Olga Holzschuh – I wish you were different

In Carceral Capitalism von 2018 beschreibt Jackie Wang zeitgenössische Einzel-haftmodelle und Inhaftierungsverfahren, die seit den 1990er Jahren vorrangig in den USA praktiziert werden. Jugendkriminalität, korrupte Polizeiarbeit und ökono-mische Systeme von Geldstrafen bis Kreditschulden werden darin verhandelt, um Machtgefüge zu artikulieren und scharfe Kritik am rassistischen Kapitalismus unse-rer Regierungen zu üben. Olga Holzschuh (geb. 1985 in Ungarn, lebt und arbeitet in Köln) eignet sich Momente und Symboliken darin implizierter hierarchischer Strukturen an und verdichtet sie bei KOENIG2 in der raumgreifenden Installation I wish you were different – ihre erste Einzelausstellung in Österreich. Zeichenhaft treten darin unsichtbare Mechanismen aus dem öffentlichen und privaten Raum in Erscheinung, öffnen einen Diskurs über systemische Regulierung und die Affekte und Rituale, die ihnen entgegentreten.

Der Ausstellungsraum ist zur Gänze in ein intensives Rosa getaucht, dessen beru-higende bis sedierende Wirkung psychologisch gewählt wurde. Spezielle Gefäng-niszellen werden in diesem Ton gestrichen, um besonders aggressive oder gewalt-tätige Insassen zu beruhigen und emotional zu stabilisieren. Unter dem Na-men Cool Down Pink ist die Farbe in der Schweiz patentiert, jedoch gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis der tatsächlichen Wirkung. Seinen Ursprung fand dieser Trend von Affektsteuerung in den 1960er und 1970er Jahren. Alexander Schauss setzte sich mit dem Phänomen auseinander und entwickelte das soge-nannte Baker-Miller Pink, welches er nach den Gefängnisdirektoren des Naval Cor-rectional Institute in Seattle benannte (da die Anstalt als erstes Testfeld für die Er-probung gilt). Mittlerweile dienen Variationen der Farbe u.a. der Ausgestaltung von Psychiatrien, Sicherheitszellen und Schutzräumen.

Sinnlich verdichtet sich diese Farbe zur Essenz einer komplexen Emotionskontrolle. Diese wird in heutigen Gesellschaften besonders im privaten Bereich zum Selbst-schutz und zur Optimierung der eigenen Performanz angestrebt. Auf Verwundbar-keit und Anspannung sowie Stärke deuten so auch die fotografischen Darstellun-gen einer speziellen, entblößten Hautpartie, welche durch die Neigung eines Kopf-es entsteht: der Nacken. In Holzschuhs reduzierten Aufnahmen zeigt sich die Kör-perstelle in einer unheimlichen wie auch verführerischen Präsenz, als Schnittstelle zwischen Geist und Körper und als Sinnbild für Macht und Ohnmacht, die sich an ihr manifestieren können. Es ist der menschliche Körper, der im Vordergrund von Holzschuhs Investigation steht – als Schnittstelle zwischen autoritärer Kontrolle, Resilienz, Aktivität und Fragilität.

Ausgehend von den Veränderungen, die im Denken, Handeln und Fühlen unter Kontrollmechanismen entstehen, entwickelt Olga Holzschuh Zeichenanordnungen für das Nachdenken über Gegenwart und Zukunft. Diese Manifestation nimmt auch im digitalen Raum merklich zu. In fotografischen Arbeiten sowie in Videos, Objekten und Installationen werden Gesten und Posen verhandelt, die zwischen scheinbar unvereinbaren Gegensatzpaaren oszillieren: Macht(-losigkeit), Aktivität und Passivi-tät, Schutz(-losigkeit), Gewalt(-freiheit), Fragilität und Stabilität. I wish you were diffe-rent, der Titel der Schau, changiert zwischen Vorwurf, Drohung und vielleicht utopi-schen, melancholischem Wunsch. Er trägt eine dunkle Vorhersehung persönlicher Destabilisierung in sich, zeitgleich den Idealismus einer sentimentalen Bitte, und stellt die wesentliche Frage, ob jemand oder etwas in der Lage ist, sich grundle-gend zu ändern.

Die Ausstellung findet im Rahmen des Festivals Foto Wien (20. März – 20. April 2019) unter dem Titel Bodyfiction statt.

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