Julius Pristauz über Philipp Timischl’s Artworks for All Age Groups @ Secession, Wien

Die multimediale Ausstellung Artworks for All Age Groups von Philipp Timischl in der Wiener Secession zeigt eine Installation bestehend aus Fotografien, Videos und räumlicher Erweiterungen. Sie dient als Ort der Begegnung zwischen dem Publikum, dem Künstler und den gezeigten Arbeiten. Eine Begegnung, in der auf ein Gespräch über Erwartungshaltungen, Normen und Grenzgänge eingeladen wird.  

Eine Reihe von gerahmten Fotos, inklusive pastellfarbiger Passepartouts, hängt an der Wand. 

Komplementiert werden sie durch weitere Bilder aus derselben Serie, welche an großformatigen Leinwänden von Garderobenhaken hängen. Montiert an zarten Gold- und Silberkettchen, schweben sie ein bis zwei Zentimeter vor ihrem Hintergrund. Sie alle zeigen das Abbild einer Dame (Timischl selbst in Drag) gekleidet in Weiß, Braun, Beige und Gold – eine Anlehnung an die Farbgebung des Institutionsgebäudes und an Klimts Beethovenfries, welches sich im Nebenraum, auf derselben Ebene der Ausstellung, befindet. Der Kleidungsstil der Dame ist schwer zu beschreiben. Jegliche Kategorisierung bleibt, vor allem in der Mode, stets subjektiv. Trotzdem würden manche ihr Auftreten wohl als billig oder „trashig“ bezeichnen, andere würden der Frau wohl einfach einen schlechten Geschmack nachsagen. Eine Thematik, die sich übrigens in der ganzen Ausstellung wiederfinden lässt: die Frage nach gutem Geschmack und wer diesen definiert. Mit leerem Blick, gleichgültig aber kontrolliert, posiert die Dame. An verschiedenen Orten in der Secession wurde sie abgelichtet – mal mit junger, muskulöser Begleitung an ihrer Seite, mal alleine. Die Bilder wirken auf den ersten Blick unbeholfen und unangenehm gestellt.

Ergänzt werden die Szenen an der Wand von zwei Videoarbeiten, welche auf skulptural erweiterten Bildschirmen einen Countdown von fünf Minuten abzählen. Hat das Warten ein Ende, blitzt nun ein weiteres, stetiges, Bild, aus demselben Shooting auf. Untermauert mit einem Sound, welcher an einen Jingle aus Casting-Shows, Tele-Shopping oder anderen TV Formate erinnert, wandert der gezeigte Bildausschnitt kreuz und quer über die Darstellung. Nach nur wenigen Sekunden ist das Spektakel vorbei und der Countdown beginnt von vorne. Timischl formuliert hier über Bild und Sound einen gelungenen Kommentar über eine Gesellschaft und Zeiten der ultimativen Sensationssucht. Spätestens hier wird klar, dass die Ausstellung deutlich konzeptueller konstruiert ist als auf den ersten Blick durch die Fotoarbeiten suggeriert wird. 

Einerseits schlicht und monochrom, lockern vergoldete Tierköpfe und Garderobenhaken jene überwiegende Schlichtheit des Displays auf – Kitsch, wie man ihn aus den Wohnungen österreichischer Arbeiterklasse-Familien kennt.
Es sind kleine, überpointierte Gesten wie diese, mit denen sich nicht nur die kreierte Kunstfigur, sondern auch die Installation selbst in eine Richtung bewegt, die von Übertreibung und Camp gezeichnet ist. Die gezeigten Arbeiten strotzen vor Extraversion und schaffen Distanz.
Die Werke sind einerseits laut, schreien aber nicht. Man bewegt sich in einem Raum, welcher zwischen Dekadenz und Minimalismus, zwischen zwei Extremen, Ruhe findet.

Im Ausdruck mit verschiedensten Medien geübt, zeigt der Künstler auch eine Serie an simplen aber wirkungsstarken Skulpturen. Wie überdimensionale Podeste liegen weiße, blockförmige Objekte im Raum, die als Verbauung und Trennlinie zwischen Besucher und den restlichen Arbeiten fungieren. Sie kreieren eine Art räumliche Vorschrift, welche Besucher*innen eine performative Erfahrung aufzwingt und somit den Inhalt der Ausstellung weiter unterstreicht. Wie auch bei seinen Bildschirm-Skulpturen, die bereits seit Jahren eine Art Fixposition in seiner Praxis genießen, führt Timischl hier die Rahmung durch vorhandene Architektur weiter in eine neue Form. Mit der Vorgabe, einem Bild aufdringlich nahekommen zu müssen um es zu betrachten oder den Zugang gar komplett zu versperren, wird über Möglichkeit, Freiheit und ihrer Beraubung gesprochen. Es bildet sich ein omnipräsentes Verhältnis von Verstecken und Präsentieren. 

Der Titel der Ausstellung und das an der ersten Wand des Ausstellungsraums angebrachte Glitzer-Ornament laden die Besucher*innen ein: die Institution zeigt sich als offen für alle, jeder und jede ist willkommen. Timischl provoziert auch: Gekonnt kommentiert er eine Schere zwischen verschiedenen Generationen. Er bespielt ein klar erkennbares Spannungsfeld von immer größerer Bedeutung. Wie kann man in Zeiten der kontinuierlichen Digitalisierung und Hyper-Akzeleration Informationen nachhaltig und vor allem generationenübergreifend kommunizieren?  Solch einen Titel für so eine Art von institutionellem Inhalt und dezenter Kritik an der Institution selbst zu wählen, zeugt von (Selbst-)Bewusstsein. 

Es tun sich Fragen über die Gültigkeit von dem, was eine definierte Masse in einem liberalen Kontext für angemessen hält, auf. Auch wenn diese, eine unabhängige Masse, und nicht repräsentativ für den Durchschnitt der Bevölkerung, sein mag. 

Es geht um Klassenkampf, Heteronormativität und die geballte Last, die eine Kombination dieser beiden Umstände auf Subjekte abgibt. 

Drag als performatives Medium für die Behandlung dieser Sujets heranzuziehen ist in vielerlei Hinsicht sinnvoll. Mit großer Tradition wird es in dem queeren Umfeld um Drag Queens und Kings gepflegt, jegliche gesellschaftlichen Normen aufzubrechen und zu unterwandern – und das auf keinen Fall ausschließlich auf den Binarismus von Gender bezogen. In wenig anderen Communities hat man es wohl mit solch einer bunten Schnittmenge an Randgruppen zu tun, die aus verschiedensten Verhältnissen und oftmals aus einkommens- und sozial schwachen Hintergründen stammen. Der Begriff queer wird hier einmal mehr zur politischen Instanz. Er dient für einen Moment der Ermächtigung und deren Manifestation. 

Spätestens mit Paris is Burning (1990), dem Kultfilm über die LGBTQ+ und Ballroom Szene im New York der 80er Jahre, wurde ein solches Momentum von Befreiung durch performativen Selbstausdruck, festgehalten und in die (Kunst-)Geschichte eingeschrieben. Paris is Burning legt seinen Fokus zwar stärker auf die Trans-Community, diese interferiert aber damals wie heute unweigerlich mit Drag, seiner Kultur und Geschichte. Der Dokumentarfilm, mitsamt der Realitäten der Protagonisten, ist mit der hier gezeigten Praxis natürlich in keiner Weise in den direkten Vergleich gestellt zu sehen – trotzdem kann er zur Veranschaulichung des befreienden Potentials von Drag und Gender-Performance dienen. Der Film und auch die Ausstellung zeigen eine furchtvolle Flucht in eine Welt irgendwo zwischen Realität und Fantasie. Während Drag langsam in den inneren Kreisen der westlichen Popkultur angekommen ist, werden in Artworks for All Age Groups nicht nur soziopsychologische Grenzen ausgelotet. Auch die des privaten, öffentlichen und institutionellen Raums werden näher untersucht. Wozu haben wir tatsächlich Zugang und wo wird dieser durch eine scheinbare Zugänglichkeit ersetzt? Welche Themen stoßen sich wiederum an dieser? 

Philipp Timischl’s Ausstellung bietet, wie im Titel suggeriert, Reibungsflächen für junges und älteres Publikum gleichermaßen. Mit intelligenten und humorvollen Gesten werden ernste Themen besprochen. Ohne der Arbeit ihre nötige Distanz zu nehmen und in popkulturellen Kitsch abzurutschen, ist es dem Künstler gelungen, eigenständige und eklektische Dialoge in seiner transmedialen Installation zu etablieren.
Es bleibt zu hoffen, diese Darbietung als Vorboten für noch mehr junge, queere Kunst in Wien und seinem renommierten Institutionskontext werten zu können. 

Philipp Timischl ist 1989 in Graz geboren, lebt und arbeitet in Wien.
Er hat auf der Akadamie der bildenden Künste Wien und der Städelschule in Frankfurt studiert und wird von der Galerie Emanuel Layr vertreten.

www.secession.at