Review: NOVA – Major Confidence

In Versions. Or a Word for World.

von Jasmine Grace Wenzel

 

WELT 1: MAJOR CONFIDENCE

„What’s one thing Kanye has taught you?“ the outlet queried.
„Kanye has taught me major confidence,“ Kim said.[1]

Während eines Video-Interviews für Vogue im April 2019 wurde das Celebrity-Duo Kim Kardashian und Kanye West nicht nur danach gefragt, wie sie einander verfielen oder wie sie die Familie mit ihrem Terminplan in Einklang bringen, sondern auch danach, wie ihre Beziehung ihre individuellen Persönlichkeiten gestärkt hat.
Zu welchen imaginären Weltentwürfen kann Major Confidence anregen? Was können wir aus den kuratierten Ausschnitten des Intimitätsscheins populärer Figuren ziehen? Und wieso berührt uns das eigentlich? Unter dem Ausstellungstitel Major Confidence versammeln die Künstler*innen Taissa Fromme und Max Broda installative Umwelten, die sie aus unterschiedlichen Realitätsblasen generieren, in andere Ebenen überführen und damit neue zusammensetzen. Major Confidence wird als motivierende Kraft in fremde Kontexte eingewebt; sie ermöglicht, durch vermittelte Sphären zu navigieren und in kooperativen Formationen von Power Couplings beweglich zu bleiben. Diese Art des Worldings, das Schaffen von medialen Welten in der Kunst, kann darüber Aufschluss geben, wie scheinbar unerreichbare Sphären, etwa die Lebensrealitäten von Stars, uns in ihrer Oberflächlichkeit berühren. Vielleicht kann es aber auch darüber Aufschluss geben, welche Art der Berührung einer Ferne unsere Bubble-Wahrnehmung charakterisiert. Welche Formen der (Be-)Rührung bleiben ausgespart und auf welche Weise verstärkt dies noch ihre Faszination? Im assoziativen Blurr erlangt eine Imagination des Außen Eintritt zu ganz anderen Welten; um als gebaute Umgebung dann weiter zu mutieren, zu strömen, umher zuweltenzu um-welten.

WELT 2: MAX BRODA

Der Unterschied zwischen Dampf und Rauch wird nur dann ersichtlich, wenn Verweise auf die Verursachung in Erscheinung treten. Hier ist es die orange glühende Luft, die uns zu Zeug*innen eines post-explosiven Tanzes werden lässt. Drehe ich eine kleine Runde im Raum und kehre zu den Bildschirmen zurück, wird die minimale Bewegung des Abgebildeten merklich. In Max Brodas Zwei-Kanal-Videoinstallation wird das Vorüberziehen dieser wolkenartigen Formationen im achtstündigen Loop in seiner zeitlichen Ausdehnung ausgekostet. In diesem Wolkenschauspiel wie auch auf den Fotografien im Raum erkennen wir Details skalierter Bruchstücke in grober Körnung. Die Fotografien zeigen einen Rocksaum, der sich über einem Bein lüftet, in serieller Verschiebung minimal unterschiedlich abgebildet. Sie zeigen auch eine etwas unbeholfene Frau, die in Unterwäsche bekleidet vor einer Kamera steht und sich nicht ganz sicher zu sein scheint. Das Persönliche zerfließt in einer vervielfältigten Beliebigkeit. Ein Moment, der nicht für mehr als vier Augen bestimmt war, sickert also durch ein Leck auf 4chan.
Die Quellen dieser Bilder liegen irgendwo zwischen den Schnipseln eines Realitäts-Voyeurismus privater Szenen und den verhüllten Trümmerteilen aus Katastrophengebieten dieser Welt. Sie sind Ausschnitte einer vermeintlichen Wahrheit; einer in neue Welten überführten ästhetischen Verallgemeinerung. Es herrscht ein Zwang zur Verbindung, zur Ordnung der Teilchen in informationsarmen Umgebungen. Das Passieren des Ereignisses wird ausgeschnitten, bleibt blickdicht und eine Postproduktion, ein Nachspiel. Es handelt sich um inhaltliche Negative, die im Prozess des Verwischens und der Verallgemeinerung eine neue Kohärenz von unzusammenhängenden und weichgezeichneten Gewaltdarstellungen schaffen.
Kann aus der Distanz ein Bezug entstehen? Im Sammeln von gefundenen Bildern, wie es Max Brodas Arbeitsprozess charakterisiert, liegt die Ernsthaftigkeit des Archivierens, des Bewahrens und Wertschätzens dieser Fundstücke. Sein Verfahren ist kein Bloßstellen der dargestellten Ereignisse. Eher liegt ein Anerkennen ihrer Bildhaftigkeit darin, ein Heraus-Sehen der ästhetischen Unsicherheit, von Verletzlichkeit und Scham geprägten Momenten, die für einzelne Augen bestimmt waren. Die Eigendynamik des Bildes an sich, das Material und seine Beschaffenheit stehen dabei im Mittelpunkt. Dieses Vorgehen, der Prozess dieses Herausschälens eines Bildes, ähnelt dem des Malens. Aus dem All werden Szenen minimalisiert. Das Material bildet Effekte einer Situierung ab, in der wir nur punktuell wahrnehmen können und mit anderen Welten in voyeuristischer Korrespondenz stehen. Selbst wenn sich die gefundenen Realitätspartikel in der Ferne abspielen und auseinander streuen, gelangt diese Art von Feinstaub des Weltgeschehens mit der Dringlichkeit von Krisennachrichten oder der Sensationslust am Privaten zu uns. Weich zeichnet die Distanz als Mittler. Nicht jede schlimme Nachricht kann uns mit ihrer ursprünglichenWucht treffen, wenn sie in der Ästhetisierung einer gefühlten Intimität bereits als andere Welt fortwandelt oder wie Broda es fasst: “Wäre die Katastrophe nicht so schrecklich, könnte man es Kunst nennen.”

WELT 3: TAISSA FROMME

Wir knien nieder. Fünf Schaufenster erlauben den Blick in die weiße Box auf dem Boden, eine hybridisierte Schauanordnung aus Vitrine und Vivarium[2]. Wir sehen in den Kasten hinein: Zwei Lichtquellen mimen die Bestrahlung mehrerer Sonnen, die Wände der Box sind steril gefliest, in der Mitte eine moosbewachsene Miniaturlandschaft, aus der eine in voller Blüte stehende Orchidee emporragt. Auf ihr thront das getarnte Viech, eine unbestimmte Fangschreckenart aus Vietnam, die wir im Internet bestellen können. Das Milieu in der Box ist von der Regulierung verschiedener Parameter abhängig, die für gleichmäßige Bedingungen sorgen sollen: das grelle Licht der Leuchtstoffröhren und eine Temperatur zwischen 22 und 28°C mit einer relativen Luftfeuchtigkeit von 50 bis 60%. Die Fangschrecke selbst wird durch die Ernährung mit großen Fruchtfliegen am Leben gehalten. Das Vivarium ist geschlossen, aber für Blicke und teilweise durch vergitterte Öffnungen im Behälter zur kontrollierten Luftzirkulation geöffnet. In diesem White Cube lassen sich nicht nur die beiden exotisierten Wesen beobachten. Er inszeniert ebenfalls eine romantisierte Natursehnsucht und den Wunsch nach der Schaffung eines natürlichen Lebensraums.
Taissa Frommes Skulptur stellt zwei Arten aus, die sich in ihrer Mimikry kreuzen. Durch die Überwindung der Grenzen ihrer eigenen genetischen Identität gelangen die bewohnenden Kreaturen zu einer optimierten Lebensform. Im Zuge von Kolonialexpeditionen aus ihren natürlichen Lebensräumen entnommen, wird nun eine gestaltete Umwelt zu ihrem neuen Miniatur-Ökosystem. Das Vivarium ähnelt frühen Wardian Cases, die einst für den Transport exotischer Pflanzen nach Europa gebaut wurden und eine geschützte Umgebung für eingewanderte Arten bilden sollten. Verkapselt in einem vollständig regulierten, aber sicheren Raum, bilden auch hier die beiden Wesen eine Verbindung von natürlicher, verbesserter Schönheit.
Nach der Kolonialisierung und der Zerstörung der Herkunftsmilieus setzen sich aus den entnommenen Inhalten neue intime Wohnräume in der unberührten Ferne der Aneignenden zusammen. Living Room bedeutet Wohnzimmer, kann aber auch ein Lebensraum sein, der mit verschiedensten Mattscheibenformaten den Blick auf das Fenster zur Welt freigibt. Mit einer unschuldigen Haltung genießen wir die abgesonderte Betrachtung, wie sie vermeintlich objektiv auf eine Experimentalumgebung oder auf die Mimesis von tropischen Paradiesen gerichtet wird.
In ihrer Installation kommt Taissa Frommes Beschäftigung mit der Hobbyszene von Züchter*innen tropischer Pflanzen und Insekten zum Ausdruck. Die Faszination dieser eurozentristischen Subkultur lebt anteilig von Sorge um und Unterhaltung durch die immigrierten Lebewesen. Während wir sie in die Umgebungen unserer Wohnzimmer und in künstliche Unterhaltungswelten integrieren, verwischt, wer eigentlich wen parasitiert, wenn der Fortbestand der Art durch ihre ästhetische Verwertbarkeit aus einer menschlichen Perspektive gesichert wird. Der domestizierten Diaspora jener Arten gelingt durch ihren Faszinationswert das Überleben in einer lebensfeindlichen Umgebung. Gleichzeitig entpuppt sich mit dem Anblick der abgebildeten Oothek (einem kokonartigen Eierbündel der Fangschrecken) die parasitäre Koexistenz eines interspezifischen Kolonialismus.

 

INVERSIONS. OR A WORD FOR WORLD

Entsprechend unserer Erfahrung setzen sich unsere Umwelteindrücke zunehmend aus anthropogenen, also menschlich gestalteten Elementen, zusammen. Installative Sphären wie Taissa Frommes Vivarien oder auch die Bildwelten Max Brodas lassen sich als ästhetische Einhegungfassen, die durch „die Tätigkeit des Isolierens als Ausgrenzung eines Objektbereichs […] eine allgemein technische Idee”[3] darstellen, wie es der Philosoph Peter Sloterdijk beschreibt. Darin wird eine Umkehrbeziehung deutlich, die sich in der Konstruktion von künstlichen Welten wiederfinden lässt. Die Umwelt-Umkehrung bedient sich des Wissens environmentaler Gestaltungstechniken, bei der eine komplett gestaltete Umwelt bedeutet, “die Umgebung [zu] umgeben, das Umgreifende [zu] umgreifen, das Tragende [zu] tragen”[4], worin sich die Unterscheidung zwischen natürlicher und artifizieller Umwelt verschiebt und schließlich auflöst. Aus der Konstruiertheit künstlicher Umwelten resultiert also der Versuch eines Idealzustands vollständiger Regierbarkeit, in dessen Modus das Worlding doch wieder seine Grenzen erhält.
Zwischen Nachrichtenfeeds und Science-Fiction-Welten lassen wir unsere Blicke durch ein anthropozänes Bild der Natur und ihrer environmental ausgestalteten Parallelwelten schweifen. In ihnen wird offensichtlich, wie verletzlich diese Bündnisse des Zusammenlebens aus spezifischen koexistenziellen Begegnungen in der Dauer von vermeintlich natürlich entwickelter Zeitlichkeit entstanden sind. Menschliche Gestaltungsprozesse greifen darin in eigensinniger Geschwindigkeit ein und offenbaren die Sensibilität jener Lebensräume, die wir einerseits zerstören und andererseits mit einem gesteigerten Sorgeaufwand in abgeschlossenen Behältnissen domestizieren. Beides lässt sich mit einer distanzierten Faszination fremder Welten betrachten und in weiteren Welt-Überführungen ästhetisieren. Welchen Blick schlagen die Bewohner*innen dieser Welten auf? Diese Berührung meint nicht bloß den Augensinn, sondern die Möglichkeit einer wahrgenommenen Wechselseitigkeit. Parallel dazu bilden wir kooperative Formen im Kleinen, betten uns ein, sind einander Umwelt. Aus einem ehemaligen Kontext entnommen und rekombiniert, lassen diese Bilder nur Ahnungen zu, welchen Erfahrungen sie beschnitten wurden. Sie verwischen nicht bloß einen Ursprung, sondern auch die Vergleichbarkeit in ihrer Vermittlung. Die Art der Berührung ist selbst blurry. Dazwischen spinnt sich der Faden einer Erzählung, in der wir alles in eine verstehbare Ordnung bringen möchten. Langsam bäumt sich eine friedvolle anthropozentrische wie eurozentristische Realität auf, die ungestört in Formationen des Inneren vor sich hin wabern kann. Die Erfahrung der Eigen-Fäulnis bedarf heute keiner unmittelbaren Begegnungen mehr. Doch abgesehen von einer möglichen hereinbrechenden Katastrophe, von kippendem Klima und von stetigen Migrationsbewegungen, soll dies hier kein Verschließungsplädoyer werden. Über die Schnittstellen von Kim und Kanye, einer Mantis oder einem anderen diffusen Mittler stellt sich die Frage nach einem Koexistenzialismus; danach, wie diese unterschiedlichen Welten, vielleicht in der Verbindung von unterschiedlichen Faszinationsräumen, in Berührung treten können.

Jasmine Grace Wenzel schloss ihren Bachelor in Medienwissenschaft an der Bauhaus Universität Weimar ab und studiert derzeit Kulturwissenschaft (M.A.) an der Humboldt Universität zu Berlin. Sie ist Mitgründerin und Herausgeberin des GROVE journals, einem Print/Online-Magazin für kreative Ökologien. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Major Confidence
Taissa Fromme / Max Broda

  1. – 26. Mai 2019

NOVA, Weimar
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NOVA ist eine Plattform für zeitgenössische Kunst und für aktuelle Fragen künstlerischer Praxis und ihrer (Re)Präsentation. In Ausstellungen und anderen experimentellen Formaten widmet sich NOVA dem Diskurs von, mit und über die Künste.
NOVA wurde im Frühjahr 2019 in fakultätsübergreifender Zusammenarbeit mit Studierenden der Bauhaus-Universität Weimar gegründet und verbindet die akademische Lehre mit der praktischen künstlerischen wie kuratorischen Arbeit an konkreten Projekten.

[1]https://www.vogue.com/article/73-questions-with-kim-kardashian-west(10.05.2019)

[2]Vivarien sind abgeschlossene Anlagen, die lebendige Umwelten in sich tragen, meist zur Aufzucht und Pflege von Tieren. Sie sind Schutzräume ihrer lebendigen Inhalte und können als einer der ersten Versuche gelten, artifizielle Ökosphären zu bauen.

[3]Peter Sloterdijk: Sphären III. Schäume. Suhrkamp, Frankfurt am Main. 2004. S.315.

[4]Vgl. Ebd. S.315.

Alle Abbildungen © Jannis Uffrecht 2019