KubaParis, Interview, Editorial
Kunst, Kirche, Kollektivität: Die Kunsthalle Osnabrück im Aufbruch

Seit Januar 2020 leiten Anna Jehle und Juliane Schickedanz gemeinsam die Kunsthalle Osnabrück. In unserem Gespräch berichten sie von den Herausforderungen, sich Enttäuschungen zu stellen, gesellschaftspolitische Ausstellungen zu entwickeln und die eigene Arbeit konstant kritisch zu hinterfragen.


Juliane Schickedanz & Anna Jehle. Foto: Dana Lorenz

Rosalie Schweiker, Therapiehühner, Hühner, Hühnerhaus, Erde, Sand, Stroh, Futter, Eier, 2020, Installationsansicht Kunsthalle Osnabrück, 2020. Foto: Lucie Marsmann

 

YS: Welche Bedeutung hat eure aktuelle und zugleich erste Ausstellung in der Kunsthalle Osnabrück “Enttäuschung” für euch?

JS: Es ist natürlich ein kleines Augenzwinkern dabei, dass wir uns mit der Enttäuschung als Thema zu unserem Auftakt beschäftigen. Das Konzept haben wir schon vor einem Jahr entwickelt, also vor Corona. Aufgrund der politischen Aktualität gab es zwar eine Anpassung, aber primär geht es um die Frage, wie ein so starkes Gefühl wie Enttäuschung, Grundlage einer künstlerisch- kuratorischen Auseinandersetzung sein kann. Dabei interessiert uns die Wechselbeziehung in dem Wort selbst, denn die ursprüngliche Bedeutung des Wortes beschreibt, dass man sich einer Täuschung bewusst wird und eine neue Perspektive einnehmen kann. Es besteht somit die Chance, das in Frage zu stellen, was man für wahr, richtig und fortschrittlich gehalten hat. Das “Armageddon der Gefühle” wird plötzlich Ausgangspunkt unserer Arbeit, das heißt, zu hinterfragen, was sind diese Täuschungen, die wir uns selbst auferlegen oder denen wir im Alltag auflaufen.

AJ: Gleichzeitig gibt es eine gesellschaftspolitische Dringlichkeit des Themas aufgrund aktueller Tendenzen wie beispielsweise des Erstarkens des Rechtspopulismus oder feministischer Backlash-Fragen. Darüber hinaus geht es auch um die Problematik zwischen Individuum und Gesellschaft. Wenn man sagt, man ist enttäuscht von sich selbst, ist man dann wirklich enttäuscht von sich selbst oder ist man eigentlich immer enttäuscht im Spiegel der Gesellschaft, weil ich eine Erwartung nicht erfüllen kann oder wo Regeln eines Systems sich für mich nicht bewahrheitet haben. Auf diese Weise wird Enttäuschung als eine kollektive Erfahrung wahrgenommen, und dies fungiert als Ausgangspunkt für die Beschäftigung der einzelnen Künstler*innen in den Ausstellungen. 

 

Rosalie Schweiker, Therapiehühner, Hühner, Hühnerhaus, Erde, Sand, Stroh, Futter, Eier, 2020, Installationsansicht Kunsthalle Osnabrück, 2020. Foto: Lucie Marsmann

 

Rosalie Schweiker, Installationsansicht Kunsthalle Osnabrück, 2020. Foto: Lucie Marsmann

 

YS: Wie gestaltet ihr generell ein Ausstellungsjahr?

AJ: Die Kunsthalle bringt viele architektonische Qualitäten mit sich. Es gibt einerseits den ehemaligen Kreuzgang mit dem Innenhof, andererseits den in den 1970er Jahren hinzugefügten Anbau sowie die Kirche. Wir finden es spannend, diese jeweiligen architektonischen Momente als solche zu stärken, und dort mit einzelnen Projekten zu arbeiten. Das bedeutet, dass wir eher in Kooperationen und Einzelprojekten als in spezifischen Gruppenausstellungen planen. Wir versuchen nicht, eine thematische Ausstellung über alle Räume zu verteilen, sondern ein Jahresthema zu entwickeln und dieses spiegelt sich in einzelnen Setzungen von künstlerischen Arbeiten bis Grafikdesign über Textbeiträgen wider.

JS:. Es geht uns auch darum, ein Thema wie Enttäuschung fortzuführen. Uns interessiert, solche Diskurse nachhaltiger zu gestalten, sie wachsen zu lassen und bestimmte Teile wieder in die nächsten Jahre mitzunehmen, um sie aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Insgesamt ist es sehr wichtig in unserer kuratorischen Arbeit neben der intensiven Auseinandersetzung mit den Künstler*innen auch einen starken gesellschaftspolitischen Anspruch zu haben und zu fragen, was passiert eigentlich gerade, welche Perspektive kann die Kunst dazu einnehmen und wo ist sie Teil des Problems. Künstlerische Produktion ist Teil unserer Gesellschaft und damit nicht Problemlöserin, sondern Akteurin innerhalb gesamtgesellschaftlicher Verhandlungen.  

AJ: Generell arbeiten wir sehr interdisziplinär und entwickeln nicht nur Ausstellungen, sondern versuchen auch über unterschiedliche Medien Themen zu verhandeln. Beispielsweise veröffentlichen wir zu jedem Jahresthema einen Reader mit Autor*innen aus unterschiedlichen Diskursen. Dieser wird stets eine andere themenspezifische Form erhalten. Dabei liegt die künstlerische Gestaltung bei Anja Kaiser und Franziska Leiste, die auch zusammen mit dem Hamburger Studio Liebermann Kiepe Reddermann unsere neue Website konzipiert haben.

 

David Polzin, Installationsansicht Kunsthalle Osnabrück, 2020. Foto: Lucie Marsmann

 

David Polzin, Lou-Erna Kaltemorgen: Vitra Würstchen, 1976, Holz, Kunstleder, 2020, Installationsansicht Kunsthalle Osnabrück, 2020. Foto: Lucie Marsmann

 

YS: Dass David Polzin der einzige Mann in diesem Jahr ist, war das Zufall oder eine bewusste Entscheidung?

AJ: Wir haben eine feministische Praxis und daher sind wir daran interessiert, mehr FLINT-Personen eine Plattform zu geben. Außerdem wissen wir um unsere Verantwortung, wer wie sichtbar wird und versuchen daher generell ein diverseres Programm zu entwickeln, was sich auch in der künftigen Auswahl künstlerischer Positionen zeigen wird. 

JS: Vorrangig realisieren wir Neuproduktionen mit den Künstler*innen, denn wir interessieren uns für Positionen, die raumbezogen, teilweise sogar raumtransformatorisch arbeiten. So wird der Raum prinzipiell immer mit thematisiert und damit verbundene Fragen wie Raum als Kontext öffentlicher und politischer Prozesse sowie das Museum als Wahrheitsstifter kritisch aufgeworfen. 

AJ: Generell möchten wir unsere eigene Vorgehensweise hinterfragen: Wie arbeiten wir als Kunsthalle? Was ist unsere Verantwortung? Was sind strukturelle Ungleichheiten und Probleme, die wir reproduzieren? Über die Zusammenarbeit mit den Künstler*innen und über eine stetige Eigenbefragung möchten wir uns mit der Struktur und dem Inhalt beschäftigen. Das heißt, wir entwickeln gemeinsam eine Ausstellung, gleichzeitig schlägt sich der Austausch mit den Künstler*innen in anderen Arbeitsbereichen nieder wie in der Vermittlung oder strukturellen Interventionen. 

 

Team Kunsthalle Osnabrück. Foto: Friso Gentsch

 

YS: Auf eurer Website sind alle Mitarbeiter*innen in alphabetischer Reihenfolge und nicht nach Funktionen gelistet.  

JS: Es ist ein politischer Ansatz, die Spitze von oben brechen zu wollen. Dennoch ist uns bewusst, dass wir kein basisdemokratisches Haus sind. Strukturelle Veränderungen brauchen Zeit. Wir haben Mitarbeiter*innen, die sehr lange in ihren Positionen sind und schätzen, dass wir als Direktorinnen die Verantwortung übernehmen. Dabei ist es unser Anliegen, auch ihnen gegenüber viel transparenter zu sein. Jeder kann sich mit der eigenen Expertise einbringen, weil wir aus Erfahrung wissen, dass es sehr bereichernd ist, wenn wir von anderen lernen können. 

AJ: Des Weiteren versuchen wir in anderen Momenten das Team und dessen Zuständigkeiten transparent zu machen. Wir führen dieses Haus nicht alleine, auch wenn wir die Ausstellungen kuratieren. Es sind immer 14 festangestellte und fast mehr als 10 freie Mitarbeiter*innen daran beteiligt und genau solche Dinge muss man kommunizieren. Denn es herrscht noch immer die Idee des “Genius-Kurators” vor, der alles wie von Geisterhand realisiert. 

 

Rosalie Schweiker, Installationsansicht Kunsthalle Osnabrück, 2020. Foto: Lucie Marsmann

 

YS: Das passt gut zu den beiden Schlagwörtern Partizipation und Kollektivität, die eine große Relevanz für eure Arbeit haben. 

AJ:  Wir versuchen Formate zu entwickeln, die unterschiedliche Momente der Zugänglichkeit erproben, so zum Beispiel bei Jovana Reisinger. Ihre Ausstellung ist zum einen eine Retrospektive ihrer Filme, zum anderen ein Ort der Filmproduktion. An bestimmten Terminen kann das Publikum anwesend sein und teilhaben. Das hat in meinen Augen etwas mit einem Aushalten von Prozessualität zu tun, also dass Dinge nicht immer von Anfang an vorhanden sind, sondern durch unterschiedliche Beteiligte weiterentwickelt werden, sei es das Publikum oder andere Kulturproduzent*innen oder Akteur*innen aus der Stadt.

JS: Das wird in den nächsten Jahren noch deutlicher werden: Wir werden stärker kollaborativ arbeiten, externe Kurator*innen und Kollektive einladen, die die Räumlichkeiten gestalten. Den Grundstein der konzeptuellen Auseinandersetzung legen wir mit dem Team, aber dann wird dieser über die Konzept- und Programmfindung von unseren Partner*innen bis hin zum Publikum geformt.

 

Jovana Reisinger, Installationsansicht Kunsthalle Osnabrück, 2020. Foto: Lucie Marsmann

 

Jovana Reisinger, Beauty is life, Video, 23:00 Minuten, 2020, Installationsansicht Kunsthalle Osnabrück, 2020. Foto: Lucie Marsmann

 

YS: Welche Herausforderungen seht ihr generell für euch sowie an die Kunsthalle Osnabrück? 

JS: In Osnabrück gibt es aktuell ein größeres Potential für uns, Dinge zu erproben als in Berlin. Hier stellen sich andere Fragen und Konflikte im Kontext von zeitgenössischer Kunst und Publikumsteilhabe als in Städten, wo es ein anderes Selbstverständnis des Publikums und einer Kunstszene gibt. 

AJ: An einem städtischen Haus mit Verwaltungsaufgaben stellen sich für uns andere Herausforderungen als an einem kollektiv geführten Kunstverein wie dem KV Leipzig, für den wir uns engagiert haben. Er wird stark mit der dortigen Kunsthochschule assoziiert, auch in Form seines Publikums. 

 

Jovana Reisinger, Installationsansicht Kunsthalle Osnabrück, 2020. Foto: Lucie Marsmann

 

YS: Eine andere Herausforderung sehe ich in der Kirche als Ausstellungsort: Künstler*innen müssen sich fragen, wie gehe ich mit diesem Raum um? Gehe ich auf die Geschichte ein oder blende ich diese aus? 

AJ: Was macht man, wenn sich solch eine Architektur nicht einfach weggucken lässt, wie schafft man also dann diesen Perspektivwechsel, sodass die Kunst nicht nur ein Kommentar auf die Architektur wird oder andersherum, von dieser gänzlich geschluckt wird.

JS: Oder man sieht es als eine motivierende Herausforderung: Wie kann man 22 Meter hohe Räume weggucken? Wie schafft man es, dass die angelernte Demut vor Kirchenräume sich nicht wie ein Schatten auf alles legt? Wie kann man die Architektur der Macht unterwandern und für die Kunst nutzen?

 

https://kunsthalle.osnabrueck.de/de

Ausstellungen:

Crisis Communication
Rosalie Schweiker 
30.08.20 – 14.02.21

Men in Trouble
Joavana Reisinger
30.08.20 – 14.02.21

Ossi Osnabrück
David Polzin
30.08. – 1.11.20

Kommende Ausstellung:

Upaya
Mickey Yang
8.11. – 13.12.20