Love In The Times of Acid Rain – Leon Eisermann im Gespräch mit Maurin Dietrich

Die Wahrnehmung unserer Realität hat sich mit der Logik algorithmischer Verarbeitung, der Strukturierung von Sichtbaren, social media und der Überwachung drastisch verändert. Und mit ihr die Modi ihrer Rezeption. Die Ausstellung „Love In The Times of Acid Rain“ von Leon Eisermann bei Gillmeier Rech stellt dabei die Frage, wie wir uns Bilder ansehen, wie wir unsere Freunde anschauen und wer zurück starrt, während wir endlos kuratierte Timelines hinunter scrollen.

Maurin Dietrich
Die Ausstellungsräume betritt man durch die Glastür, in den zwei dahinter liegenden Räumen taucht immer wieder das Motiv eines voyeuristischen Blickes auf. Wie arbeitest du mit dem Motiv des Schlüssellochs, ein tradiertes Symbol für das anonyme Zuschauen, im Kontext neuer Formen, wie dem anonymen Scrollen einer Timeline?

Leon Eisermann
Die Überlegung hinter dem Schlüsselloch war, ob das Smartphone nicht vielleicht das Schlüsselloch ein wenig ersetz hat. Natürlich nicht im eigentlichem Sinne des Gebrauchens eines Schlüsselloches, aber in der Idee des anonymen Schauens und Beobachtens. Mit dem Smartphone als Schlüsselloch zu Informationen hat man nicht mehr das physische Erlebnis, was man vor einem echten Schlüsselloch hätte. Wir haben es immer dabei und können überall Voyeur sein. Und wenn wir uns dazu noch im Inkognito-Tab bewegen, werden wir beim Spannen nicht mal erwischt.

Leon Eisermann Love In The Times Of Acid Rain installation view 4

Leon Eisermann, Love In The Times Of Acid Rain, installation view

Maurin Dietrich
Die Ausstellung nimmt der Besucher als einen sehr intimen Raum war. Das liegt nicht nur an der thematischen Ausrichtung, sondern auch daran, dass du Gegenstände aus dem häuslichen Bereich, wie den Teppich, in den Galerieraum überträgst und der Ort dadurch den Eindruck eines privaten Raumes erhält. In welcher Relation steht dieser Eindruck eines intimen Ortes zu den Bildern, die deine besten Freunde zeigen?

Leon Eisermann
In erster Linie gefällt mir der Boden des Raumes nicht und weiter ist der Teppich der physische Versuch, in dem Besucher ein privates Gefühl entstehen zu lassen oder auch die Erinnerung an einen privaten Raum. Das Gefühl, was man beim Touchscreen nicht hat und manchmal vermisst. Wäre aber auch ganz cool, wenn man einen Teppich am Finger fühlen würde, während man sich die Wohnzimmerfotos seiner Freunde anschaut.

Maurin Dietrich
Im Kontext einer Selfie-Kultur steht das Selfie, das schon per Definition ein Bild von sich selbst, von einem selbst gemacht und so schon immer selbstbezüglich ist, für eine neue Art der Kategorie Selbstportrait. Natsha Stagg schreibt in ihrem kürzlich veröffentlichten Buch Surveys „The narcissism of selfies is still weirdly invisible to most people, because when you look someone up, you expect to see pictures of that person, not pictures from their point of view“. Welche Blicke zeigst du und auf wen?

Leon Eisermann
Ich hab schon immer gerne Portraits gezeichnet und gemalt, aber noch nie sind die Personen, die ich gezeichnet habe in mein Studio gekommen und haben mir Model gestanden. Wenn man ein Handy hat, brauchen die Personen aber auch gar nicht ins Studio kommen. Ich mache ein Foto von ihnen und male das dann ab.
Was das mit Licht und Farben macht, ist natürlich nicht so cool, aber genau das finde ich interessant. Was machen digitale Bilder und Fotofilter mit unserer Wahrnehmung von Malerei und dem was ich male? Auch die Perspektiven sind ganz anders. Im Studio würde mir die/der Gemalte im klassischsten Szenario gegenüber sitzen. Die Fotos, die ich für diese Ausstellung benutz habe, sind mehr aus Brusthöhe fotografiert oder mit der Frontcam, wie im Fall von dem Bild von Marco und mir.

Leon Eisermann, Leon Bruzzone and Marco Eisermann, 2016, oil on canvas, 160 x 120 cm

Leon Eisermann, Leon Bruzzone and Marco Eisermann, 2016, oil on canvas, 160 x 120 cm

Maurin Dietrich
Der Gang durch die Ausstellung endet mit der Malerei eines übergroßen iPhones, auf dessen Display eine verletzte Zombiehand in eine der Bildfläche vorgelagerte Realität zu fassen scheint. In einer Zeit, in der 90 Prozent der Bilder, die ich mir ansehe mir auf dem Screen meines iPhones in hellen Farben, perfekt ausgeleuchtet entgegen kommen, ist es doch eine Frage, was Malerei im Raum noch leisten muss, um angesehen zu werden.

Leon Eisermann,The Lurking Fear, 2016 oil on canvas, LED lights 100 x 150 cm

Leon Eisermann, The Lurking Fear, 2016, oil on canvas, LED lights, 100 x 150 cm

Leon Eisermann
Die Malerei muss da nicht so viel leisten. Ich glaube, wir müssen schauen, dass wir es uns noch leisten, länger als 30 Sekunden ein Bild anzuschauen. Aber natürlich muss die Malerei auch einigermaßen interessant sein, damit man überhaupt Bock hat sie anzuschauen. Malerei verändert sich natürlich auch ständig, aber das Prinzip Bild an Wand bleibt ja dasselbe. Die Frage ist, wie lange ich es schaffe, davor stehen zu bleiben.
Und da stellt sich mehr die Frage, ob es der „content“ der Malerei ist oder unsere Aufmerksamkeitsspanne in 2016.

Leon Eisermann Love In The Times Of Acid Rain installation view 5

Leon Eisermann, Love In The Times Of Acid Rain, installation view

Leon Eisermann Love In The Times Of Acid Rain installation view 3

Leon Eisermann, Love In The Times Of Acid Rain, installation view

Leon Eisermann, Guest, 2016 found object 20 x 17 x 9 cm

Leon Eisermann, Guest, 2016, found object, 20 x 17 x 9 cm

Leon Eisermann, Keyhole 1.0, 2016 oil on canvas 150 x 100 cm

Leon Eisermann, Keyhole 1.0, 2016, oil on canvas, 150 x 100 cm

Leon Eisermann, BFF, 2016, oil on canvas,160 x 120 cm

Leon Eisermann, BFF, 2016, oil on canvas,160 x 120 cm

Leon Eisermann, NOPE, 2016, glazed ceramics,14 x 24 x 48 cm - 2

Leon Eisermann, NOPE, 2016, glazed ceramics,14 x 24 x 48 cm

Courtesy Gillmeier Rech and the artist.

GILLMEIER RECH
Leon Eisermann
Love In The Times Of Acid Rain
29.04. – 11.06.
Körnerstraße 17
10785 Berlin