Louisa Clement im Interview mit Patrick Constantin Haas

Louisa Clements Experimentierfreude findet immer wieder neue Wege, wie mit der Idee des Bildes umgegangen werde kann. Ihre neuen künstlerischen Arbeiten bewegen sich nun in dem Bereich der Virtual Reality – ein guter Grund, sie zu ihren Beweggründen und Vorstellungen zu befragen. Das Interview wurde von Patrick Constantin Haas (*1987, Kurator) geführt.

In den vergangenen Wochen und Monaten hast du dir ein neues Feld für deine Werke erarbeitet, die virtuelle Realität. Dieses Projekt ist dabei eins der Verbindungsglieder in deiner aktuellen Ausstellung im Sprengel-Museum in Hannover. Kannst du es etwas umreißen? Wie kam es dazu? Welche Rolle spielen dabei die Tische?

Das VR Projekt ist aus vielen Fragen und Ideen aus dem letzten Jahr entstanden, ich habe mich intensiv mit künstlicher Intelligenz beschäftigt und im Besonderen mit ihren Grenzen. Wir kommunizieren regelmäßig mit KI‘s, beispielsweise in Form von Telefonbots, daher interessiere ich mich sehr für die Kommunikationsformen und der Frage, mit was oder wem kommunizieren wir eigentlich oder was steckt hinter der KI mit der wir uns unterhalten. Des Weiteren wollte ich wissen wer oder was steuert sie, oder in wie weit ist das Ganze noch programmiert und ermöglicht eine freie, selbständige Form der Kommunikation. Irgendwann bin ich auf lügende Algorithmen gestoßen, das war der Punkt wo klar war ich möchte ein Gespräch generieren mit einer künstlichen Intelligenz wo nicht mehr klar ist ob sie die Wahrheit sagt oder nicht.

Sofort wusste ich, wie das Ganze optisch aussehen wird und dass es in einer virtuellen Realität stattfinden muss. Dann kam der Kontakt zu Acuteart, einer Firma, die künstlerische Projekte unter anderem in VR realisiert. Ihnen durfte ich mein Projekt vorstellen und wir fingen an zu arbeiten.

Der Tisch ist für mich eine Art Brücke: in dieser virtuellen Realität trifft man auf Bots, die sich in ihrer Darstellung auf meine fotografische Serie Gliedermenschen beziehen, also ein marionettenhaftes Aussehen tragen. Diese sitzen an einem Tisch der genauso aussieht wie derjenige im Ausstellungsraum. Hier beschäftigt mich die Haptik der Dinge, die Verschmelzung der Realitäten. Man sitzt auf den gleichen Hockern wie die Bots und fasst dabei den Tisch an, man lehnt sich auf ihn: die Grenze zwischen VR und Realität soll verschwimmen.

Was passiert in der simulierten Realität? Sind es ebenfalls Fragen zum Körper oder der Überwindung des menschlichen Körpers, die dort behandelt werden? 

Genau, die Bots reden über den Menschen und die Unterschiede zu ihnen. Sie stellen Fragen zu diesem Themenfeld und geben auch Antworten, aber man kann auch andere Fragen stellen, auch dann finden sie Antworten.

Kannst du ein paar Beispiele benennen und aus welchem Kontexten sich die Bots bedienen?

Die Bots ziehen ihre Informationen aus dem Internet. Im Grunde genommen haben sie, durch vergebene Fragen und Antworten, das System der Unterhaltung erlernt und bewegen sich nun frei von den Vorgaben. Das System lernt ständig hinzu und gewinnt somit ständig neue Informationen, welche die Kommunikationsfähigkeit der Bots verbessern.

Wie viel Kontrolle gibst du der künstlichen Intelligenz?

Ich würde sagen relativ viel. Ich habe keine Kontrolle mehr auf die Antworten die sie geben und auch nicht was genau sie sagen. Die künstliche Intelligenz ist in der Lage selbst zu lernen und entwickelt und kultiviert ihre Fähigkeiten. Auch das fand ich bei der Arbeit ziemlich interessant, dass man im Grunde den Prozess ein wenig aus den Händen gibt. Jeder der die Arbeit sieht oder mitmacht, erlebt sie anders; es wird kein Gespräch zwei Mal geben. Jedem gehört ein eigenes Erlebnis. Und auch durch das Lernen verändert sich die Arbeit, aber das ist ja auch die Frage wie entwickelt sich Arbeit und wie nah kann sie uns kommen.

Du erwähntest die Bots mit ihrem marionettenhaften Aussehen. Die Arbeit scheint den Kreis zu schließen, oder zumindest zurück zu älteren Arbeiten zu finden. Welche Rolle spielen hier Bezüge zu vorangegangen Serien, die ebenfalls im Sprengel-Museum zu sehen sind?

Das ist mir sehr wichtig, oder besser gesagt eine klare Entscheidung. Ich nehme oft Gedanken von vorherigen Arbeiten und Serien wieder auf und denke diese weiter. Ich sehe Zusammenhänge zwischen den Arbeiten und den dazugehörigen Gedankenkonstrukten. Wenn es direkte Folgegedanken sind mache ich die visuell erkennbar.

Technologie als Initiator für die Bildgebungen fing damals schon bei deinen ersten Fotografien an, wenn ich mich recht erinnere untypisch für die Zeit mit einem iPhone abgelichtet. In Hannover versammelt sich ein intensiver Einblick in dein Werk der letzten vier Jahre: Posterscroller-Boxen für den Außenraum (die keine Werbung mehr zeigen), schwarze glasähnliche Steine (die das Abfallprodukt von Kampfmittelbeseitigung sind), Ausschnitte von Schaufensterpuppen und nun auch eine VR-Erfahrung. Wo und wie positionierst du die Technologie?

Technologie ist für mich in der heutigen Zeit ein wichtiges Thema, inhaltlich aber auch in der Umsetzungsform von Arbeiten. Letztendlich steht für mich immer die inhaltliche Frage im Vordergrund. Wenn ich diese umkreist habe ergibt sich das Medium daraus. Welches Medium dient der Transformation des Gedankens am besten. So war es auch bei der VR Arbeit. Die Virtuelle Realität war für mich der perfekte Ort um sich mit einem Bot an einen Tisch setzten zu können, also musste die Arbeit so konzipiert werden wie sie ist. 

Courtesy of Louisa Clement