Laure Prouvost all behind, we’ll go deeper, deep down and she will say: Eine Review von Vivien Trommer

„Ideally you would leave everything behind“ – nicht nur den Alltagsstress, sondern auch all das Wissen über die Kunst, ihre Geschichte und Kategorien, das wir uns so mühsam antrainiert haben und mit dem wir aktuelle Kunstproduktionen wie durch eine Brille beurteilen. Die Message steht jedenfalls neben dem Eingang zum MMK 3 auf einem überdimensionalen Billboard – weiß auf schwarz – und bildet den Auftakt zur aktuellen Ausstellung von Laure Prouvost (*1976 in Frankreich) „all behind, we’ll go deeper, deep down and she will say:“. Das Schild kündigt ein neues Kapitel an, funktioniert wie ein eingeblendeter Zwischentitel in historischen Stummfilmen und überlässt uns dem zweiten Teil einer Ausstellungstrilogie, die im Juni dieses Jahres im Le Consortium in Dijon begann und im Oktober im Kunstmuseum Luzern enden wird. Im MMK 3 liefert uns Prouvost den Tiefen des Unterbewusstseins aus, lässt uns an dunkle Abgründe stoßen und am Ende unsere Träume zerplatzen sehen.

Die Geschichte beginnt im Reisebüro von Prouvosts Onkel, das sie gemeinsam mit ihm für die Ausstellung in Frankfurt rekonstruierte. Poster von Sandstränden vor blauem Himmel hängen an den Wänden, Reiseführer liegen auf dem kippelnden Beistelltisch, überall sind gemalte, spiegelverkehrte Nachrichten versteckt: neben den Büchern auf dem Regal steht „Waiting for everything to get dusty“, in einem anderen Spiegel ist „I take you to places you have never been“ zu lesen. Auf einem Flatscreen über dem verlassenen Bürostuhl läuft ein Teaser mit Ausschnitten aus denjenigen Videoarbeiten, die noch folgen sollen.

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Laure Prouvost, DEEP TRAVELS Ink., 2016, Installationsansicht/installation view, © Laure Prouvost, Courtesy of the Artist, Foto/photo: Axel Schneider

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Laure Prouvost, DEEP TRAVELS Ink., 2016, Installationsansicht/installation view, © Laure Prouvost, Courtesy of the Artist, Foto/photo: Axel Schneider

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Laure Prouvost, DEEP TRAVELS Ink., 2016, Installationsansicht/installation view, © Laure Prouvost, Courtesy of the Artist, Foto/photo: Axel Schneider

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Laure Prouvost, DEEP TRAVELS Ink., 2016, Installationsansicht/installation view, © Laure Prouvost, Courtesy of the Artist, Foto/photo: Axel Schneider

Wir betreten den abgedunkelten, orange durchfluteten Ausstellungsraum, der aussieht wie ein Paul McCarthy Filmset nach dem Dreh und der sieben filmische Arbeiten von Prouvost zeigt, die nacheinander im Loop abgespielt werden. Der Filmzeit völlig ausgeliefert stecken wir fest in einer Parallelwelt voller Anspielungen, Anekdoten, Missverständnissen und Fiktionen. In „Wantee“ (2013) nimmt Prouvost uns mit in das Haus ihres verstorbenen Großvaters, einem Konzeptkünstler, der mit Kurt Schwitters befreundet war und als letztes Lebenswerk einen direkten Tunnel nach Afrika graben wollte. Die wackeligen Videobilder zeigen Prouvosts linke Hand, mit der sie auf Haushaltsgegenstände deutet und aus dem Off hören wir ihre unverkennbare Stimme – Britisches Englisch mit französischem Akzent –, welche die Objekte als Großvaters Kunstwerke der 1960er Jahre identifiziert, die ihre Großmutter wiederum zu Gebrauchsgegenständen umfunktionierte. Leider hätten es die Werke nicht ins Museum geschafft, kommentiert Prouvost. Die Handkamera wird dabei eingesetzt wie eine Verlängerung des Körpers, mit der Prouvost alles einzufangen versucht, um dann doch an den Grenzen des Mediums Film zu scheitern. In „Deeper“ (2010) flüstert sie „I wish this video was going deeper … as if you be in the work, in deeply in.“ Ähnlich den materialistischen und strukturalistischen Filmeexperimenten der 1960er Jahre gelingt es Prouvost mit Kommentaren wie diesen, neben dem Plot auch den theatralen Apparatus hinter dem Film zu problematisieren.

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Laure Prouvost, Installationsansicht/installation view © Laure Prouvost, Courtesy of the Artist, Foto/photo: Axel Schneider

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Laure Prouvost, Lick in the Past, 2016, Installationsansicht/installation view, © Laure Prouvost, Courtesy of the Artist, Foto/photo: Axel Schneider

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Installationsansicht/installation view © Laure Prouvost

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Installationsansicht/installation view © Laure Prouvost

Die direkte Ansprache – you – spielt in Prouvosts Werk, wie bei keinem anderen Künstler oder keiner anderen Künstlerin, eine derart zentrale Rolle. Die eingeblendeten Zwischentitel wiederholen das soeben Gesagte und sind oft als Aufforderungen an unsere Sinne und Gefühle zu verstehen: Sehen, Lesen, Schmecken, Riechen, Hören, Schreien, Erschrecken … sollen wir und werden entführt in eine entfremdete Fantasiewelt. Ihre unglaublich radikalen, schnellen und verstörenden Schnitte, die in „A Way to Leak, Lick, Leek“ (2016) begleitet werden von Frank Oceans „Swim Good“, lauten Angstschreien oder Momenten der puren Stille, führen zu einer Intensivierung der immersiven Wirkung des Gesamtkunstwerks. Die vor und neben den Videoleinwänden liegenden und in Kunstharz fixierten Requisiten, der Elektroschrott, die Zimmerpflanzen sowie die braune Erde erweitern die Videoarbeiten zu raumgreifenden Installationen. Das Werk umgibt uns schließlich von allen Seiten, doch anstatt für eine direkte Nähe zwischen Publikum und Film zu plädieren, scheint es Prouvost wichtiger zu sein, die Distanz zwischen Film und Realität, der echten erlebten Welt, zu vergrößern, um hier erneut auf eine Lücke hinzuweisen und uns an die Grenzen der Kunst stoßen zu lassen.

Wie schon Prouvosts Ausstellung „A Way to Leak, Lick, Leek“, kuratiert von Martha Kirszenbaum, die zu Beginn des Jahres bei Flax Fahrenheit in Los Angeles zu sehen war, stellt auch „all behind, we’ll go deeper, deep down and she will say:“, kuratiert von Anna Goetz, das Kunstregime auf den Kopf. Prouvost markiert hier einen Neuanfang, der sich für eine Genrefreiheit in den Künsten einsetzt und auch wenn das eher eine ideelle Wunschvorstellung zu sein scheint, engagiert sie sich trotzdem radikal für die bedingungslose Freiheit der Gegenwartskunst. Von nun an kann Kunst wieder neu gedacht werden.

Text: Vivien Trommer

 

All images: Axel Schneider

MMK 3, Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main
Laure Prouvost
all behind, we’ll go deeper, deep down and she will say:
3. September 2016 – 6. November 2016
Kuratorin: Anna Goetz