Mysteriöse Malerei – Ein Interview mit Sarah Buckner

Von Nelly Gawellek

Die Ausstellung „chances are“ von Sarah Buckner ist eine kleine Entdeckung. Der rohe Atelier-Raum im Kölner Kunibertsviertel bildet ein perfektes Setting für die sensiblen und rätselhaft-anziehenden Gemälde der Düsseldorfer Malerin: zurückgezogen und intim und dabei gleichzeitig sich behauptend kreiert er die Atmosphäre, in die die Arbeiten mit ihren träumerischen Gemütszuständen und zwielichtigen Witterungen zurückstrahlen. 

Ich habe Sarah Buckner zum Gespräch getroffen und spreche mit ihr über das Problem der Oberfläche und die Motive hinter ihren Bildern. 

Kannst du etwas über dich erzählen? Wie ist bei dir der Wunsch entstanden, Künstlerin zu werden und warum hast du dich für Malerei entschieden? 

Das hat sich irgendwie ganz natürlich ergeben. Ich war als Kind schon eher zurückgezogen und habe viel gezeichnet und Aquarelle gemacht, das war damals schon eine Ausdrucksform für mich. Ich glaube eigentlich, dass das bei vielen Künstlern so ist. Und der Weg ging dann irgendwie immer weiter. Meine Mutter ist Italienerin und ich bin nach Palermo gegangen, um mein Portfolio zu machen – und auch um ein bisschen in Italien verloren zu gehen. Dort hat einer der Professoren gesagt: „Was machst du eigentlich hier? Geh nach Düsseldorf, geh zu Oehlen!“ Das war aber nichts für mich, diese Klasse, die Alle mit ihren geputzten Schuhen (lacht). Das war aber auch die Zeit von Doig und Tal R. Doig war die ruhigere Klasse, die anderen waren alle auf Drogen, daher ging ich zu Doig. An Karriere haben wir damals alle nicht gedacht, wir haben das eher romantisiert. 

Die Arbeiten in der Ausstellung „chances are“ sind alle in den letzten Monaten entstanden – gibt es da eine gedankliche Linie, einen Referenzpunkt? 

Ich habe in der Zeit „Alice hinter den Spiegeln“ von Lewis Carroll gelesen, die Fortsetzung von „Alice im Wunderland“. Und parallel dazu Ananda Coomaraswamy, der über traditionelle indische Kunst schreibt. Ich fand das beeindruckend, weil es das genaue Gegenteil von dem ist, wie wir leben. Ein Großteil der Dinge, die uns umgeben, sind industriell hergestellt. Coomaraswamy schreibt aber auch über die Wirkung von Kunstwerken, darüber, dass wir etwas bedeutsam finden, wenn wir eine Schönheit darin erkennen. Aber gerade Coomaraswamy ist sehr komplex, das kann man gar nicht so kurz verhandeln. Ich wollte damit nur andeuten, dass diese Themen und Ideen ihren Weg in meine Arbeit finden. 

Mit der Produktion konnte ich erst spät anfangen, da es im Frühjahr im Atelier noch sehr kalt war, daher war die Arbeit an der Ausstellung sehr intensiv. Am Anfang muss ich mich immer erstmal freischlagen und dann bringt mich eigentlich ein Bild zum Anderen. Das Bild, mit dem ich angefangen habe, war in diesem Fall ein sehr abstraktes, dunkelviolettes. 

A propos „abstrakt“: Was mich an den Arbeiten in der Ausstellung beeindruckt hat, ist die Leichtigkeit, mit der du zwischen Abstraktion und Figuration hin- und herspringst. Beides wirkt bei dir absolut souverän und selbstverständlich. In der Malerei hat man oft den Eindruck, dass das eigentlich eine Grundsatzentscheidung ist, ein Entweder-Oder… 

Die Leinwand ist immer weiß und ich bin jedes Mal auf der Suche. Wie legt man einen Grund an für ein Bild? Ich habe mir in letzter Zeit angeschaut, wie andere Maler das machen. Munch zum Beispiel, der ja gerade auch in Düsseldorf zu sehen ist, malte oft einen Untergrund in warmen Farben und malt dann in kalten Tönen weiter. Mich interessiert erstmal, wie Farben funktionieren oder auch Räumlichkeit. Was dabei dann herauskommt, kann ich mir aber auch gar nicht immer aussuchen. Es passiert einfach, wenn man dann „zu Potte kommt“, wie man so schön sagt. Allerdings gibt es natürlich schon eine Absicht, die dahintersteht. Ich probiere das dann auf Papier aus, wo eher eine Leichtigkeit da ist, als bei den Gemälden. 

Woher stammen deine Motive? Einige wirken ziemlich alltäglich, aber dabei doch irgendwie surreal, fantastisch.  

Auf einem Gemälde sieht man zwei Kinder, die in einem Park spielen. Den Park sehe ich aus meinem Atelier und ich habe ein Foto gemacht. Mit hat es gefallen, wie unbefangen und versunken die Kinder spielen. Die Szene hat mich an diesen schwedischen Vampirfilm erinnert, der eine ganz besondere Stimmung hat (Låt den rätte komma, 2008). Es dämmert und ist zwielichtig. Das Gemälde mit dem Pferd zum Beispiel ist ein sehr persönliches. Es war irgendwie eine schwere Zeit und dieses Künstlersein ist ja auch einfach hart, weil es schon so viel gibt. Ich habe da versucht, mit diesem Druck klarzukommen. 

…Trotzdem versetzt einen das Bild nicht in Stress, wenn man es sieht.

Nein, das Bild geht ja durch ganz viele – grausame – Stadien (lacht) und das ist ja eigentlich etwas Tragisches, einfach trotzdem weiterzumachen. Durch das Bild wurde aber dann am Ende wieder klar, dass alles wunderbar ist, wie es ist. Das Bild gibt mir eine Antwort aus sich selbst heraus. Es ist manchmal ein bisschen wie ein Spiel, das man mit oder gegen sich selbst spielt, eine Art Solitär… 

Gerade weil es schon so viel gibt in der Malerei, habe ich erstmal versucht, für mich etwas sehr Unschuldiges zu finden. Ich habe mich daher auch bewusst entschieden, etwas sehr Gegenteiliges zu dem zu machen, was aktuell viele Künstlerinnen machen, die sich mit Feminismus und Genderthemen beschäftigen. Ich finde es toll, wenn jemand so arbeiten kann, aber ich will das in meinen Bildern nicht verhandeln. Es wird heute vielleicht sogar fast schon erwartet, gerade von weiblichen Künstlerinnen, und das Thema ist sehr aufgeladen. 

Vielleicht wäre das dann auch „zu viel Thema“ für deine Arbeiten… Es kam mir beispielsweise so vor, als wären ´die Papierarbeiten, bei denen das Motiv sehr zurücktritt das experimentellere Medium, ohne dass ein Thema „im Weg steht“. Das wird dann auch manchmal etwas unordentlich und chaotisch, wohingegen die figürlichen Gemälde sehr fein sind und die Farbe als Material hinter das Motiv zurücktritt. 

Eigentlich ist es genau umgekehrt (lacht). Die Papierarbeiten sind der Rahmen, in dem man genau das erhalten kann, was man möchte. Bei der Malerei passieren oft Dinge, die man nicht unter Kontrolle hat. Bei dem Gemälde, das ein bisschen aussieht wie ein Buch, wollte ich zum Beispiel etwas ganz anderes und das hat dann nicht funktioniert. Gleichzeitig war das eine schöne Parallele zu dem Buchtitel „Alice hinter den Spiegeln“: Malerei ist eigentlich wie ein Spiegel – eine Fläche, hinter die man blicken kann. Ein Raum, der einem die Illusion eines „Dahinters“ gibt, aber man bleibt doch immer auf der Oberfläche. 

Courtesy (Ermes-Ermes und Sarah Buckner)

Die Ausstellung „chances are“ ist bis zum 8.11. zu sehen. 

Ermes-Ermes c/o Michael Trier
Thürmchenswall 72
50668 Cologne

Öffnungszeiten: Mittwoch – Freitag, 14.30 – 18.00
Finissage 09.11.2019, 19-22 Uhr
Oder nach Vereinbarung (Paulina Seyfried: studio@sarahbuckner.com)
info@ermes-ermes.com

www.ermes-ermes.com

Sarah Buckner lebt und arbeitet in Düsseldorf