Review
Anne-Lise Coste

LA LA CUNT


Anne-Lise Coste: Poème, Pute, Police, 2020
Anne - Lise Coste: Poésie, 2020
left_Anne-Lise Coste: Poème, Pute, Police, 2020 right_Anne-Lise Coste: la beau coucher, 2019 on the ground_Anne-Lise Coste: Poème de la Douleur, 2020
Anne-Lise Coste: PUTE, pute, pute, 2020
Anne-Lise Coste: PUTE, 2019
Anne-Lise Coste: and RAGE, 2020
Anne-Lise Coste: nothing compares to you, 2019

Ich verbringe meine Quarantäne in LA LA CUNT. Die Wörter und Bilder innerhalb des Ausstellungsraumes wechseln ihre Bedeutung je länger die Rezeptionszeit andauert. Am 21. Februar 2020 eröffnet die Ausstellung LA LA CUNT von Anne-Lise Coste im Dortmunder Kunstverein, kuratiert von Oriane Durand. Beinahe einen Monat zuvor hat das Coronavirus bereits Deutschland erreicht. Ein Mann aus dem Landkreis Starnberg in Bayern ist infiziert. Die Chronik einer Pandemie und mein Ausstellungsbesuch beginnen. Die Grundrisse unserer Wohnungen und Häuser gewinnen während der Zeit der sozialen Distanzierung und der Quarantäne an Bedeutung. Die berüchtigte U-Form des Dortmunder Kunstvereins zwingt mich, die Arbeiten sequentiell zu betrachten. Die beiden Seitenflügel spiegeln sich architektonisch. Die Querseite verbindet die Trakte räumlich. Der Grundriss erlaubt durch seine spartanischen Innenwände einen offenen Spaziergang hin und zurück, jedoch keinen Rundgang. Die verglasten Außenseiten des U-s gewähren den größtmöglichen Kontakt zum Außenraum und vice versa. Der Eingang befindet sich im linken Flügel. Knapp einem Monat nach dem LA LA CUNT eröffnet ist, schließt die Ausstellung unerwartet für acht Wochen.

Direkt neben der Glastür steht die erste Arbeit: Poème, Pute, Police (2020). Das Licht der umgebenden Fensterfront verfängt sich im Milchglas des sechsteiligen Fensters der Arbeit. Der Blick aus dem Fenster als die minimalste tägliche Interaktion mit der Außenwelt hat während der Quarantäne das Leben vieler Menschen weltweit gerettet. Der einzige Ausblick in der Isolation auf das Außen, das weder imaginiert oder digital vermittelt ist, bringt mich zum neuralgischen Punkt: Kunst und ihr Verhältnis zur Wirklichkeit. Bereits René Magritte hat in seinen Arbeiten damit Schabernack getrieben – darunter zahlreiche gemalte Fenster. Das Kunstwerk Poème, Pute, Police zeigt eine Perspektive auf die Realität, genauso wie ein Blick aus dem Fenster. Unsere Sicht auf die Welt gleicht dem Blick durch ein Guckloch, niemals sehen wir das komplette Bild. Das Kontaktverbot hinterlässt seine Spuren. Die Kunst umhüllt mich und an manchen Tagen schaue ich die Arbeiten an, als ob ich sie zum ersten Mal sähe bzw. sie mich. Ich meine Marcel Duchamps Fensterskulptur Fresh Widow (1920) in Anne-Lise Costes Arbeit zu erkennen. Die Unterschiede zwischen seinem Fenster, das er bei einem Handwerker in Auftrag gegeben hat, einem Ready-Made und dem Objet trouvé von Coste interessieren mich nicht. Was mich fesselt ist die Krisenhaftigkeit der beiden Arbeiten: Das Milchglas und die Polizei, das bezogene Leder und die Nachkriegszeit. Das Wortspiel Fresh Widow zwischen dem französischen Fenster und der Witwe eines verstorbenen Soldaten hat etwas Obszönes. Eine Frau mit einem Objekt gleichzusetzen, ist eine chauvinistische Sauerei, genauso wie einer Witwe etwas Frevelhaftes anzuhängen. Zurück zu den gesprayten Wörter Poème, Pute, Police auf den einzelnen Scheiben vor mir. Klar ist die Verbindung mit der Malerei PUTE (2020) auf der gespiegelten U-Seite. Doch die Tage verschwimmen zu einer Brühe. Die Kunstwerke um mich herum vermischen sich zu einer unheimlichen Gemengelage. Auf der anderen Seite zeigt die Airbrush-Malerei PUTE einen Ausschnitt von PicassosDemoiselle d’Avignon (1907), die Ikone des größten Chauvinisten der Klassischen Moderne: Warum bezeichnet Picasso die Frauen auf seinem Gemälde als Fräuleins anstatt als Sexarbeiterinnen?

Je länger die Quarantäne andauert, umso mehr sich um mich herum, außerhalb des Ausstellungsraums das Virus ausbreitet, suche ich Ausflüchte. Ich erweitere meinen Bewegungsradius. Um mich abzulenken, betrete ich hinter dem Eingang den einzigen etwas abgetrennten Raum der U-Form. Am Boden liegt ein weiterer Geist der Kunstgeschichte. In Glühbirnenform erscheint vor mir Félix González-Torres. Er hat seine Arbeiten seinem an AIDS verstorbenen Lebenspartner Ross gewidmet. Meine über die Krise hochgezüchtete Melancholie steigt in mir auf: Wer jetzt alleine ist, wird für immer alleine sein! González-Torres thematisiert den Verlust eines geliebten Menschen in einer Pandemie, die – tabuisiert –viel zu lange nicht als solche behandelt wurde. Meine wirre Gedankenwelt sucht nach Parallelen zwischen der Pandemie des 20. und der des 21. Jahrhundert. Mir fällt keine ein, außer, dass wir von der ACT-UP Bewegung lernen können, der es gelungen ist, aus der Perspektive von Minderheiten, die Welt zu verändern. Zur Arbeit Poésie (2020)gehört nicht nur die Glühbirne am Boden, sondern auch eine lose Leinwand, lässig an die Wand getackert: Einem Wesen zwischen Weiblichkeit und Non-Binärität entweicht eine Träne. Eine riesige Lunge durchwächst diesen Körper. Unsere Sauerstoffversorgung ist durch das Virus bedroht. Die Lunge als Baum spiegelt unsere Lebensader. Die Erdatmosphäre ist verschmutzt, die Meere sind zu heiß und der Regenwald wird trotz Covid 19 abgeholzt. Der Mensch stört empfindlich. Ich atme ein, ich atme aus.

Auf Malereien, leeren Leinwänden, Objekten, an der Wand oder am Boden verteilt, überall in der Ausstellung stehen Wörter und formieren sich. Am eindrücklichsten geschieht dies in der Arbeit: Poème de la Douleur (Poem of Pain)(2020). 56 gerahmte Leinwände auf denen jeweils ein Wort gesprayt ist. Sie liegen auf dem Boden und durchziehen den Querraum des U-s. Sie verbinden ebenso die Arbeiten, wie sie den Raum durchtrennen: BAD HEALTH NAZI WORK FIRE RIVER CONROL DRONE MAD WHITE PENIS. Die Wörter erinnern mich daran, dass meine Quarantäne bald vorbei ist. Sie hämmern und klopfen. Ich will nicht wieder raus in die Welt, die aus diesen Wörtern besteht. Marcel Broodthaers Rauminstallation La Salle Blanche (1968) ist ein geistiger Rastplatz, um noch ein wenig in der geschützten Blase der Ausstellung zu verweilen. Das harte Schwarz auf Weiß trifft mich in beiden Arbeiten, die getaggten Druck- und Kapitalbuchstaben von Coste schreien mich an, während mich die sanfte Schreibschrift Broodthaers nostalgisch stimmt. Sie alle bezeichnen Begriffe aus der Kunstszene, wie fenêtre (Fenster), galerie (Galerie), amateur (Amateur), pourcentage (Prozentsatz), collectionneur (Sammler*in) und nuage (Wolke). Broodthaers hat eine Sperrholznachbildung seines Schlafzimmers mit den Kunstbegriffen versehen: Privates und Berufliches hat sich in der Kunstwelt längst vor dem verordeneten Homeoffice vermischt. GUN BOMB PIG VOMIT MASK – die Außenwelt meldet sich unangenehm. AIR SHIT VISA WHO JOB TORTURE CLITO BLACK BODY SILENCE VAGINA BORDER RAT – die Wörter rufen mich auf die Straße. Ich muss raus aus den Räumen, die Ausstellung hat schon längst geschlossen. Mein Text erscheint verspätet mit einem Gruß aus der endlich beendeten Quarantäne.