Monika Grabuschnigg – In Delirium I Wear My Body

Review: „In Delirium I Wear My Body“ – Monika Grabuschnigg in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden

von Franziska Linhardt

Gespenstisch schwebt ein Dreiergespann Keramikreliefs inmitten des kleinen Studioraums, der gänzlich in surreales Blau getaucht ist, das besonders in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden die Leuchtstoffröhren-Installationen eines Dan Flavins in Erinnerung bringen könnte.(1) Doch Monika Grabuschniggs ortsspezifisches Projekt „In Delirium I Wear My Body“ überwindet kunsthistorische Vaterschaften, indem die Rauminszenierung an das ubiquitär präsente blaue Licht digitaler Screens denken lässt. Ein unnatürliches Licht, das der Netzhaut immerwährenden Tag suggeriert und uns nachts nicht einschlafen lässt, das Farben transformiert und die Kamera überfordert. Wie Motten werden wir von ihm auch in Baden-Baden an und in die Installation gezogen – mit der Erwartung, gleich an der vermeintlich trennenden Glasscheibe abzuprallen.
Die Materialität von Körpern ent- und besteht aus spezifischen Normen, die immer abgeleitet sind aus symbolischen Ordnungen, festgefahrenen Machtstrukturen und beladener Semiotik. Doch was passiert, wenn sich körperliche Zuschreibungen auflösen? Wenn der Körper nur noch getragen wird, wenn er sich über- und wieder abstülpen lässt? Wenn lediglich die Finger den haptischen Zugang zum World-Wide-Web markieren, in dem binäre Hypostasen unklar und individuelle Eigenschaften erweitert werden?
Monika Grabuschniggs Finger dagegen berühren, ja graben sich nahezu durch die Keramik und ihren aktuellen Hype, ihre Nägel hinterlassen dunkle gestische Schlieren in der Vorderseite des Materials, die sich mit den in den Ton gebrannten fleischfarbenen, grauen, blauen Tönen vermischen und aus ihm amorphe Gebilde formen. In den drei an dünnen Gittern frei im Raum hängenden Arbeiten „Computing in between hollow clouds“, „Tantalum melt, sourcing for I“ und „Spellbound by uncertain algorithms“ (alle 2019) könnten eine gereckte Hand, ein in sich windender Körper, schreiende Münder oder taube Ohren als glasierte Reliefs zu erkennen sein. Wenn diese Formen auch für sich stehen – in ihrer Abstraktion wie in ihrem Alleinsein – so scheinen sie in dem Gemenge jedoch aufeinander zu reagieren. Die permanente Kommunikation zwischen ihnen und mit dem Material hat aus den fragilen Singularitäten fluide Formen gemacht, die in ihrem Tanz eingefroren sind und sich in ihrer körperlichen ‚flatness‘ gegenseitig überlappen. Hier ist ein offenes Geflecht von Dissonanzen und Resonanzen, von Lücken und Exzessen in den Ton eingeschmolzen, durch die Zuschreibungen verschwimmen und in denen sich ganz im Sinne Eve Kosofsky Sedgwicks neue Möglichkeitsräume auftun.(2) In ihrem Schwebezustand und der entkörperlichten hüllenhaften Form konfrontieren sie mit der von Karen Barad formulierten „Unendlichkeit von Anderem“(3) und lassen uns das ominöse Virtuell- und doch so Real-Sein nachspüren – die ambivalenten Auswirkungen auf die alltägliche Kommunikation und ein sich veränderndes Verständnis von Körperlichkeit.

1) Dan Flavin tauchte in seiner exakt vor 30 Jahren stattfindenden Ausstellung die Kunsthalle zu Baden-Baden in fluoreszierende Lichtinstallationen. Vgl. Kat. Ausst. Neue Anwendungen fluoreszierenden Lichts mit Diagrammen, Zeichnungen und Drucken von Dan Flavin, Kunsthalle Baden-Baden 1989, Stuttgart 1989.

2) Sedgwick, Eve Kosofsky: Tendencies, Durham 1993, S. 8.

3) Barad, Karen: Berühren – das Nicht-Menschliche, das ich also bin (V.1.1.), in: Kerstin Stakemeier, Kerstin/Witzgall, Susanne (Hrsg.): Macht des Materials – Politik der Materialität, Berlin 2014, S. 163–176; S. 183.

MONIKA GRABUSCHNIGG
In Delirium I Wear My Body
Studioraum 45cbm, Staatliche Kunsthalle Baden-Baden
21. Juli – 15. September 2019

Kuratiert von Benedikt Seerieder
Fotos: Michelle Mantel