Nschotschi Haslinger – Paradise Circus @ Limbo, Berlin

It’s unfortunate that when we feel a storm
We can roll ourselves over when we’re uncomfortable
Oh well, the devil makes us sin
But we like it when we’re spinning in his grip
Love is like a sin, my love,
For the one that feels it the most
Look at her with a smile like a flame
She will love you like a fly will never love you
Again

Massive Attack, Paradise Circus (2010)

Zum Auftakt zeigt Limbo mit Paradise Circus eine Ausstellung von Nschotschi Haslinger. Das Werk der Künstlerin umfasst Malerei, Skulptur, Zeichnung und Performance, wobei Motive aus den einzelnen Bereichen diese transzendieren und wechselseitig aufeinander beziehen. In Malerei und Zeichnung entfaltet sie Szenarien, die Menschen oder menschenähnliche Figuren in leicht entrückten Alltagsumgebungen oder undurchdringlichen Landschaften darstellen und mithilfe verfremdender, sich auf das Surrealistische und Groteske beziehende, Strategien Momente von subjektbezogener Identitätskonstruktion, Transformation und Maskierung thematisch werden lassen. Dabei legt sie narrative Fährten – mal zu Reflexionen des Daseins als Künstlerin, mal zu rätselhaften Ritualen – ohne dass ihre uneindeutigen Wesen eine einheitliche Erzählung einlösen. Die Keramiken der Künstlerin greifen häufig Elemente aus diesen Arbeiten auf oder werden ihrerseits als solche auf Papier überführt.

Seit 2018 entsteht mit den Brennenden Taschen eine Reihe von unterschiedlichen Handtaschen aus gebranntem und im Anschluss glasiertem Ton, für die Haslinger eigene Sockel aus Styropor entwirft und mit Gips ummantelt. Aus dem Inneren der leicht geöffneten Brennenden Taschen II & III ragen orangerote, züngelnde Flammen hervor. Grobgliedrige, schwer wirkende Ketten dienen als Trageriemen und werden jeweils von zwei Henkeln ergänzt, bei einer Tasche ist ein fein gearbeiteter Reißverschluss zu sehen. Trotz der lodernden Flammen scheinen die Taschen noch intakt und unversehrt. Was die Flammen jedoch im Inneren bereits verzehren, bleibt unsichtbar.

Ihren Bezug auf das Private, erweitert das Motiv der Handtasche in ihrer Variante als Luxusobjekt, wie sie von den Boutiquen den Kurfürstendamm entlang in aller unnahbaren Erhabenheit inszeniert wird. In dieser Form deutet sie auf die strategische Konstruktion von Begehren, Fetischisierung und die Sexualisierung des Konsums, die verführt und Lust immer wieder aufs Neue zu stimulieren versucht. Doch heute und im Falle von Haslingers Tasche steht mehr auf dem Spiel. Die Gegenwart im Zeichen von Postfordismus winkt mit dem Versprechen auf Selbstverwirklichung und hält zugleich die permanente Verwertung und Ausbeutung des Selbst bereit, die das Leben durchdringen. Arbeit und sein vermeintlich Anderes sind längst nicht mehr trennscharf zu unterscheiden. Zugleich lassen die Arbeit am Selbst und der Authentizitätsdruck das Subjekt wanken. Seinen vertrauten Griff in die eigene Tasche mit all seinen privaten Vergewisserungen kontert Nschotschi Haslinger mit einem unheilvoll scheinenden Feuer in einem Spannungsfeld zwischen Lust, Burnout, höllengleicher Unausweichlichkeit und Zerstörung. Der von Hand gefertigte Sockel stellt die authentischen Spuren seiner Herstellung stolz zur Schau. Was am Boden der Tasche verglüht, ist vielleicht auch kathartisch befreit.

Ausstellungen (Auswahl): May the Bridges I burn light the Way, Manifesta 12, Palermo, 2018; Lübeck sammelt I, Kunsthalle St. Annen, Lübeck, 2017; Ruhe-Störung, Streifzüge durch die Welt der Collage, Marta Herford, Herford, 2013; DEAD Lines, der Tod in der Kunst – Medien – Alltag, Von der Heydt – Kunsthalle, Wuppertal, 2011; Ruine des Antlitzes, Mönchehaus Museum für moderne Kunst, Goslar, 2011 (solo).

Limbo ist ein temporäres Ausstellungsdisplay im öffentlichen Raum, das eine der vielen Glasvitrinen auf dem Kurfürstendamm am Lehniner Platz nutzt. In wechselnden Präsentationen zeigt Limbo Arbeiten zeitgenössischer Künstler*innen und greift das Motiv der Vitrine als eine kulturell kodierte Präsentationsweise mit spezifischen Effekten wie Begehrenskonstruktion und Fetischisierung auf. Zugleich ist das Display immer auch Bühne und markiert einen Möglichkeitsraum.

Ein Projekt von Viktor Hömpler

displaylimbo.de