Niko Abramidis &NE – MYST ECON

Niko Abramidis & NE hat eine große Vorliebe für die Codes und Bildsprache von Großunternehmen, die er imitiert, indem er sich eigene Logos und Signets ausdenkt. Ausgeprägt ist zudem seine Leidenschaft für den „Central Business District“. Dessen Benennung allein reicht schon, um lebhafte Bilder von der kühlen, aufgesetzten Atmosphäre der ökonomischen Zentren dieser Welt in uns zu wecken. Der zentralen Schaltstelle eines fiktiven Unternehmens widmet Abramidis einen eigenen Bereich in seiner opulenten Installation in KAI 10 und staffiert einen Schreibtisch mit diversen Herrschaftssymbolen aus – etwa der kleinen Skulptur des Anubis, dem altägyptischen Gott der Totenriten und der Mumifizierung. Das, und ein paar blank geputzte Schnürschuhe vermitteln ganz klar: hier sitzt normalerweise der Chef, der die Geschicke des Unternehmens lenkt und die verschiedenen Offshore-Schauplätze seines Imperiums mittels einer 3D Animation im Blick hält.
Abramidis gründet seine Arbeiten auf ein beeindruckendes Wissen über ökonomische Prozesse und ist sich der tiefgreifenden Transformationsprozesse bewusst, die gegenwärtig unsere Art zu Leben und zu Arbeiten verändern. Eine Faszination an data refinery und time compression sowie am Kapitalismus als dem westliche Erfolgsmodell des Wirtschaftens wohnt diesen Arbeiten des Künstlers schon inne, die aber gleichwohl keine plumpe Affirmation sind. Dazu sind die Brüche in Abramidis künstlerischem Kosmos viel zu augenfällig, sind Farben und Muster zu schrill oder psychedelisch anmutend oder die Formensprache der Signets zu eigensinnig, in ihren krakeligen Umrissen zu individuell geschöpft.
Aus diesen Werken spricht eine andere Gewissheit: Ein Agieren außerhalb der Prämissen der monetären Wertschöpfungskette und außerhalb des Einflussbereichs von Unternehmen, die uns Orientierung, Sicherheit und Identität bieten, wird zunehmend schwerer. Die Konsequenz, die Abramidis daraus zieht, ist, dass er selbst in einer Art fiktivem Unternehmen agiert und seine künstlerischen Arbeiten voller Kommentare auf die Welt des ‚Big Business‘ stecken. Vor diesem Hintergrund scheint es logisch, dass der Künstler hinter seinem Namen ein Kürzel gesetzt hat, das nach mehr klingt als einer singulären Künstlerexistenz, sondern nach Größe und Einfluss und man an ein Kollektiv denkt, das sich hinter der ‚Marke‘ verbirgt. Niko Abramidis & N.E. steht für New Entity, was sich am ehesten als „neue Einheit“ oder „neues Dasein“ übersetzen lässt und die Seriosität und Verlässlichkeit eines Unternehmens heraufbeschwört.
Bei näherer Betrachtung zeigen sich jedoch die Risse in der Fassade und die Doppelbödigkeit seines selbst geschaffenen Imperiums, in dem Seriosität und Ironie gleichermaßen zu hause sind. Manche der Zeichnungen sind mit Kommentaren versehen, die orakelhaft auch die Hybris und Fallstricke des Kapitalismus und seiner Werte beschwören. In ihnen stehen archaische Formen neben futuristisch anmutenden Landschaften, zeigen sich Herrschaftssymbole ins Groteske übersteigert oder wird der Blick gelenkt auf die Brüche in der Fassade der wirtschaftlichen Tempelbauten.

Julia Höner

www.kaistrasse10.de