Review
George Rouy

Maelstrom

Die Aktmalerei des britischen Künstlers George Rouy ist großformatig, düster und von einer fluiden, amorphen Formensprache durchdrungen. Ton in Ton verschmelzen die deformierten Figuren mit ihrem Umfeld und zeigen, wie statisch und dynamisch, verschlungen und entgrenzt Körper und ihre Definitionen sein können.


George Rouys erster Impuls mündet bei jedem neuen Bild zunächst in einer Photoshop-Skizze an seinem Computer. Erst nachdem er seine Idee digital konstruiert hat, greift er zu Pinsel und Leinwand. Das überrascht, denn die runden Figuren seiner Bilder erinnern zunächst an die Formensprache Picassos, Matisses oder Chagalls. Man könnte einen nostalgischen Schulterblick gen Moderne ahnen. Mit etwas Mut zum Detail entlarvt man aber schnell die digitale Logik, die Rouys Werken zugrunde liegt. Jeder Akt ist von mehreren Ebenen durchzogen. Hintergrund, Farbe und Kontur sind Ebene für Ebene aufgetragen, als könnte man ihre jeweilige Präsenz mit einem Klick bei Photoshop aus- und einblenden. Teils stechen die skizzenhaften Gesichtszüge und Geschlechtsmerkmale aus dem matten Untergrund hervor, kreieren Bewegung und Begehren, wo Stillstand herrscht. Andernorts bleibt es matt, still, harmonisch oder angespannt. Die düsteren Farben lassen die Sujets subtil, blass, unbehaglich, und dennoch kaum lethargisch wirken. Vielmehr sind sie entschlossen, ekstatisch aber inmitten eines Tableau Vivant, zur Statik angehalten. Dass George Rouy Ton in Ton arbeitet, lässt die amorphen Körper mit ihrer Umwelt verschmelzen. Das dunkle Rosa verläuft ins Bordeauxrot und schließlich in einen rostigen Braunton. Die Figuren schmiegen sich an ihr Umfeld an, werden Teil des Ganzen und heben sich dennoch nuanciert ab. Eine ästhetische Farb- und Formensprache, die einen Idealzustand formuliert – denn der Körper ist als Produkt politischer wie soziokultureller Verhältnisse immer noch das Objekt vieler Kulturkämpfe. Zwar verwandelte sich die Definition des Körpers in der Theorie mit Judith Butler in den 1990ern von einer unverfügbaren Entität in ein fluides Konstrukt, das seine Bestimmung erst durch gesellschaftliche Kontexte erlangt. Das dichotome Korsett von männlich/weiblich, samt seiner gesellschaftlichen Rollenzuschreibungen, gilt dennoch vielerorts noch als Norm. Die fluiden Körper von George Rouy, die Gender, Form, Disposition, Widerspruch, Harmonie und ständige Transformation durchkreuzen und sich von ihrem Umfeld zugleich absetzen, wie in sie einfügen, entsprechen dem Freiheitsideal, für das die Queer Theory sich engagiert: Die Schönheit der Dissonanz. Rouy führt den Betrachter subtil in offene Szenen der Diffusion, Begegnung und Lust. Die Stärke seiner Arbeiten liegt in der ästhetischen Erfahrung des Betrachters, nicht einem politisch formulierten Apell. Ein Ansatz, der in der zeitgenössischen Kunst rar erscheint. Gegenwärtig sind dokumentaristische Ansätze wesentlich dominanter. So will Wu Tsang beispielsweise durch das Aufzeigen verschiedener Realitäten, wie z.B. dem Alltag einer sich als nicht-binär identifizierenden Person oder einer Person mit Migrationshintergrund, die Wahrnehmung des Betrachters mittels neuer Perspektiven weiten.

George Rouy hingegen verlässt sich auf die ästhetische Kraft der Kunst. Er erlaubt dem Betrachter durch die ästhetische Erfahrung ein größeres Spektrum an Fantasie und Vorstellungsvermögen und erschafft damit einen freieren Begriff von Körperlichkeit, als die Realität zu bieten hat. Die sich windenden, deformierten Körper sind schlicht was sie sind, oder in diesem Augenblick werden, sie sind frei von Normen und Kategorien. Man lernt den Körper als etwas fluides verstehen. Ein Verständnis, das mit Sprache kaum zu formulieren ist, da jedes Wort und jeder Begriff nur neue Kategorien bildet, die es schließlich erneut zu brechen gilt. Die ästhetische Rezeption hingegen, lässt uns den grenzenlosen, sich stets transformierenden Körper erfahren. Dass George Rouy nach eigenen Angaben das Körpergefühl und den Vibe der Londoner Club Szene in seinen Gemälden observiert, überrascht nicht. Gerade diese Subkultur verspricht, mit den dumpfen, fließenden Klangströmen das Subjekt und dessen Körper für ein paar Stunden aufzulösen. Es ist genau jene Schönheit der Diffusion und Dissonanz, die Rouys Aktmalerei zu so starken, zeitgenössischen Szenarien des Begehrens macht.