Mind-blowing Paintings by Matthias Franz

Pictures by Jens Ziehe und Nick Ash

Innerhalb verträumter Zustände, vollkommen weggetreten, lassen sich Welt und Phänomen fast ungestört betrachten.

Nicht nur Kippenberger stellte seinen frechen Martin in die Ecke, damit der sich was schämte – auch Franz stellt seine Figuren mit dem Gesicht zur Wand in die Ecken von den Räumen in seinen Bildern. Doch ist es Scham, die den in einen feurig roten Mantel gehüllten Cornerboy namens Nihil, wie Nichts, in sich zusammensinken lässt? Oder spürt der arme Boy einfach seine taub gewordenen Beine nicht mehr, vom ewig weilenden Strafstehen in jener Ecke? Die brachiale Erziehungsmethode herrischer Autoritäten lässt die Fußsohlen vor Schmerzen glühen. Doch das Knäul von Hund ist nicht dumm.

Vielleicht ist es ein Zaubermantel, der den Cornerboy unsichtbar macht. Und ganz unbemerkt kann er die Szenen, die sich hinter seinem Rücken abspielen, beobachten – den anderen, und sich selbst, über die Schulter schauen, als Macher und Zuschauer dieser aufflackernden fantastischen Bildwelt.

Ein wichtiger Schauplatz ist die Schule, die Akademie. Erziehung und Zucht sind immer wiederkehrende Motive. Doch zwischen dem Offensichtlichen werden auch noch ganz andere Überlegungen angestellt. Es sind phänomenologische Fragen, die der Künstler in seinen irren Erzählungen aufzeigt und wie ein verträumtes Kind Antworten in genauen Beobachtungen der wunderlichen Geschehnisse und Phänomene seiner Umwelt findet.
Wie und vor allem wo entstehen Bilder? Auf der Leinwand, da, vor der eigenen Nasenspitze? Auf der Netzhaut des Auges? Oder etwa in der Phantasie? Sowohl der Lehrer, wie die Plakatkleberin zitieren in ihren Bewegungen und Akten das technische Handwerk des Malers.

Nur all zu oft und mit Vorliebe stellt Franz seine Figuren von hinten dar, zeigt sie in Reflexionen spiegelglatter Oberflächen oder in auf verwirrend verschachtelte Art voneinander getrennten und gestaffelten Bildräumen, wie in „Retro Extasy“. Albertinische Fensterdurchblicke und virtuell angeschnittene Rahmen lassen einen ins Grübeln kommen.
Und schon befinden wir uns in einem aberwitzigen Gedankenspiel und der*die Betrachter*in ist angehalten, seinen*ihren eigenen Platz im Bildgefüge auszumachen. Wer steht wo, wer ist wer? Wie in Velazquez‘ „Las Meninas“ lädt der rätselhafte Bildaufbau zu höchst philosophischen Überlegungen ein.

Auf dem Podium führt der Professor kunstvolle Stücke auf. Die Tafel wird zum Malgrund und das Werk ist auf jeden Fall poetisch, genauso wie die Choreographie und der Sound, die das Bildermachen begleiten. Und nicht alle Studierenden sind derart anwesend und am Geschehen beteiligt wie der Cornerboy – hier im Gemälde mit dem Titel „Dead Poets“ allegorisch verbildlicht als eine hinter einer Tür zum Klassenzimmer abseits stehende Figur mit gleich drei Augen, die durch ein eingelassenes Glasfenster höchst interessiert der Aufführung folgen.

Sehen, schauen, gucken, kippeln. Und der Blick schweift meditativ durch das übergroße Fenster zur Linken, hinter welchem sich im Freien die Scheinwerfer eines Autos durch das Gestrüpp ihren Weg bahnen. Die sich kreuzenden Lichtkegel, die hier dann doch keinen Gegenstand erfassen, erinnern an schematische Darstellungen der Funktionsweise des menschlichen Sehorgans. Der bloße Blick durch zwei Augen verliert sich im Dunkeln. Der Cornerboy sieht mehr. Mit dem linken und rechten Auge zwinkert er uns zu, mit dem dritten wird begriffen.

Philipp Haverkampf freut sich, Matthias Franz, geboren 1984 in Ilmenau, lebt und arbeitet in Wien, seine erste Präsentation in der Galerie auszurichten.

www.haverkampf.gallery