Review
Elisaveta Braslavskaja, Immanuel Birkert

Braided Water

Review: Metamorphosis. Elisaveta Braslavskaja und Immanuel Birkert bei Sotheby's von Seda Pesen


Immanuel Birkert, Ohne Titel, 2020
Immanuel Birkert, Ohne Titel, 2020
Elisaveta Braslavskaja, Braided Water I + III, 2020
Elisaveta Braslavskaja, Braided Water II, 2020
Braided Water II, Detail
Elisaveta Braslavskaja, Miniatur II, 2020
Immanuel Birkert, Ohne Titel, 2020
Immanuel Birkert, First Sun (3), 2020
Immanuel Birkert, First Sun (3), 2020
Immanuel Birkert, First Sun (3), 2020
Immanuel Birkert, Riverscape (1), 2020
Immanuel Birkert, Riverscape (2), 2020
Elisaveta Braslavskaja, Plate III, 2020
Elisaveta Braslavskaja, Plate I, 2020

Die Metamorphosen Ovids‘ sind Geschichten von Verwandlungen zu Vollendungen: wo vorher Unbestimmtheit und Chaos herrschte, entstand durch das Umreißen die Form, aus der Form das Sein.1 Die Wirklichkeit wird so als endlose Aneinanderreihungen von Metamorphosen eingefasst; Zeit, Raum, Leben befänden sich demnach in dem ständigen Modus der unaufhaltsamen Verwandlung. Mit der Ausstellung „Braided Water“ in den Räumen der Frankfurter Dependance des Auktionshauses Sotheby’s setzen Elisaveta Braslavskaja und Immanuel Birkert Metamorphosen in den Fokus ihrer künstlerischen Überlegungen.

Den neobarocken Flur durchschritten begegnen in dem links flankierenden Saal zwei kleine Beinpaare, auf dem Boden stehend sowie auf einem Sockel platziert. Sie stehen im Kontrapost, üblicherweise eine beliebte Pose der Skulpturen der klassischen Antike. Die Tonkeramiken muten wie Holz an, sie verbergen ihre eigentliche Materialität durch gekonnte Eingriffe. Feine Furchen und Ritzen imitieren eine naturnahe Oberflächenstruktur, an den Seiten wachsen Zweige mit grünen Blättern. Birkert hat reale Zweige gepflückt und in die Skulpturen gesteckt. Im Laufe der Ausstellung werden die Blätter vergilben und auf den Boden fallen, der Baum wandelt sich mit der verstrichenen Zeit. Die auf dem Sockel platzierte Skulptur hat einen angeschnittenen Fuß, der sich als technische Behauptung zeigt und die Materialtäuschung aufrechterhalten will: getreu eines realen Anschnitts sind kleine Jahresringe und das Frühholz des menschlichen Baumes zu sehen. Sie erinnern als hybride Mischform aus Menschlichen und Natur, an mythologische Fabelwesen, aber wohl auch an Ovids Erzählung über Apoll und Daphne, die Verwandlung letzterer zu einem Lorbeerbaum, der nach seiner vollständigen Verwandlung wie ein Fetischobjekt von Apoll geliebt und verehrt wurde. Birkerts Skulpturen entziehen sich dieser Möglichkeit des Fetischobjektes, und offenbaren viel eher das Interesse am Spiel mit Material, Täuschung und Kopie: der an der Wand angebrachte Sockel ist eine MDF-Platte, die aus gepressten Holzspänen besteht, auf der Oberfläche mittels einer Folie aus Kunststoff Holzparkett imitiert. In Nachbarschaft zu Birkerts Skulpturen befinden sich großformatige Siebdrucke von Elisaveta Braslavskaja. Die Akanthuspflanze, eine Distelart, ist allen voran bekannt als stilisiertes Blattornament, das seit dem 5. Jahrhundert als dekoratives Element korinthischer Kapitelle dient. Braslavskajas Arbeiten verhandeln nicht das Ornament als solches, sondern dessen Ursprung und Verästelungen. „Braided Water I“ wie „Braided Water III“ wirken wie durchleuchtende Röntgenaufnahmen der Akanthuspflanze; die Präzision der Bilder – Braslavskaja hat sie mehrfach eingescannt – eröffnet den Blick auf die kelchartigen Blätter, ihre Anordnung und Form. Durchscheinende Überlagerungen in „Braided Water III“ erinnern an Fotogramme; in der Durchsichtigkeit der einzelnen Elemente lassen sich die Gedanken über das Ornamentale anknüpfen. Überlagerungen und Beschichtungen sind ebenso in „Braided Water II“ wiederfinden: auf dem CMYK-Druck eines erneuten Scans sind Zeichnungen von Ornamenten in unterschiedlichen Stadien platziert. Neben den zarten Umrissen eines korinthischen Kapitells, befindet sich ein blau-gelb gesticktes Ornament, das ein rätselhafter Ausschnitt einer persischen Miniaturmalerei ist, sowie ein unvollständig gesticktes Ornament in leuchtendem Orange, welches die Künstlerin selber entworfen hat. Statt eine Kritik am Ornament zu formulieren – was naheliegen könnte mit dem Blick auf die kunsthistorische Aufladung der Themen – regt Braslavskaja eine (kultur-)historische Auseinandersetzung mit der Formgeschichte des Ornamentalen an. Die Setzung des Bezuges zwischen Ornament und Ursprung verweist auf die Produktionsprozesse des Ornamentes und erlaubt einen vergleichenden Blick; wo geschwungene Formen der Abbildung und Zeichnung sich ähneln, lässt sich doch auch das Phantastische und der Eingriff des Menschen in das Ornament erkennen. Wo das Umreißen die Form erzeugt und bestimmt, ist sie doch nur im Kontext ihres großen Ganzen zu erkennen und verstehen: die blau-gelbe Stickerei besticht genau diesen Gedanken. Die Alternationen des Ornaments, die in der Arbeit zu erkennen sind, nämlich Ursprung und Abstraktion, Umriss und Vollendung, sind die ganz eigenen Metamorphosen des Ornaments. Im Flur des Gebäudes sind kleine Aquarelle angebracht; wie kleine Studien zeigen sie ähnliche malerische wie zeichnerische Untersuchungen des Ornamentes.

Die Ausstellung setzt sich im lichtdurchfluteten Erker fort. Zentral im Fluchtpunkt ist die Arbeit „First Sun (3)“ von Immanuel Birkert positioniert. Der aus Holz geschlagene Sockel erscheint als ein rankendes Gebilde, erinnert an die ineinander geschlungenen Linien der Art Nouveau Formensprache. Auf dem Sockel befinden sich zwei Beine, in ähnlicher Größe zu „Untitled“; sie sind mit kleinen Zacken besetzt, die scheinbar Illustrationen von Flammen sind. Die spitz zulaufenden, geschwungenen Enden dieser Flammen erinnern an die ähnlich geformten Blätter der Akanthuspflanze und an die Auseinandersetzungen mit dem Ornament in Braslavskajas Arbeiten. In „First Sun“ sind sie jedoch nicht Teil einer beinah wissenschaftlichen Auseinandersetzung im künstlerischen Medium, sondern verlieren sich in traumartigen Narrativen, die an mythologische Szenen erinnern. An der geschlossenen Seite befindet sich eine Bleistiftzeichnung, in der Menschen in verschiedenen Formen und Zuständen dargestellt werden: einem Mann wachsen Zweige aus dem Kopf, die Arme eines anderen lösen sich in wellenartige Schlingen auf, ein anderer hat an den Knien Ausbeulungen wie Tumore. Wer aus einem Traum erwacht, erinnert sich zumeist nicht mehr an konkrete Formen und Situationen, sondern an schemenhafte Umrisse und Emotionen: die hier abgebildeten Figuren erscheinen ebenso, als wären sie Teil eines fiebrigen Traumes, die ihre Form prozessual verlieren oder verändern. Dennoch werden in den sich auflösenden Linien und Schraffuren Erinnerungen an Menschendarstellungen und etwaige Phantasmen vermittelt. Flankiert wird die Arbeit von kleinen Siebdrucken Braslavskajas und zwei gerahmten Keramiken Birkerts. Die Keramiken „Riverscape“ erwecken den Eindruck, als wären sie noch feuchter Ton; Birkert hat sie nach dem Prozess des Brennens mit Öl angemalt. Sie bestehen aus ähnlichen züngelnden Flammen, verlieren sich durch den reliefartigen Charakter teilweise in der Oberfläche. Ihr Titel, zu deutsch Flusslandschaft, bindet sich unmittelbar an den Titel der Ausstellung und schafft eine Relation zwischen den Flammen, den Ornamenten, den Abstraktionen und dem Traumartigen. Die Siebdrücke Braslavskajas sind überblendet mit Transparentpapier, durch die Ornamente gestickt wurden; die Überlagerung wird hier durch eine Überschneidung beider Formen zu einer neuen Form, einem eigenen Ornament; das grobe Raster des Siebdruckes trifft auf die milchige Oberfläche des Papiers, die händische Stickerei auf den digitalen Scan.

Der Titel der Ausstellung, „Braided Water“, entlehnt sich der Form eines verzweigten Flusslaufes, der sich rhizomatisch durch die Landschaft verästelt; auf Satellitenbildern erscheinen diese Verflechtung stillstehend, die Wasseroberfläche wie verlaufende Farbflächen. Die gezeigten Arbeiten bewegen sich in ihren Ausuferungen über Form und Sein, Abstraktion und Präzision, Kulturgeschichte und Mythologie, ähnlich einem Fluss, schmiegen sich an die benannten Themen und finden sich in offenen Mündungen wieder. Wo Ovids Metamorphosen stets den Anspruch der Vollendung und damit die Abkehr von Unbestimmtheit und Chaos bedeuteten (wenn auch die Endszenen teilweise tragisch oder ebenso phantastisch und damit sicherlich wieder unbestimmt waren), lassen sich Elisaveta Braslavskaja und Immanuel Birkerts Arbeiten in unendlichen Metamorphosen weitertreiben.

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1Vgl. Patrick Dandrey über die Metamorphosen Ovids.