MARINA SULA at GABRIELE SENN GALERIE

Marina Sulas Untersuchung von Dynamiken und Auswirkungen von Affekt und Wahrnehmung im Zeitalter technologisch vermittelter Erfahrungen und Kommunikation kreist in Soft Power um Narrative über Rituale und Liturgie.

In dieser örtlichen Installation wird eine Reihe an neuen abstrakten digitalen Zeichnungen, Fotografien und skulpturalen Environments durch den Austausch mit Interfaces und ihren Auswirkungen als Orte der greifbaren Intimität, des persönlichen Wohlbefindens und der Meditation erschlossen und dargestellt, um Interaktionen des Körpers mit der digitalen Umgebung als eine Art Ikonographie der zeitgenössischen Subjektivität zu inszenieren.

Mit den Fingerspitzen der Künstlerin auf dem mobilen Endgerät verewigt und in abstrakten Zeichnungen wiedergegeben zeigen die schwarz gepixelten Linien und Striche von Untitled – Phone, Untitled – Table, Untitled – Home und Untitled – Phone II (2016) unterschiedliche, rhythmische und expressive Muster, die möglicherweise Resonanzen auf Agnes Martins sehr bekannte Praktiken auf dem Weg zur erhabenen, spirituellen Transzendenz sind und dabei das Gitter als Form für das Gegenstandsloseste – den Affekt – nutzen. Konzipiert in alltäglichen Situationen im öffentlichen Raum wie z.B. beim U-Bahn-Fahren zeigen sich diese sich wiederholenden Gesten, die als Navigator für das Interface zwischen dem Körper und den unendlichen Informationsströmen in Sulas Arbeit fungieren, ohne jegliche persönliche Attribute und präsentieren sich als der rigide beschränkte Akt selbst. Sie tragen vielleicht dem Faktum Rechnung, dass die Werte Sprache und Kommunikation in der digitalen Wirtschaft als reine Tauschwerte als schwankende durch den Körper gefilterte Daten abstrahiert werden. Mit einem Lineal werden gerade Linien bei der intuitiven und automatisierten Konzeption der geswipten Zeichnungen eingefügt, die Abweichungen zwischen der Kontrolle, der Handlungsmacht und dem Zwang in einem gegenwärtigen Zustand fingierter Mikrowelten des Affekts nur noch verstärken – wenn jeder die gleichen Handlungen zunehmend abgekoppelt von der Kollektivität tätigt – wobei Zweifel und Unsicherheiten nur durch die ständige Neu-Verbindung mit sofortigen Feedback- Zyklen, die diesen Synchronisationsmustern zu Grunde liegen, gemeistert werden können.

Im direkten Dialog mit digital produzierten Zeichnungen und gepaart mit Diptychons zeigen Nahaufnahmen der Portraits der Künstlerin mythisch inszenierte Abläufe in Bezug auf das Reinigen, Waschen und Trocknen der Haut mit Olivenölseife und weichen, weißen Handtüchern in intimen Momenten der Selbstfürsorge. Die Ambiguität und das Unbehagen, die bei der Betrachtung aufkommen – zu nah, als ob man ihre Haut berühren und gleichzeitig das Ganze aus der Ferne betrachten oder sogar angaffen könnte – werden durch die augenscheinliche Performativität der Szenen, in denen die Künstlerin ihre Bewegungen sorgfältig inszenierte, als ob sie sich schon selbst mit den Augen eines anderen sehen würde – intensiviert. Mit dem gleichzeitigen Einsatz von Strategien aus den Bereichen Werbung, Social-Media-Performance und liebevoller Nähe lösen diese Narrative der ritualisierten Wellness Unterschiede zwischen dem Äußeren und dem Inneren, der Privatsphäre und der Entblößung auf. An eine perspektivische Darstellung von Praktiken an den Glauben der absoluten Konnektivität und Selbst-Optimierung erinnernd wendet sich Soft Power 1–4 (2016) immer unangenehmer dem zunehmenden Verlangen und dem Druck ein positives Bild der persönlichen Produktivität und Gesundheit zu vermitteln, zu, in der Hoffnung, dass wir uns für den Blick des anderen, der in der digitalen Wirtschaft zugleich opak, unberechenbar und zu präsent ist, sichtbar machen.

Diese photographische Serie ruft den Wunsch nach dem Empfinden und der Berührung der realistischen Heftigkeit hervor und zeigt gleichermaßen die Haut als Oberfläche und Interface zwischen der inneren und der äußeren Welt, die bearbeitet und adaptiert werden muss und aus diesem Grund einen Widerhall bei den kalten plastischen Figuren aus Metall, in denen sich orange- rote Tinkturen in aufgestellten, den Raum bevölkernden Glasbehältern befinden, erzeugt. Das Gebräu der ewigen Jugend hergestellt aus unterschiedlichen Zutaten wie z.B. Hagebuttenöl verspricht ein makelloses Erscheinungsbild, das die Zeichen der Zeit und die Grenzen der Materialien, der körperlichen Trägheit und Starrköpfigkeit überwindet. Teilweise an Laboraufbauten erinnernd und teilweise mit einer mythologischen Komponente versprühen die Metallwesen von Forever Young (2016) den Drang nach Produktivität und Effizienz, die den Zeichen der Erschöpfung trotzen. Da die Trennung zwischen Tag und Nacht, Erholung und Arbeit aufgrund von Veränderungen beim Zeitempfinden bedingt durch unablässig arbeitende digitale Netzwerke zunehmend verschwindet, wird in Soft Power die Nähe zwischen elektronischen und organischen Oberflächen und damit die allgemeine Widmung des menschlichen Lebens für eine Dauer ohne Pausen, die durch das Prinzip des ständigen Funktionierens bestimmt wird, beantwortet.

Unter der Poetik der Ästhetik präsentiert Sula in dieser Ausstellung die Brutalität, Spannung und Verletzlichkeit, die bei der Adaption des weichen Gewebes des Subjekts an die Anforderungen des unendlichen Feedback-Zyklus entstehen, wenn Körper und Geist zu Terminals der Information und Wellness-Rituale mit der Präzision eines Kultes als Praktiken des Glaubens an individualisierte und konsumierbare Selbstliebe und Affekt ausgeführt werden.

Franziska Sophie Wildförster

 

Marina Sula: Soft Power Gabriele Senn Galerie, basement 13.09.2016 – 15.10.2016

Marina Sula: Soft Power Gabriele Senn Galerie, basement 13.09.2016 – 15.10.2016

Marina Sula: Soft Power Gabriele Senn Galerie, basement 13.09.2016 – 15.10.2016

Marina Sula: Soft Power Gabriele Senn Galerie, basement 13.09.2016 – 15.10.2016

 

Ausstellungsansicht, Marina Sula – Soft Power, Gabriele Senn Galerie, Wien 2016
Courtesy Gabriele Senn Galerie
Foto: Iris Ranzinger

 

GABRIELE SENN GALERIE
MARINA SULA
SOFT POWER 13.09.2016 – 05.11.2016
Schleifmühlgasse 1A
1040 Wien