landscape with sunrise – Notizen zur Ausstellung von Immanuel Birkert

Die Ausstellung landscape with sunrise vermittelt die Begeisterung eines liebevollen Anschauens. Dazu tritt als wichtiges Moment die Neigung […] zur absolutesten, universalsten, also romantischsten Kunst, und die eifrige Liebe zur deutschen Kultur, zur Romantik und zu Caspar David Friedrich, verbunden mit einem ahnungsvollen Hinneigen zur Italienreise und einem fast naiv-koketten Liebäugeln mit der Waldeinsamkeit. Was unleidlich gekünstelt und geschmacklos sein könnte, ist hier noch frisch und zart empfunden und voll vom seelenvollen Duft einer ersten Liebe.[1]

Obige Beschreibung könnte Teil einer Rezension Immanuel Birkerts Ausstellung sein. Der kursiv gesetzte Text ist einer Beschreibung Hermann Hesses entnommen, der sich hierbei auf das literarische Werk der Frühromantik Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders bezieht, das auch für eine Arbeit von Birkert eine Rolle spielt. Den Auftakt der Ausstellung im schlauchförmigen Raum der Schleuse gibt jedoch die Arbeit mit gleichnamigen Titel der Ausstellung landscape with sunrise. Ein-und-Zwanzig kleinformatige Fotografien sind in wilder Ordnung ausgestellt, an die weiter unten an der Wand eine Videoarbeit anschließt. Aufgrund ihres Formats erinnern die Aufnahmen an Amateurfotografie. Die verschiedenen Ausschnitte bestätigen die Annahme; mal scharf, mal unscharf, ist der Mainzer Dom zu erkennen. Ortskundige stellen fest, dass der Sonnenuntergang und nicht wie laut Titel angekündigt der Sonnenaufgang dokumentiert ist. Der Helligkeitsverlauf der immer dunkler werdenden Domsilhouette ist in der Hängung zudem vermischt. Birkert geht es um den Prozess und mithilfe der Zeichnung gestaltet er seine Ausstellungen. Ihm geht es, um das Nachempfinden bestimmter Haltungen aus vergangenen Epochen, nicht um die konkrete Darstellung ihrer Inhalte. Sein Bezugspunkt ist hier Caspar David Friedrich und sein Meisterwerk Greifswald im Mondschein von 1817. In seinem Video, ist es ebenfalls der Prozess einer Veränderung, den Birkert interessiert, daher wählt er das Medium des bewegten Bildes. Die gezeigte Landkartenzunge ist eine gutartige Veränderung, die oft gepaart ist mit der Zungenvariante der Faltenzunge (einer Zunge, die sich durch eine Furche kennzeichnet). Symptom der Landkartenzunge ist eine andauernd sich verändernde Zungenoberfläche. Die Zunge wirkt wie eine Berglandschaft, die stetig wechselnde Krater, Schluchten oder Moränen produziert. Sie vereint vier wichtige Nervenstränge, die für Geschmack, Kälte- und Wärmeempfinden, Beweglichkeit und Sensibilität verantwortlich sind. Sie ist außerdem Element unserer Sprachbildung. Eine Landschaft dagegen prägt die Gesellschaft, die in ihr lebt und beeinflusst so von außen betrachtet die Sprache. Die Nahrungsquellen, die eine Landschaft hervorbringt formt den Geschmack einer Gesellschaft. Durch Temperatur gestaltet sich die Landschaft und sie modifiziert selber ihr Mikroklima. Die menschliche Beweglichkeit wird durch ihre Umwelt bestimmt und in verschiedener Weise dient die Natur Kulturen als Spiegelbild ihrer Gefühlswelten. Die Landschaft als Ort der christlichen Emanation in der Kunst der Romantik, trifft auf die Landschaft – die durch das Bild der Zunge mit dem menschlichen Körper verbunden ist – begriffen als ganzheitliche Veränderung, ein Konzept, das an asiatisch geprägte Spiritualität erinnert.

Weiter an dieser Wandlängsseite folgen acht 12 x 17 cm große Fotografien, streng sich abwechselnd, jeweils als Paare im Hochformat und Querformat nebeneinander gesetzt. Wieder lassen die Fotografien an vom Handy aufgenommene Schnappschüsse denken. Das vom Eingangszitat erwähnte Schriftenwerk Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders diente Birkert als Vorlage für diese Serie. Die Schriften der Frühromantiker Wackenroder und Tieck handeln von einer Italienreise, Alltagsbeobachtungen, Kunst und ihrer Bewunderung Alter Meister. Birkert sieht in seinen Herzensergiessungen Schritte seiner künstlerischen Entwicklung beschrieben. So sind im ersten Fotopaar Begegnungen und Strapazen seiner Italienreise mit dem Fahrrad abgebildet. Diese Reise ordnet er selber als eine Art Performance ein. Beobachtungen von Tod und Heiligkeit finden sich in einem im Fluss vorbeiziehenden toten Biber und dem zu brennenden scheinenden Mainzer Dom. Die Liebe zur Stadt, zum Alltagsleben und zum bildnerischen Ausdruck spiegelt sich im nächsten Fotopaar. Ein Graffiti aus Birkerts Teenagerjahren ist neben ein Filmstill seiner ersten Videoarbeit gesetzt, in der Birkert die Farbe der menschlichen Spuren am Frankfurter Bahnhofs festzuhalten versuchte. In den letzten beiden Fotografien sind Alltagsszenen eines Vesperbrotes und Waschbeckens zu sehen. Dass Birkert seinen Romantik Bezug nicht all zu ernst nimmt, zeigt sich nicht nur in seinem freien Umgang in Bezug auf Medien und Themendurchmischungen, sondern auch in Details, wie dem verwendeten Alu-Dibond, welches auf den Kitschcharakter privater Abzüge aus einem Fotoladen anspielt.

Die eigens für den Raum geschaffene Wandmalerei taucht den Raum je nach Wetter in einen pinkfarbenen Schein. In Schwammtupftechnik läuft die pinke Farbe locker aus und die Technik passt gelungen zu den Motiven der gezeigten Siebdrucke, die Schwämme zeigen. Sieben Haushaltsschwämme sind so nebeneinander gelegt, dass sie sich leicht überschneiden und zusammen eine Art Fries bilden. Genau wie die sechs verschieden farbigen Feuerzeuge auf der gegenüberliegenden Längsseite, sind die Schwämme jeweils mit einem Strass-Stein besetzt. Für Birkert stellen diese Diamanten dar und werten die Alltagsobjekte auf. Zu diesem `Starstatus ́ der Readymade Abbildungen passt die Warhol’sche Technik des Siebdrucks. Zwar können seriell
unendlich viele Reproduktionen produziert werden, trotzdem ist jeder Druck einzigartig. Im Gegensatz zu Warhol verändert Birkert die Eigenfarbigkeit der Objekte nicht. Der Titel beider Serien Sternfels von Fuchshaim ist der Name des Protagonisten des barocken Romans Simplicius Simplicissimus. In satirischer Wortgewandtheit wird erst der soziale Aufstieg, dann der Abstieg und schließlich der Rückzug der Hauptperson in die `Waldeinsamkeit ́ beschrieben. Die `Waldeinsamkeit ́ — ein Motiv, das wiederum Widerhall in der Romantik fand und für Birkert einen Sehnsuchtsort darstellt. Schmunzelnd fügt er hinzu, dies meine nicht, dass er seine Zeit tagelang allein im Wald verbringe. Außerdem fände er diese durchsichtig bunt gefärbten Feuerzeuge vom Kiosk und die Schwämme in den unterschiedlichen Pastelltönen einfach schon immer schön. Und, dies ist keineswegs ironisch gemeint: Sollten wir nicht alle mehr Zeit an unseren Sehnsuchtsorten verbringen, alte Bücher lesen und schöne kleine Dinge bewundern?

Text: Muriel Meyer

[1] Hermann Hesses Rezension zu Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders (1796) von Wilhelm Heinrich Wackenroder und Ludwig Tieck. In: Hermann Hesse, Eine Literaturgeschichte in Rezensionen und Aufsätzen, Frankfurt am Main 1975, S. 237f.

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All images © Mattias Matzak

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