Staatliche Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe #3 – Nils Weiligmann

Nils Weiligmann studierte ab 2012 an der Akademie der bildenden Künste in Karlsruhe
Malerei und Grafik bei Prof. Leni Hoffmann. Zuvor lernte er an der Hochschule Kunst, Design und populäre Musik bei Ben Hübsch. Im Jahr 2015 wurde er mit dem Akademiepreis der Akademie der bildenden Künste Karlsruhe ausgezeichnet. 

Wie bist du zur Kunst gekommen?

Ich hatte schon früh im Kopf irgendwie so etwas zu machen. Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen, da gab es immer irgendetwas selber zu bauen, wie beispielsweise eine Hütte. Es war Arbeit mit den Händen. Mein Großvater war immer am Schnitzen und ich habe ihm dabei zugesehen, geholfen und selbst gezeichnet. In der Schule wurde man dann irgendwann gezwungen ein Praktikum zu machen, das ich bei einem Künstler gemacht habe. Seine Art zu arbeiten gefiel mir nicht besonders gut, aber so wie er gelebt hat, das wollte ich auch. Es bedeutet an Sachen zu arbeiten und sich mit Dingen zu beschäftigen, die einen wirklich interessieren und begeistern und es dabei keine Vorgaben gibt. 

Worin findest du dein originäres Faszinosum?

Mein Interesse liegt hauptsächlich bei den Dingen, die man auf der Straße findet und entdeckt. Zum Beispiel wenn jemand versucht hat etwas provisorisch zu reparieren. Das sieht oft schon ziemlich gut aus. Aber auch Bildwelten aus Plattencovern und B-Movies interessieren mich. Die billigen Kulissen aus Kung-Fu Filmen beispielsweise, geben mir Ideen. Nicht zu vernachlässigen ist aber auch die Materialauswahl die ich treffe. Das Material spielt eine große Rolle für mich und schafft es eine gewisse Spannung oder Intervention in den Werken entstehen zu lassen. 

Durch dein Atelier zieht sich eine Mauer. Was hat es damit auf sich?

An „Dis_brrr“, den Mauern, arbeite ich schon seit längerer Zeit. Diese hier ist aber die erste, die tatsächlich steht. In ihr sehe ich viele meiner Ideen vereint. Sie ist ein architektonisches Fragment, das sich als Plastik im Raum behauptet. Der Schaumstoff, die Ziegel aus Schaumstoff, stellen das Mauer-Sein wiederum in Frage. Die Fugen bilden eine Art plastisches Grid und erinnern an Malerei. Naja, vielleicht ist es auch eine Mauer geworden, weil jeder Faschist auf der Welt, wieder nach Mauern und Grenzen ächzt. 

Ja, neben ihrer ästhetischen Wirkung bildet die Idee der Mauer definitiv ein politisches Moment. 

Und wie ist das blaue Tableau mit den Brandspuren entstanden?

Die blaue Arbeit mit den Brandspuren ist aus Plexiglas gefertigt, das ich angeschmolzen und umgedreht habe. Die Farbe stammt von einer gummiartigen Isomatte. Ich denke jeder kennt Kaugummiautomaten und wahrscheinlich auch das Bild, wie jene aufgeschmolzen wurden um den ganzen Inhalt zu plündern und leer zu räumen. True crime…

Eine Geste der Zerstörung, die sich in deinen Arbeiten wiederspiegelt. Was generierst du daraus?

In meinen Arbeiten spielt Zerstörung tatsächlich eine wichtige Rolle. Ich würde sie als eine schöpferische Zerstörung bezeichnen. Somit generiert die Zerstörung das Entstehen einer neuen oder erweiterten Eingebung. Das Angreifen der Oberflächen, ihr Zerschneiden und Zerstückeln, gibt den Materialien die Möglichkeit sich in ihrer Erscheinungsform zu wandeln. So erscheint dann beispielsweise schweres Material unversehens leicht und Weiches wird starr. Zerstörung trägt auch immer das Prozesshafte in sich.

Auch nach dem Aufbau mancher Objekte und Bilder entstehen weitere Zerstörungsprozesse. Manche meiner Arbeiten sind nur temporär und ermüden, brechen und klappen in sich zusammen. Sie entwickeln eine Art Eigenleben, das aber wiederum endlich ist. Zudem bekommen die Werke eine andere Erscheinungsform, zum Beispiel wenn sie als Haufen oder in zwei Teile gebrochen gezeigt werden. Das sind dann sozusagen Alternativpräsentationen, die in den Arbeiten angelegt sind.

Folglich trägst du einen Kampf aus oder deine Werke scheinen zu kämpfen. Stimmst du dem zu? 

Das Wort Kampf beschreibt vieles in meiner Arbeit ganz gut. Die werke kämpfen mit sich selbst, mit ihrer Form und mit ihrer Zeit. Der Kampf findet zuerst beim Aufbau statt. Dabei werden die Materialien unter Spannung gesetzt und die verschiedenen Stoffe, die sich gegenseitig eigentlich nicht dienen werden zusammengezwungen. Die Werke ermüden während der Ausstellung irgendwann und hängen dann wie angeschlagene Boxer in den Seilen.

Ich musste irgendwie an Roths „Menschlichen Makel“ denken als ich dein Werk gesehen habe: „Die Berührung durch uns Menschen hinterlässt einen Makel, ein Zeichen, einen Abdruck. Unreinheit, Grausamkeit, Missbrauch, Irrtum, Ausscheidung, Samen – der Makel ist untrennbar mit dem Dasein verbunden“. Das hat mich fasziniert. 

Das Zitat ist interessant. Das einschreiben in Materialen ist ein künstlerischer Akt, vielleicht könnte man Makel dazu sagen. Da gehe ich mir dir konform. Dennoch scheint der Makel stark negativ konnotiert, wobei die Begriffe Perfektion, Reinheit und das Absolute mich wiederum abschrecken. 

Ich danke dir für deine Zeit Nils. 

Interview Luisa Schlotterbeck
Pictures Neven Allgeier