Marcel Hiller – less skin

kuratiert von Seda Pesen

Andere Haut

Unsere Haut ist die Grenze unserer Fasern. Sie umschließt unser Inneres und wird zu einer zeigenden Oberfläche: sie ist das, was das Äußere konstatiert, ex negativo einen Raum beansprucht und uns in diesem positioniert. Die Haut veräußert also den Körper selbst und besitzt folglich unweigerlich eine öffentliche Dimension. Meine Haut ist ein politisches Werkzeug. Deine Haut ist das, was ich sehe und berühren kann, in kraft ihrer Wärme und Leiblichkeit dein Dasein behauptet, und mir spiegelt, was ich bin. Der eigene Körper, die eigene Haut sind dem Blick des Anderen ausgesetzt: wenn ich dich nun sehe, weiß ich, dass du nicht ich bist, aber ich weiß, dass ich zugleich mit dir bin, so wie unsere Häute sich ziehen und berühren weiß ich, dass die Differenz, die zwischen uns steht, das ist, was uns ermöglicht, uns als Subjekte über das Andere zu begreifen. Erst durch die Konfrontation mit dem Anderen scheinen wir zu verstehen, wer wir sind.  

Die Begriffe des Anderen und der Differenz verweisen darauf, dass zwischen uns eine Wunde sitzt, die nicht aufhören will, sich zu entzünden. Das vermeintliche Selbstverständnis, mit dem wir uns als Subjekte begründen und in dem Modus der Differenz zum Anderen verweilen, ist zugleich der Nährboden für den Konflikt zwischen uns. Das kollektive „Wir“ entsteht durch das kollektive „Andere“. In der Monographie „Hass spricht“ (1998) erwägt die Philosophin Judith Butler, dass dies der Ursprung für Formen der Gewalt sei. Sie zielen auf die Verletzbarkeit des Körpers und legitimieren sich über die Feststellung des Anderen.  

Der Titel „less skin“ der Einzelausstellung des Künstlers Marcel Hiller (*1982, Potsdam) verweist auf jene vielschichtigen Ambivalenzen der Haut und ihre politischen und politisierten Dimensionen. Beim Betreten des Ausstellungsraums wird man unmittelbar mit einer auf dem Boden gesetzten metallenen Verästelung konfrontiert, die den direkten Weg in die Ausstellung verstellt. Graue Vierkantrohre schieben sich voneinander weg und laufen aufeinander zu. Das Objekt (2019) ist ein Bild des Wortes „skin“ (dt. Haut) und trägt ebendiesen Titel. In der Haptik kühl und starr, verweist es auf die menschliche Haut als solche, ohne sie zu mimen und vermag ihr ebenso zu widersprechen. „skin“ schreibt sich in den Raum ein und behauptet sich entgegen der Verletzbarkeit unserer Haut. An der Wand lehnend, befindet sich die Arbeit „less“ (2019). In einem mattierten Gelb, ebenfalls aus Vierkantrohren, schreiben sie „less“ (dt. weniger). Der Begriff less kann im Englischen als selbstständiges Adjektiv verwendet werden, um eine quantitative Abnahme zu beschreiben, oder als Annex einen Begriff ergänzen, um die vollkommene Abwesenheit von etwas zu beschreiben: „less skin“ bedeutet weniger Haut, „skinless“ würde den Zustand Haut-losigkeit, ein Sein ohne Haut beschreiben. Jene Begriffe, „less“ und „skin“, die sich als atmosphärische Ladungen in diesen Ausstellungsraum einschreiben, lassen das Ich dieser Ausstellung in einem Modus der Unwissenheit. Sie legen sich über Böden und Wände, über unsere Haut, allein durch unsere Anwesenheit. Sie konstatieren die Haut als Subjekt durch ihr Objekt-sein, machen das Weniger-sein zu einer Entität.

In der Nische des Ausstellungsraums, neben einem kleinen Fenster, hängt ein bearbeiteter Helm an der Wand. Die harte Oberfläche von „Perfekt“ (2019) schimmert weiß, und ist von leichten Schmutzschichten überlagert. An den Seiten des Helmes hängen lederne Riemen herab. Dem Helm wurde ein großes Stück entnommen; die verschiedenen stofflichen Schichten sind sichtbar. Ein zusätzliches Inlet hängt heraus. Oberhalb ist er mit gradlinigen, sauberen Schnitten versehen. In der üblichen Funktion soll ein Helm den Kopf des Trägers vor Verletzungen schützen, das zerbrechliche Zentrum verwahren. Hiller verkehrt hier die ursprünglich als militärische Schutzkleidung gedachte Kopfbedeckung hin zu einem verletzten Objekt, dessen Inneres, bestehend aus weichen Stoffen, offengelegt wurde. Die Schnitte werden zu gestischen Wunden: sie allein, und nicht der Helm in seiner Gesamtheit, sind der Speicher der Handlungen, durch welche sie entstanden sind. So sind sie nicht nur, vielmehr zeigen und verhandeln sie ihre Verletzlichkeit erinnernd im Raum. Auf dem Boden liegen aneinandergereihte Helm-Inlets („Inlets“, 2019), die durch eine Schnur zusammenhalten. Opponierend hierzu befindet sich an der Wand ein in Aluminium gerahmter Fotoscan („Scan“, 2019) dieser Inlets. Diese zerfaserten Doppelungen verhalten sich wie verwaschene Spiegelbilder voneinander und fragen: was oder wer bin ich? Fernab der militärischen Verknüpfung oder der Funktionalisierung als Objekt des Schutzes, welche beiderseits zwangsläufig Assoziationen mit Formen von Gewalt, Kriegsgewalt, unvermittelter Gewalt, alltäglicher Gewalt, hervorrufen, entwickeln sich die Inlets aus dem, was wir als das Alltägliche begreifen, hinaus zu poetischen Bildern. An der Wand hängend verlieren sie sich in ihren Subjektivierungsweisen, als gestürzter Turm auf dem Boden werden sie zu ästhetisierten Designobjekten; diffizil ist doch der Fotoscan, der durch seine dunkel triefende, milchige Farbigkeit eine beinah verkitschte, fetischartige Form der Auseinandersetzung mit diesem Inneren evoziert. 

Nicht in Zerfaserungen, dafür in Partikularisierungen scheint die Arbeit „less skin“ (sheet one) (2019) aufzugehen: auf einem grauen Karton sind verschiedene, in ihrer Größe differente, schwarz-weiß Fotografien abgebildet. Dabei stehen sie teilweise Kopf, liegen auf der Seite, oder sind beinah unkenntlich klein. Als anonymes Fotomaterial zeigen sie allesamt Situationen der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Hiller wählte gezielt Fotografien aus, welche sich durch das Abgebildete einer unmittelbaren sozialhistorischen Einordnung verwehren: es sind keine charakteristischen Situationen, Symbole oder Personen abgebildet. Das Nebeneinander dieser Fotografien aus Werbungen, militärischer Propaganda, schulischen Diavorträgen und Urlaubsfotografien spannt ein Netz aus historischen Verweisen, das sich in die jetzige Gegenwart einspielt. Die Gegenwart sind Wir, die Vergangenheit die Anderen. Dabei verweben sich Vergangenheit und Gegenwart in dem Zusammenstoß zu einer heterogenen Komplizenschaft, die sich als schwieriger enttarnt, als angenommen und nicht in dem „Wir“ und „die Anderen“ verweilt. Der italienische Philosoph Giorgio Agamben beschrieb diese Wahlverwandtschaft: nur wenn wir begreifen, dass die Gegenwart im Dunkeln liegt, nicht zu erreichen ist und die einzige Möglichkeit der Perspektivierung in der Verknüpfung mit der Vergangenheit liegt, können wir die Gegenwart als solche sehen. So sind wir die Vergangenheit, und die Gegenwart, und die Anderen gehen in uns auf. Vergangene politische Systeme und Gesellschaftsformationen besitzen somit eine unabdingbare Relevanz für die Gegenwart. Auch wenn dieser Gedanke banal wirkt, so wird bei aktuellen Debatten und begrifflicher Fixierungen um „den Osten“ deutlich, dass die DDR bis heute als abgeschlossenes, da gescheitertes System betrachtet wird. Dabei durchlaufen uns ihre Spuren. An diesem Punkt knüpft Hiller mit „less skin“ (sheet one) an: er gibt ein Konglomerat an Bildern vor, welches sich einer klaren Zuordnung verwehrt, eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit fordert, um die Gegenwart zu perspektivieren und somit zugleich festzustellen, dass unser vermeintlich aufgeklärtes Selbstverständnis sich als eben nur vermeintlich enttarnt.  

Zu verstehen, was es heißt, gegenwärtig zu sein, bedeutet zu verstehen was es heißt, anachron zu sein. Zugleich bedeutet es, dass das Ich – das diese Setzung der Gegenwart als anachronistisches Zeitverständnis einfordert, welches sich nicht auf einer Nostalgie begründet, sondern viel eher auf einem Verlangen nach einer unabdingbaren Relationalität – sich auf diesem Wege selber durch das Andere durchdringt. Judith Butler beschrieb dies in „Politik, Trauer, Gewalt“ (2005): „Ich stelle fest, dass meine Formierung den anderen in mich einbezieht, dass dasjenige, was an mir selbst fremd ist, paradoxerweise der Ursprung meiner ethischen Verbindung mit anderen ist. Ich kenne mich selbst nicht durch und durch, weil ein Teil dessen, was ich bin, aus den rätselhaften Spuren der anderen besteht.“ Vielleicht ist genau das der Start- und Endpunkt dieser Überlegungen um die Arbeiten von Marcel Hiller: sie verkehren das Alltägliche, durchdringen das Gewöhnliche, verpaaren Formen der Gewalt in poetischen Formen zu destruierten Spuren im Raum, verweilen in kryptischen Typografien, ohne dabei ihre Forderungen nach dem Auflösen des „Wir“ und „die Anderen“ loszulassen, und ohne, dass das Ich zu einem bedingungslosen Resonanzraum wird. Viel eher wird es zu einem Ich, welches sich seiner Unsicherheit über bewusst zu deinem Du positioniert und in der Haut des Anderen versinkt. 

 Vgl.: Butler, Judith: Gefährdetes Leben. Politische Essays, Frankfurt am Main 2005.

Seda Pesen

fffriedrich ist ein seit 2017 bestehender Ausstellungs- und Projektraum des Studiengangs Curatorial Studies. Curatorial Studies ist ein Kooperationsstudiengang zwischen der Goethe-Universität Frankfurt und der Hochschule für Bildende Künste – Städelschule, der internationale wie nationale Studierende aus unterschiedlichen kulturwissenschaftlichen Fachdisziplinen beherbergt  und in enger Zusammenarbeit mit mehreren Frankfurter Museen steht. Der Studiengang beruht auf einer intensiven Zusammenarbeit zwischen forschenden, lehrenden und ausstellenden Institutionen.