perspektivwechsel scheinen mir interessant.

5b

Melike Kara, Lunch, 2015, installation view, Courtesy Salon Kennedy, Frankfurt

4a

Melike Kara, Lunch, 2015, installation view, Courtesy Salon Kennedy, Frankfurt

Amelie
Als ich deine an Metallschnüren hängenden und auf Podesten platzierten Skulpturen in der Ausstellung Lunch letztes Jahr im Salon Kennedy das erste Mal gesehen habe, musste ich tatsächlich schmunzeln. Du hast mich an deinem spielerischen Ansatz teilhaben lassen. Die Interaktion mit dem Raum ist mir ebenfalls aufgefallen. Das passt zu dem, was du gerade beschrieben hast. Was ich auch beobachtet habe, ist, dass sich immer wieder Zungen aus den Mündern deiner Gestalten schlängeln. Ausgestreckt oder ausgedehnt, mal spielerisch, mal aggressiv, mal aufdringlich bahnt sich der von Schleimhaut überzogene Muskel seinen Weg durch das Bild und ist zum festen Bestandteil deiner Arbeiten geworden. Die Zunge scheint eine Art Bindeglied zwischen einzelnen Protagonisten darzustellen und schafft einen Rahmen bzw. Stabilität. Oder geht es hier um etwas wie nonverbale Kommunikation?

Melike
Die Zunge ist meist ein Bindeglied, stellvertretend für Gesagtes oder Gedachtes. Sie nimmt eine primäre Rolle bei alltäglichen Dingen, wie der Nahrungsaufnahme, ein und ist Indikator einer Form von persönlichem Geschmack. Sie kann Ekel zeigen sowie etliche positive oder negative Gesten einer nonverbalen, infantilen Kommunikation. Aktive und passive Sprachbildung eines Menschen sowie ihre Gesten interessieren mich. Auf der Leinwand kann sie anziehen und abstoßen, aggressiv oder lieblich sein. Kompositorisch dient sie sicherlich als Stütze, ja ‒ jedoch erscheint es mir dann als eine kleine Facette im Gesamtkontext.

Amelie
Ähnlich verhält es sich mit den Motiven aus der Flora und Fauna, die immer wieder in deinen Bildern auftauchen. Palmen, Kakteen und Farne wuchern aus und zwischen den Figuren heraus. Warum stellst du den Körpern Elemente aus der Natur gegenüber?

Melike
Die Motive aus der Flora und Fauna, die oft zwischen den Figuren wuchern, verkörpern für mich einen Ort der Zeitlosigkeit, der Ursprünglichkeit. Sie können genauso Wohnzimmer, wie uralte Wildnis sein. Sie stehen als neutrale Betrachter für das Außen, die Welt.

Unbenannt

Melike Kara, Installation view of Flying Dinner at Open Forum, Berlin, 2015, Courtesy Open Forum

Unbenannt

Melike Kara, The smell of possibilities, (of the buzzing dialogues), you do not hear what they see., Take a breath of the fumes, that result from your silence., 2015, Painting – Acrylic and oil sticks on canvas, 200 x 280 cm, Installation view, The State of Having Left, Leipzig, 2015/16

180x200cm

Melike Kara, reflecting a fragrance of white nails, a festival of elapsing memories, coming home, detail view, 2015, Painting – Acrylic and oil sticks on canvas, 200 x 180 cm, Courtesy Peres Projects

180x200cm

Melike Kara, could have been your pillar, could have been your door, With the encore which is you, 2015, Painting – Acrylic and oil sticks on canvas, 200 x 180 cm, Courtesy Peres Projects

Amelie
In deiner aktuellen Einzelausstellung In Your Presence bei Peres Projects Berlin zeigst du neben großen Leinwänden, Malereien auf Plexiglas im Metallrahmen. Ich habe das Gefühl, dass du in deiner Malweise konkreter beziehungsweise genauer geworden bist. Ich verfolge klare Linien und sehe, dass sich die Kopfformen etwas verändert haben. Figuren stehen lässig herum, verweilen, warten und posieren. Neben den für dich typischen Pflanzen- und Tierelementen halten vermehrt Gegenstände aus dem Alltag Einzug in deine Malerei. Plötzlich avanciert die Figur zur Nebenrolle, wie in state of wakeful sleep (Stillleben), 2016. Neu für mich war auch, dass du in Bildern, wie in the play of „I“ (Stillleben), 2016 mit einer Hintergrundfarbe arbeitest. Sind die neuen Arbeiten für die Ausstellung entstanden? Konntest du aufgrund der beachtlichen Größe des Ausstellungsortes deiner Entwicklung Raum für Neues geben?

Melike
Ja genau, die Arbeiten sind für die Ausstellung entstanden. Mich hat das Interesse verfolgt, gewisse Themenkomplexe aufzubrechen. Bei den Stillleben entsteht ein rudimentärer Augenblick in Hinsicht auf den Gesamtkontext der Show, ein Kontrapunkt. Dieser Moment ist für mich super wichtig im Zusammenspiel mit der Ausstellung. Erst langsam beginnt man zu begreifen, dass viel Verbundenheit in den abgebildeten Objekten steckt und alles fließt wieder zusammen. Die Ausstellung versteht sich als ein Übergriff in den Raum sowie als eine Symbiose mit ihm. Man beginnt Räumlichkeit als Storyboard zu begreifen ¬¬– es verdeutlicht mein Worldbuilding. Die Rückspiegelung der Sujets in den Raum und das Eingehen auf seine architektonischen Elemente ist für mich eine konsequente Weiterführung meiner ortsbezogenen Arbeiten in starker Interaktion mit den neuen Räumlichkeiten. Beispielhaft können Fensterscheiben zu Bildträgern werden, zu Stillleben und wieder zurück.

Amelie
Ich danke dir für unser Gespräch und freue mich darauf, dich während der Art Cologne in Köln zu besuchen …

Melike Karas Ausstellung In Your Presence bei Peres Projects Berlin läuft noch bis zum 11. März 2016.

 

ersetzen1

Melike Kara, In Your Presence, installtion view, February 13 – March 11, 2016, Peres Projects Berlin, Courtesy Peres Projects

 

ersetzen3

Melike Kara, In Your Presence, installtion view, February 13 – March 11, 2016, Peres Projects Berlin, Courtesy Peres Projects

 

ersetzen4

Melike Kara, In Your Presence, installtion view, February 13 – March 11, 2016, Peres Projects Berlin, Courtesy Peres Projects

 

MK13373

Melike Kara, state of wakeful sleep (Stillleben), 2016, Painting – Acrylic and oil sticks on canvas, 200 x 180 cm, Courtesy Peres Projects

 

MK13376

Melike Kara, the play of „I“ (Stillleben), 2016, Painting – Acrylic and oil sticks on canvas, 200 x 180 cm, Courtesy Peres Projects

 

MK13367

Melike Kara, I come to call you home, 2016, Painting – Acrylic and oil sticks on canvas, 200 x 280 cm, Courtesy Peres Projects

 

MK13375

Melike Kara, impressively slow (you need the mirror), 2016, Painting – Acrylic and oil sticks on canvas, 200 x 180 cm, Courtesy Peres Projects

 

MK13374

Melike Kara, part the horses mane, 2016, Painting – Acrylic and oil sticks on canvas, 200 x 180 cm, Courtesy Peres Projects

 

Peres Projects
Melike Kara
In Your Presence
13.02-11.03.2016
Karl-Marx-Allee 82
10243 Berlin

Thanks to Peres Projects, Open Forum Berlin, Salon Kennedy, Frankfurt am Main, DREI, Köln