MANOR GRUNEWALD „Goods Between Floors“

Fotografie Alexander Böhle

Manor Grunewald, geboren 1985, lebt und arbeitet in Gent, Belgien. Sein Werk umfasst die Genres Malerei, Bildhauerei und Installation. Schwerpunkt seines Schaffens liegt auf der Druckgrafik in weitester Hinsicht: im Hinblick auf das Bild, auf das Material und auf die angewandten technischen Prozesse. Aber auch Archivierung, installative Möglichkeiten und die sich daraus ergebenden Raumbezüge finden sich in seiner Arbeit wieder. In besonderem Maße in dieser Ausstellung „Goods Between Floors“, bei der Grunewald erstmalig mit einem Szenografen, dem Architekten Theo De Meyer zusammengearbeitet hat.

Im Hinblick auf das Bild:
Als Maler der Generation, die für den Wechsel vom analogen zum digitalen Bild steht, interessieren ihn die zentralen Fragen der Malerei wie „was ist „echt“, „was sehen wir wirklich im Bild“, „was passiert bei der Reproduktion des Bildes und was ist daran malerisch“? Manor Grunewalds „Bildbearbeitung“ beginnt mit dem Suchen und Sammeln von „Bild-Vorlagen“. Dies kann ein Kunstkatalog, ein Magazin, ein Werbeplakat, ein Comic oder Ähnliches sein. Dieses Ausgangs-Bild durchläuft dann verschiedene Prozesse der Transformation. Grunewald wählt Ausschnitte, kopiert diese, vergrößert, collagiert und reproduziert diese. In diesem Prozess kommt es zu „Verzerrungen“, Fehlern, Farbtransformationen, Lichteinfällen usw., insbesondere, da er hier sehr „manuell“ vorgeht, d.h., durch das Ausschneiden per Hand und Zusammenkleben von Bildfragmenten, werden diese „Handarbeiten“ auch in seinen Bildern sichtbar. Beim Kopieren der Bildelemente bedient er sich zudem älterer Kopiergeräte, die durch die Ungenauigkeiten, Transformationen von farbig zu Schwarz-Weiß oder Vergrößerungen das Bild zunehmend von seiner Ausgangserscheinung abweichen lassen.
Am Ende steht eine Collage, in der die verschiedenen Schichten vor-, über- oder nebeneinander stehen und dann nach Einscannen in einem UV Druck vergrößert und auf Keilrahmen gezogen werden. Im finalen Bild vereinen sich analoge und digitale Aspekte des Bildes und des Prozesses zu einer Gesamtkomposition.

Im Hinblick auf das Material:
Im Druckgrafischen spielt das Trägermaterial eine entscheidende Rolle. So bezieht Grunewald in seiner Arbeit die Beschaffenheiten, Oberflächen und damit auch die Wahrnehmung des gedruckten Bildes auf diesen Materialien mit ein. Papierarten, Folien, synthetische Leinwand, Rasterungen etc. sind dabei Gegenstand seiner Untersuchungen und werden in den verschiedenen Transformationsstufen eingesetzt.

Im Hinblick auf die technischen Prozesse:
Die bereits beschriebenen technischen Mittel Grunewalds, wie Kopieren, Scannen oder Drucken beziehen sehr stark das Moment der Wiederholung bzw. der Reihung mit ein, aber auch das des Zufalls. Was lässt sich technisch kontrollieren, was wird jedoch verfälscht bzw. verändert? Lichteinfälle beim Kopieren, Verschmutzungen bzw. Kratzer auf der Kopierer-Scheibe bilden sich ab und werden zum aktzeptierten bzw. provozierten Gestaltungsmittel. Grunewald geht aber noch einen Schritt weiter. Dabei befindet er sich immer im Spannungsfeld von kontrolliertem Komponieren und Zufall, ordnenden Elementen und chaotischen Strukturen. So greift er z.B. auch Techniken auf, derer sich Grafiker und Drucker noch in den 80er und 90er Jahre bedient haben: mit Hilfe von Farbfolien (z.B. der Firma Letratone), die in einer Punktrasterung Farbe manuell auf Entwürfe auftrugen und damit Druckergebnisse simulierten. Grunewald baut diese Farbfolien in seine Bildcollagen ein, versteckt dabei auch Logos des Herstellers und gedruckte Typenbeschreibungen nicht, sondern bezieht sie in seine Reproduktionsvorgänge mit ein, so dass diese Punktraster und Schriftzüge im fertigen Bild häufig zu sehen sind.

Installation und Raumbezug:
In der aktuellen Ausstellung „Goods Between Floors“ hat Grunewald mit dem Architekten und Szenografen Theo De Meyer zusammengearbeitet. Beide haben zusammen eine Ausstellung und Installation entwickelt, die sich den räumlichen Gegebenheiten der Galerie stellt. So wie Grunewald sich in seinen Schaffensprozessen immer wieder unterschiedlichen Levels stellt, wie z.B. Original – Kopie, Analog – Digital, manuell – maschinell, so arrangiert er seine Ausstellung in der Galerie ebenfalls auf verschiedenen räumlichen Ebenen und schafft dadurch vielschichtige Perspektiven. Neben dem Ausstellungsraum der Galerie hat er das eine Etage darunter liegende Lager und das Büro der Galerie geräumt und miteinbezogen. Zudem hat er mit Theo De Meyer eine große Träger-Konstruktion an den Hebekran der Galerieräume gebaut. Verschiedene Materialschichten (Kunststoff-Well-Panels, Aluminium-Träger) werden sichtbar und frei schwebend, einem Altar ähnlich, dienen sie seinen sechs gleichgroßen Bildern als Präsentations-Modul.

Im Lagerraum beginnend, den er im Gelbton des üblichen Kopier-Trennpapiers gestrichen hat, erhebt sich vom Boden eine Aluminiumsäule, die sich durch den Stahlrost in die erste Etage der Galerie empor streckt. Die Trennung zwischen unterer und oberer Etage werden somit scheinbar durchbrochen und Floors miteinander verbunden. Dieser gelb leuchtende Lagerraum-Kubus, in dem Grunewald neben der Leuchte auch ein 2×2 Meter großes Bild frontal und zentral gehängt hat, strahlt bis auf den Vorplatz der Galerie und erscheint wie eine Energie-Zelle.

Im Galerieraum fällt dann neben der großen, altarähnlichen Hängekostruktion ein ca. sechs Meter langer, vom Künstler entworfener Präsentiertisch auf, der sich diagonal durch die Galerie erstreckt und von Aluminiumsäulen getragen wird. In einer langen Glasvitrine präsentiert Grunewald hier druckgrafische Dokumentationen seiner Arbeiten und Ausstellungen der letzten zehn Jahre. Ergänzt werden diese durch Atelierutensilien wie Kaffeetassen, alte Toastbrot-Scheiben oder Sushi-Häppchen – Metaphern aus guten wie schlechten Künstlerperioden, die er selbstironisch integriert. Dokumentation des Werkes und Werk selbst verschmelzen zu einer Einheit.
Weiter finden sich zwei große Malereien und eine kleine Wandarbeit in diesem „Hauptraum“.

Das Galeriebüro haben Grunewald und Theo De Meyer ebenfalls entleert, blau-grau gestrichen und in den Raum eine schreibtischähnliche Konstruktion aus den gleichen Elementen gebaut, Aluminium-Füße und Glasvitrinen, wie sie schon im Hauptraum zu sehen ist. An der Bürowand befindet sich zudem eine weitere Malerei des Künstlers.

In Grunewalds Ausstellung „Goods Between Floors“ werden Einzelwerk und Dokumentation installativ im Raum inszeniert und auf konzeptuellen wie räumlichen Ebenen zu einer multi-perspektivistischen Abhandlung zusammengefasst.

Berthold Pott

www.bertholdpott.com