Mira Anneli Naß – Review: Kalas Liebfried – Selected Ambient Works 85-92 @ Nir Altman

Kalas Liebfrieds aktuelle Einzelausstellung in der Galerie Nir Altman in München trägt den Titel Selected Ambient Works 85-92 – und so verwundert es nicht, dass Besucher*innen mit Aufsetzen der eingangs ausgehändigten Kopfhörer mit den vertrauten Klängen des gleichnamigen ersten Albums von Aphex Twin (1992) in diese eingeführt werden. Bevor der übersichtliche Ausstellungsraum zur Gänze visuell erfasst und damit ein erster Überblick geleistet werden kann, bildet die Musik des irisch-britischen Musikers Richard D. James somit eine Art dynamischen Grundtenor und kompositorische Referenz, die der gesamten (folgenden) Ausstellungsrezeption zugrunde liegt. Das als Schlüsselwerk (post)moderner elektronischer Musik und Wendepunkt des Genres Ambient geltende Album stellt sich so als auditive Basis der präsentierten Arbeit Liebfrieds dar und schafft über Klangtexturen ergänzende räumliche Effekte. Doch Liebfried, der bei Alexandra Bircken, Stephan Huber und Julian Rosefeldt an der Akademie der bildenden Künste in München studierte, lässt die Besucher*innen nicht einfach nur die Original-Tracks hören – vielmehr stellt sich das, was über die Kopfhörer als Teil der Ausstellung mit den Rezipierenden als Klangkörper selbst durch den Raum wandert, schnell als ein Soundstück heraus, das auf vier Samples des Albums basiert, die als Bruchstücke, mit modularen Synthesizern bearbeitet, die Grundlage für ein neues musikalisches Arrangement bilden. Mithilfe dieses gemeinsam mit Simon Lobenhofer produzierten Stücks wird ein zu Beginn diffuser Wahrnehmungsraum kreiert, der sich im Laufe der weiteren Auseinandersetzung zu spezifizieren vermag.

Den Besucher*innen eröffnet sich mit den ersten Schritten in der Galerie damit sowohl auditiv als daraufhin auch visuell ein Raum, in dessen Struktur sich ein merkwürdiger Bruch erahnen lässt, eine subtile Verschiebung des Vertrauten, die das ,Heimeliche‘ zum freudschen ,Unheimlichen‘ werden lässt: Die langen Neonröhren der klassischen Deckenbeleuchtung skizzieren den Raum vom Boden aus und stellen so eine Art beleuchteten Grundriss dar. In dieser angedeuteten Umkehrung der räumlichen Ordnung scheinen die schweren architektonischen Stahlträger eine Art Anker zu bilden, die den uns bekannten Raum in seiner wankenden Stabilität zu stützen vermögen. Der Logik jener sich den Rezipierenden darbietenden (Um)Drehung folgend, befinden sich zudem mehrere im Raum verteilte sockelartige Auswüchse an der Decke, die Display für malerische Objekte darstellen und ein Gegengewicht zu den am Boden angebrachten Leuchtstoffröhren formulieren. Die unterschiedlich großen Tableaus zeichnen sich durch abstrakte Hell-Dunkel-Kontraste aus schimmernden Schichten aus, die in lasierender Farbauftragung diverse Assoziationen wecken: Sie evozieren die Wolkenbilder eines bedrohlich unruhigen und düsteren Himmels, erinnern an Nebelschwaden, den Blick durch ein stark beschlagenes Fenster, die Makroaufnahme einer verschimmelten Oberfläche oder aber die malerische Andeutung einer Traumwelt. 

In dieser Verdichtung ihres intermedialen Gefüges bildet sich in Liebfrieds Arbeit eine narrative Struktur heraus, die unter anderem diffuse Verknüpfungen obskurer metaphysischer Theorien herzustellen vermag: In der Tradition künstlerischer Selbststilisierung und -mystifizierung etwa sei James die Inspiration für einige seiner Musikstücke laut eigener Aussagen im Zuge luizider Träume gekommen, einem Phänomen, in welchem Träumende angeblich in völliger Klarheit die Kontrolle über das Traumgeschehen behalten und damit steuern können. „There is something very strange happening in our skies when we are asleep“: Die sowohl technische Bedingtheit – die modularen Synthesizer heißen „Clouds“ und „Rings“ – als auch narrative Komposition des Soundstücks komplementierend, erzählt eine computer-generierte tiefe Stimme über die Kopfhörer vor technoidem Sound von solch obskuren Phänomenen, „A fallen angel light show in France“ etwa, von „Weather modifications […] in Quebec City“, „A dark spirit in the sky nearby Florida“ oder „A portal in Argentina“, und weckt damit zusätzlich die Assoziation an die zahlreichen Verschwörungstheorien um scheinbar unerklärliche Himmelsphänomene. Mit pseudowissenschaftlicher Rhetorik verspinnen deren Vertreter*innen angebliche Fakten zu absurden Thesen und vermögen meist erst damit eine (angebliche) Sichtbarkeit solcher Phänomene zu generieren: „We‘re surrounded by an obscure ambient.“ So referiert Liebfried zudem auf Erik Saties Definition von Ambient als etwas, das sich losgelöst von traditionellen kompositorischen Logiken innerhalb der Lücke einer räumlichen Ordnung bewegt und stellt diese als einen sowohl medialen als auch sozialen Zwischenraum in den Mittelpunkt seiner Ausstellung. Mithilfe dieses intermedialen und dialektischen Gefüges aus Besucher*innen, Soundstück und der im Galerieraum angeordneten Objekte untersucht Liebfried im Sinne einer sozialen Plastik das, was sich in eben jener gesellschaftlichen Lücke ansiedelt, nämlich die Spuren des Unbewussten, des dionysischen Rauschs, des Träumerischen, das Metaphysische und den ephemeren Körper. In der von Domenico de Chirico kuratierten Ausstellung vermag es Liebfried, den Versuch zu unternehmen, die Arbeit am und im Zwischenraum als eine an das musikalische Genre Ambient angelehnte künstlerische Praxis selbst zu visualisieren und zu etablieren. So erforscht er gleichzeitig die hybriden Entstehungs- und Rezeptionsbedingungen von gesellschaftlichen Assoziations- und Wahrnehmungsräumen und vermag es, diese diskursiv zu befragen.

Review Mira Anneli Naß