Philipp König

Es ist kaum von der Hand zu weisen, dass unsere mediale Wahrnehmung von Geschichten und Bildern geprägt ist, die scheinbar gesellschaftspolitische Anliegen als Vehikel verwenden um ideologische Agenden zu verbreiten. Seien es Chemtrails — die Verschwörungstheorie, die besagt, dass wir durch Kondensstreifen vergiftet werden, oder die Übergriffe in der Kölner Silvesternacht, Angst ist die «Währung», mit der zunehmend rechtspopulistische Bewegungen ihre UnterstützerInnen und AnhängerInnen lukrieren. Aber auch okkulte und spekulative Praktiken haben im rechten politischen Spektrum lange Tradition — man denke an den «braunen Okkultismus» der NS-Zeit, in welchem die Mythifizierung der nationalsozialistischen Gesinnung durch die energetische Unterstützung von Aliens vorangetrieben wurde, oder die Erfindung der «Reichflugsscheibe», die es der nationalsozialistischen Elite ermöglichen sollte, nach Neuschwabenland auszuwandern und neues Terrain zu erobern.
«This is ultraviolence, ultraviolence. I can hear sirens, sirens» — dass der Begriff «ultra violence» nicht nur von Sängerin Lana del Ray in einem ihrer gleichnamigen Lieder verführerisch ins Mikrofon gehaucht wird oder in Anthony Burgess
Buch «A Clockwork Orange» auftaucht, sondern alarmierender Teil unserer Realität und deren unterschiedlicher medialer Verwertungssysteme ist, nützt Philipp König als Ausgangspunkt seiner künstlerischen Praxis. König bedient sich jener Relikte und Narrative der Alltags-, Sub- und Popkultur, die mit einer zunehmenden Vereinfachung und Verflachung durch mediale, meist rechte, verschwörungstheoretische Diskurse einhergehen. Von diesen Kontexten isoliert und fragmentiert fügt er diese in Form von Objekten, Symbolen und Bildern im Ausstellungsraum wieder zusammen und öffnet sie so einer Rezeption, die dem/r BetrachterIn assoziative Lesarten ermöglicht — abseits jener Codes und Weltanschauungen, die sie zu Stellvertretern der jeweiligen Subkulturen und gesellschaftlicher Gruppierungen machen. In einer Kabinettähnlichen Anordnung dient eine Podestkonstruktion als Bühne, auf der die Elemente «beleuchtet» werden. Lässt dies auf den ersten Blick an klassische museale Präsentationen erin- nern, ist es die Farbe des Lichts, die sich, auf Geräusche reagierend, immer wieder selbstständig verändert. Als Gegenstücke zum Podest fungieren eine Drahtskulptur aus organischen Verformungen und ein «objects trouvés», das König beim Umherstreifen und Erkunden während seines dreimonatigen Aufenthalts in Bellwald und Umgebung gefunden hat. Teile einer Vogelfigur und eine Skizze von einem keltischen Tribal, das an jene tätowierten Oberarme denken lässt, die bei Pegida-Demonstrationen in die Höhe gehalten werden. Und es sind die Schatten dieser Objekte, die andere Bilder erzeugen, als wir auf den ersten Blick wahrnehmen. Proportionen erscheinen verändert, Dinge wirken grösser, geben anderes vor, als sie tatsächlich sind. Die metallische Oberfläche des Objekts steigert das Spiel von Reflexion und Projektion. Ein weiteres Element, das in seiner Ästhetik an Vermummungen bei Demonstrationen oder Mobs, militärische Tarnung, aber auch Objekte des dadaistischen Theaters eines Cabaret Voltaire erinnert, sind Masken aus Pappmaché, deren silbrige Oberfläche die Headlines tagespolitischer Themen, gedruckt auf den verwendeten Zeitungspapieren, durchscheinen lässt. Sie geben Geschichten preis, gleichzeitig anonymisieren sie, stehen für sich allein durch starre Mimik und geometrische Form. Welche Geschichten entstehen durch diese Bilder und Objekte, welche Geschichten blenden sie aus? Welche sind real, welche fiktiv? Philipp König führt in Zusammenarbeit mit dem Künstler Axel Töpfer in einem Fotoessay diese multiplen Assoziationen weiter. In serieller Anordnung zeigen sie ab dem 20. April integriert in die Ausstellung Fotografien, die in Bellwald entstanden sind. Verkleidet mit den selbstgebauten Masken, sich in der Landschaft verlierend streift König durch die Natur. Auch hier stossen wir, betont durch den performativen Charakter seiner Posen, immer wieder auf Orte, die an okkulte Stätten erinnern lassen. Mediale Oberflächen — Bilder, Geschichten, Erinnerungen — wandeln sich zu physischen Elementen durch Aneignung und Verfremdung. Die Konstruktion von Identität und (politischer) Macht wird in Philipp Königs installativer Arbeit zur Disposition gestellt und verdichtet sich kaleidoskopähnlich zu unterschiedlichen Bildtableaus, deren Koordinaten zwischen Realität und Fiktion liegen.

Text von Amelie Zadeh

 

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Bildschirmfoto 2016-05-07 um 09.44.11

 

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Cabane B
Kunstraum beim Bahnhof BÜMPLIZ/BETHLEHEM
Philipp König
U.LT.RA VIOLENZ 2015
13. April — 04. Mai
Mühledorfstrasse 18
3018 Bern